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Stockholm im Fokus und Weltstars zu Gast – Das Schleswig-Holstein-Musik-Festival verordnet sich eine Verjüngungskur
Eine Erfolgsstory im bundesdeutschen Norden ist zweifellos das vom Pianisten Justus Frantz gegründete Schleswig-Holstein-Musik-Festival (SHMF). Seit vier Jahrzehnten lockt es die Klassikgemeinde in entlegene Güter, Herrenhäuser oder sogar Scheunen auf dem Land, damit sie weltbekannten Stars beim Musizieren lauschen kann. Inzwischen kehren viele altbekannte Namen Jahr für Jahr zurück und altern zusammen mit dem Publikum. Doch bei der 41. Ausgabe vom 4. Juli bis 30. August will sich das Festival mit neuen Formaten, Preisträgern und Crossover-Projekten deutlich verjüngen.
Im Zentrum des diesjährigen Musikfests steht die schwedische Musikmetropole Stockholm. SHMF-Intendant Christian Kuhnt betont, wie viel es dort jenseits von ABBA noch zu entdecken gibt. Besonders die klassische Musikgeschichte Schwedens sei in Deutschland oft noch ein „Schatzkästlein mit vielen Fragezeichen“. Das Festival rückt daher Komponisten wie Johann Helmich Roman, den „schwedischen Georg Friedrich Händel“, sowie Wilhelm Stenhammar und Franz Berwald ins Rampenlicht. Dabei verweist Kuhnt auch auf tiefe historische Wurzeln: So wurde der schwedische König Adolf Friedrich 1751 in Gottorf geboren und war somit ein „echter Schleswig-Holsteiner“.
Viele schwedische Ensembles wie das A-cappella-Folkquartett Kraja und The Real Group werden mit skandinavischer Frische, üppigen Harmonien und rhythmischem Feingefühl als musikalische Botschafter ihres Heimatlandes beim Festival auftreten.
Auch Nils Landgren, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, lässt es sich nicht nehmen, sein Heimatland zu präsentieren.
Der schwedische Posaunist und Sänger ist bereits seit 25 Jahren fester Bestandteil des SHMF und präsentiert sich in verschiedenen Facetten: mit dem Festivalorchester in Vincent Peiranis „Time Reflections“ (wo sinfonische Klänge auf fließende Jazz-Melodien treffen), im Dialog mit dem Geiger Daniel Hope (von Bach bis Sting) oder mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra in einem Programm, das unter dem Motto „Love of my Life“ Lieder von Leonard Bernstein, Kurt Weill und Cat Stevens mit eigenen Kompositionen verbindet. Landgrens Fähigkeit, Genres zu verbinden, macht ihn zum idealen Botschafter für den Stockholm-Schwerpunkt.
Mit Roxette kommt eine der erfolgreichsten schwedischen Popbands zum Festival. Nach dem Tod von Marie Fredriksson führt Gründer Per Gessle seit Anfang 2025 das musikalische Erbe gemeinsam mit Lena Philipsson fort. Ihr Konzert in der Kieler Wunderino Arena verspricht eine Zeitreise in die 90er Jahre, wenn Hits wie „The Look“, „Listen To Your Heart“ oder „It Must Have Been Love“ die Bühne zum Beben bringen.
Wer ABBA liebt, kommt ebenfalls auf seine Kosten: Die Saxofonistin Asya Fateyeva lässt mit der Lautten Compagney BERLIN die Melodien von Jean-Philippe Rameau und ABBA unter dem Titel „Dancing Queen!“ verschmelzen. Das Sinfonische Blasorchester Ratekau begleitet den Film „Mamma Mia!“ live, und der Festivalchor präsentiert das Musical „Chess“ von den ABBA-Männern Benny Andersson und Björn Ulvaeus in einer konzertanten Fassung als seltenen Leckerbissen für Musical-Fans.
Das Akkordeon im Rampenlicht
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Porträtkünstlerin des Jahres, Ksenija Sidorova. Die 1988 in Riga geborene Weltklasse-Akkordeonistin, die heute auf Sizilien lebt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihr Instrument aus der reinen Volksmusik-Ecke herauszuholen. Kuhnt ist sichtlich beeindruckt von ihrer Bühnenpräsenz: „Sie füllt den Raum und macht etwas, was nur wenige schaffen: Sie macht mich sprachlos.“ Sidorova wird in insgesamt 18 Konzerten die enorme Bandbreite des Akkordeons demonstrieren – von Soloabenden bis hin zu großen Orchesterprojekten.
Zum 25. Mal wird in diesem Jahr der renommierte Leonard-Bernstein-Award der Sparkassen-Finanzgruppe verliehen. Der amerikanische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein war bis zu seinem Tod 1990 eng mit dem Festival verbunden. Der Pianist Lang Lang, die Violinistin Lisa Batiashvili oder der Perkussionist Martin Grubinger verdanken dem Award einen Großteil ihrer Karriere. 2026 geht die Auszeichnung an die Trompeterin Lucienne Renaudin Vary. „Mit einer bemerkenswerten stilistischen Wandlungsfähigkeit, die von klassischer Virtuosität bis zu mitreißendem Jazz reicht, verkörpert sie den Geist des Preises in idealer Weise“, sagt Intendant Kuhnt.
Zur Eröffnung kommt ein Titan
Das Eröffnungskonzert am 4. und 5. Juli in der Lübecker Musik- und Kongresshalle setzt mit der Cellistin Anastasia Kobekina (Leonard-Bernstein-Award 2024) und dem NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Karina Canellakis ein starkes Zeichen. Dvořáks Cellokonzert und Mahlers Sinfonie Nr. 1 („Titan“) versprechen einen Abend voller emotionaler Tiefe und orchestraler Wucht.
Doch wer genau hinschaut, erkennt schnell: Viele der großen Namen sind alte Bekannte. Daniel Hope, Avi Avital, Hilary Hahn sind seit Jahren gern gesehene Stammgäste, die Kuhnt liebevoll als „Festivalfamilie“ bezeichnet. Zwar beweist das Festival mit der Reihe „Meisterschüler – Meister“ und dem Leonard-Bernstein-Award ein feines Gespür für den musikalischen Nachwuchs, und auch die „Crossover“-Konzerte, wie der Auftritt von Roxette in Kiel oder der Werftsommer auf der Gollan-Kulturwerft, zeigen den Willen zur Verjüngung. Dennoch stellt sich die leise, aber berechtigte Frage, ob der Pool der Stars, die den Norden Jahr für Jahr besuchen, nicht etwas mehr Mut zur Unbekanntheit vertragen könnte.
Dennoch: Die Anziehungskraft bleibt ungebrochen. Viele Konzerte sind bereits lange ausverkauft. Ob in den großen Konzerthäusern der Städte oder an den malerischen Spielorten auf dem Land – das SHMF schafft es, den Norden in einen Klangraum zu verwandeln. Die Mischung aus den großen, bewährten Namen, der intensiven Beschäftigung mit den Musikmetropolen der Welt und dem unermüdlichen Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer, die in jedem Winkel Schleswig-Holsteins den Betrieb am Laufen halten, bleibt das Fundament des Erfolgs.
0 Tickets telefonisch unter (0431) 237070 sowie online unter: www.shmf.de