04.04.2026

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Aktuelle Studie macht deutlich

In Deutschland herrscht Gewalt

Frauen sind am häufigsten die Opfer – Viele Taten werden nicht angezeigt

Peter Entinger
18.02.2026

Die Bundesregierung hat erstmals eine umfassende Dunkelfeldstudie zu Gewalterfahrungen in Deutschland vorgelegt. Was bislang vor allem aus der Polizeilichen Kriminalstatistik bekannt war, erhält damit eine neue, deutlich breitere Datengrundlage. Die Untersuchung mit dem Titel „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ beruht auf einer repräsentativen Befragung von mehr als 15.000 Menschen zwischen 16 und 85 Jahren. Ihr Ziel: das tatsächliche Ausmaß von Gewalt in Familie, Partnerschaft und im öffentlichen Raum abzuschätzen – jenseits der angezeigten Fälle.

Das zentrale Ergebnis ist ernüchternd. „Fast jede sechste Person erlebt körperliche Gewalt in der Partnerschaft – und
19 von 20 Taten werden nicht angezeigt“, erklärte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) bei der Vorstellung der Studie. Das Dunkelfeld sei „riesig“. Gewalt sei „kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land“. Die Anzeigequoten liegen laut Studie bei den meisten Gewaltformen unter zehn Prozent, bei psychischer und körperlicher Gewalt innerhalb von Partnerschaften sogar unter fünf Prozent.

Während die öffentliche Debatte oft spektakuläre Einzelfälle oder statistische Jahresvergleiche im Fokus hat, macht die Studie deutlich, dass Gewalt vielfach im Verborgenen bleibt. Das gilt insbesondere für sexuelle Übergriffe und Belästigungen. Frauen sind davon deutlich häufiger betroffen als Männer, zugleich bringen sie entsprechende Taten seltener zur Anzeige. Scham, Angst vor Eskalation, wirtschaftliche Abhängigkeit oder fehlendes Vertrauen in staatliche Stellen wirken offenbar hemmend. „Dieses Schweigen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden Zugängen zu Hilfe“, sagte Prien. „Schuld und Scham liegen immer bei den Tätern, niemals bei den Betroffenen.“

Wichtige Daten zu Dunkelfeldern
Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einem klaren Handlungsauftrag. „Es geht darum, die Opfer von Gewalt in den Mittelpunkt zu stellen. Die Opfer brauchen Schutz und müssen sich frei bewegen können“, erklärte er. Konkret kündigte er an, dass der Einsatz von K.-o.-Tropfen künftig „so geahndet wird wie der Einsatz einer Waffe“. Zudem solle das sogenannte spanische Modell elektronischer Fußfesseln für besonders gefährliche Täter eingeführt werden, um Betroffene besser vor Nachstellungen durch Ex-Partner zu schützen.

BKA-Präsident Holger Münch betonte die strukturelle Bedeutung der neuen Datengrundlage: Mit der Studie würden erstmals umfassende, geschlechterübergreifende Dunkelfelddaten zu Gewalterfahrungen in Deutschland vorliegen. Damit werde es möglich, Präventionsmaßnahmen gezielter auszurichten.

Tatsächlich zeigt sich in der Studie nicht nur das Ausmaß partnerschaftlicher Gewalt, sondern auch eine erhebliche Verbreitung von Belästigungen im öffentlichen Raum. Junge Frauen berichten besonders häufig von sexualisierten Übergriffen, während Männer häufiger Opfer körperlicher Gewalt durch andere Männer werden. Gewalt ist somit kein monokausales Phänomen, sondern Ausdruck komplexer sozialer Dynamiken.

Viel zu wenig Schutzräume
Die politischen Konsequenzen werden nun an der Ernsthaftigkeit gemessen werden müssen, mit der sie umgesetzt werden. Die Bundesregierung kündigte an, mit einem Gewalthilfegengesetz ein „verlässliches, flächendeckendes Schutznetz“ schaffen zu wollen. Das klingt nach Systematik, nicht nach Symbolpolitik. Doch der Erfolg solcher Maßnahmen hängt weniger von Ankündigungen als von Ausstattung, Personal und klarer Prioritätensetzung ab. Frauenhäuser, Beratungsstellen und Präventionsprogramme sind seit Jahren überlastet, und es gibt viel zu wenig von diesen wichtigen Einrichtungen.

Gesellschaftlich wirft die Studie eine unbequeme Frage auf: Wie viel Gewalt wird als „privat“ verdrängt, solange sie nicht aktenkundig wird? Zudem gibt es in der Studie auch Unklarheiten. Die Aussage, dass Männer im privaten Raum nahezu gleich viel körperliche Gewalt erfahren würden wie Frauen, verblüfft. Kritiker monieren, man müsse in diesem Punkt die Schwere der Gewalt unterscheiden. Auch auf die Frage, ob kulturelle Einflüsse oder der Migrationshintergrund eine Rolle spielen, gibt die Studie überhaupt keine wirklichen Antworten.

Die neue Studie punktet aber dennoch mit erschreckenden Zahlen. Sie konfrontiert Politik und Gesellschaft mit der Diskrepanz zwischen registrierter und erlebter Gewalt. Der Schutz von Familie und persönlicher Integrität gehört zu den Kernaufgaben des Staates. Wenn aber nahezu jede sechste Person in einer Partnerschaft körperliche Gewalt erlebt, dann ist das keine bloße Randnotiz, sondern ein strukturelles Problem. Und dagegen kann nur eines helfen: Es muss konsequent gehandelt werden.


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Kommentare

Peter Wendt am 24.02.26, 10:44 Uhr

Frauen von Gewalt am häufigsten betroffen? Ehrlich gesagt bezweifle ich solche Aussagen sehr stark. Jahrzehntelang war nämlich genau dieses in den Statistiken nicht abzulesen. Männer waren deutlich öfter Opfer von Gewalt. Wenn dies in neueren Untersuchungen, geradezu alarmierend der Begriff Dunkelfeldstudien, der Fall ist vermute ich politischen Einfluss. Heutzutage vertraue ich keiner einzigen Untersuchung mehr, sofern ich nicht vorher weiss wer sie bezahlt hat und wie die Zielvorgaben waren.

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