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Wie Trump uns aus der Wiege schmeißt, und warum wir trotzdem lieber weiter dösen und spinnen
Von der Sowjetunion lernen heißt, siegen lernen!“ Diesen Bannerspruch kannte nicht nur in der DDR jedes Kind, selbst zu den Westdeutschen war er lange vor dem Mauerfall durchgedrungen. Allerdings kam er westlich des Eisernen Vorhangs ebenso wie in der DDR selbst eher mit ironischem Unterton über die Lippen. Wer ihn ernst nahm, geriet schnell in den Verdacht, dass seine Tassen im Schrank unvollständig sind.
Donald Trump scheint das ganz anders zu sehen. Er scheint bei der Methode, wie man Gefolgsstaaten an sich bindet, um seinen Weltmachtstatus abzusichern, bei den roten Kreml-Herren abgeguckt zu haben. Während des Kalten Krieges folgten US-Amerikaner und Sowjets sehr unterschiedlichen Strategien. Die Amis setzten vor allem auf „Soft Power“. Damit ist nicht nur der Export der US-Popkultur gemeint. Der Trick bestand darin, andere Völker dazu zu bringen, dass sie selbst die Überzeugung annahmen, ein Bündnis mit der Supermacht in der Neuen Welt sei eine gute Idee, und zwar aus Eigennutz.
In Moskau hielt man sich mit dieser Zuckerbrot-Taktik nie lange auf und zeigte den anderen lieber die Peitsche. Die Botschaft von der Moskwa an die „Bündnispartner“ war unmissverständlich: Bleibt folgsam, sonst machen wir euch platt. 1953 durften die Deutschen in der DDR und 1956 die Ungarn spüren, was das bedeutet. Seit 1968 wussten auch Tschechen und Slowaken Bescheid.
Trump aber pfeift auf „Soft Power“. Im Tonfall eines gekränkten Despoten vergeht kaum noch eine Woche, in dem er langjährigen Verbündeten nicht mit irgendwelchen Vergeltungsmaßnahmen droht, falls sie nicht nach seiner Pfeife tanzen. Ganz im alten Kreml-Ton knurrt der US-Präsident: „Wenn ihr uns nicht gehorcht, sollt ihr mal sehen, was euch blüht. Wir haben euch gewarnt!“
So fauchte er den NATO-Verbündeten noch kurz vor Ostern giftig entgegen, dass das ganze westliche Bündnis Mist sei, wenn sie die USA jetzt nicht in dem wichtigen Kriegsziel unterstützen wollten, die Straße von Hormus wieder freizukämpfen. Welt-TV-Korrespondentin Tatjana Ohm stellte da die spöttische Frage, was denn das für ein Kriegsziel sein solle – „eine Wasserstraße wieder aufzukriegen, die vor dem Krieg gar nicht geschlossen war“.
Solche Details aber kümmern den Mann im Weißen Haus nicht im Mindesten. Er erwartet, dass die Verbündeten (an-)tanzen, wenn er ruft, sonst gibt's was. Was man in Moskau seinerzeit wenigstens noch in verlogenem Brudervölker-Gewäsch verbrämt hatte, schleudert er gerade heraus.
Ob das auf Dauer gut geht? Vielleicht kann man den einen oder anderen Partner damit vorübergehend einschüchtern, aber stabil an sich binden? Nach dem Ende der alten Sowjetherrschaft wollten fast alle „Bruderstaaten“ so schnell wie möglich weg von Moskau. Nur der Diktator in Minsk blieb bei der Stange. Der benötigt Moskau jedoch nicht zum Schutz vor Bedrohungen von außen, sondern vorm eigenen Volk. Das zählt nicht.
Am Ende seiner Präsidentschaft könnte als Resümee in den Geschichtsbüchern stehen, dass Donald Trump jener US-Präsident war, der ein in 80 Jahren zäher Arbeit und schlauer Selbstvermarktung aufgebautes Weltimperium unter der Führung Washingtons in nur einer einzigen Wahlperiode in die Luft gejagt hat. Nämlich, weil sich alle bisherigen Gefolgsstaaten von den USA abgewendet haben, um etwas Eigenes aufzubauen. Fürwahr eine historische Leistung!
Wir könnten zwar, wollen aber nicht
Wobei das mit dem Aufbauen von etwas Eigenem allerdings nicht so einfach ist. Insbesondere, wenn man sich so sehr daran gewöhnt hat, in der bequemen Wiege fremder Abhängigkeiten zu dösen, um seinen Spinnereien zu frönen, statt sich der harten Wirklichkeit zu stellen. Deutschland scheint im Schoße solcher Abhängigkeiten extra tief eingeschlafen zu sein, weshalb uns der Fall aus der Träumer-Wiege nun besonders hart trifft. Nachdem schon das russische Gas nicht mehr kam, ist nun also auch die Straße von Hormus dicht – und wir merken erst jetzt, was wir alles versäumt haben.
Aber für diese Abhängigkeiten können wir nichts, verteidigen sich die politisch Verantwortlichen. Deshalb sei auch die Energiekrise, in die wir jetzt mit Karacho gerutscht sind, nicht die Schuld der deutschen Führung. Aber stimmt das wirklich? Nicht ganz: Experten haben schon vor Jahren ausgerechnet, dass in der deutschen Erde so viel potenzielles Fracking-Gas liegt, dass wir zumindest die Hälfte dessen, was früher Russland lieferte, selbst fördern könnten. Das wäre mehr als ein Viertel unseres gesamten Verbrauchs – und das auf viele Jahrzehnte hinaus. Und wir haben noch mehr eigene fossile Energierohstoffe: Aber statt unsere eigenen Kohlevorkommen zu nutzen, die stattlich sind, hohlen wir die meiste Kohle ebenfalls von weit her. Und wenn der Kohleausstieg mit dem Ende der letzten Braunkohleförderung komplett ist, sogar ganz.
Das Gleiche gilt für Kupfer, Lithium – ja sogar Sand und Kies. Auch unsere hervorragenden Kernkraftwerke verschrotten wir, um uns Atomstrom nun im Ausland zu besorgen. Überall waren wir uns (aus angeblich ökologischen Bedenken, über welche die Fachwelt den Kopf schüttelt) zu fein, um an unsere eigenen Quellen zu gehen. So kann nun jedes erdenkliche Förderland mit uns Schlitten fahren, und jede weltpolitische Krise, durch die irgendwelche Lieferketten gestört werden könnten, wirbelt uns umher wie der Wind die Blätter.
Es ist, als säßen wir auf einem riesigen Sack Kartoffeln. Dennoch kaufen wir die Feldfrüchte immer nur bei anderen ein, obwohl das ruinös teuer ist und die Zuverlässigkeit der Lieferketten fraglich. Auf die Frage, warum wir uns nicht mal aus unserem eigenen, prall gefüllten Sack bedienen, antwortet die deutsche Politik: Nein, das kommt nicht in Frage. Es könnte doch sein, dass der Sack dabei beschädigt wird! Fachleute sagen, das könne gar nicht passieren, weil moderne Fracking-Methoden ökologisch unbedenklich seien? Egal, hier geht's ums Prinzip. Deshalb sind wir schließlich auch ohne jeden vernünftigen Grund aus der Kernkraft ausgestiegen. Nein heißt nein.
So dösen und spinnen wir einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Deutschland fehle es immer noch an Entschlusskraft und Dynamik, maulen Kritiker daher. Das ist wohl richtig, stimmt zum Glück aber keineswegs für alle Bereiche. Bei der Cannabis-Legalisierung etwa sind unsere Politiker äußerst entschlossen vorangeschritten. Zwei Jahre ist das jetzt her, und die Erfolge können sich wirklich sehen lassen: Die Rauschgiftmafia hat sich in Deutschland seitdem noch dynamischer entwickelt, die bis dahin fast unbekannte „Mocro-Mafia“ wurde uns erst ein Begriff, nachdem die Legalisierung beschlossen war. Und die psychiatrischen Kliniken melden 40 Prozent mehr Cannabis-bezogene Psychosen. Wir sehen: Die deutsche Politik kann sehr wohl schnell und zielgerichtet handeln, und Wachstum entsteht dann ganz von allein.
Annegret Kümpel am 19.04.26, 20:46 Uhr
Gut analysiert, bin gespannt wie es weitergeht.