12.04.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Dr. Andreas Bednarek will der Gruft der Stiftsdamen in Radmeritz wieder zum alten Glanz verhelfen
Bild: WagnerDr. Andreas Bednarek will der Gruft der Stiftsdamen in Radmeritz wieder zum alten Glanz verhelfen

Östlich von Oder und Neiße

In Radmeritz soll die Gruft der Stiftsdamen wiedererwachen

An der alten sächsisch-preußischen Grenze innerhalb Polens kehrt ein Kleinod zurück

Chris W. Wagner
17.03.2026

Wer heute über den stillen Kirchhof der Pfarrkirche St. Peter und Paul im niederschlesischen Radmeritz [Radomierzyce] geht, ahnt kaum, dass sich hier eines der bemerkenswertesten Zeugnisse barocker Sepulkral-, also Bestattungs- und Gedächtniskultur der Oberlausitz befindet: die Gruft des freiweltlich-adligen evangelischen Fräuleinstifts Joachimstein.

Die Kirche selbst entstand zwischen 1698 und 1713 unter dem Einfluss der Dresdner Architekten Christoph Beyer und Matthäus Daniel Pöppelmann. In dieser Zeit regierte der sächsische Kurfürst Friedrich August I., zugleich als August II. König von Polen. Sein Kammerherr Joachim Siegismund von Ziegler und Klipphausen ließ unweit der Neiße das Stift Joachimstein errichten. Eine großzügige Anlage für unverheiratete evangelische Adelsdamen, die 1728 dort einzogen. Solche Fräuleinstifte entstanden im protestantischen Adel nach der Reformation, als viele Frauenklöster aufgehoben wurden. Sie boten ledigen adeligen Frauen Wohnung, Versorgung und gesellschaftlichen Status, ohne sie an klösterliche Gelübde zu binden. Die Grablege der Joachimsteiner Stiftsdamen entstand wenig später auf dem Kirchhof neben der Kirche.

In unmittelbarer Nähe finden sich weitere historische Zeugnisse: etwa das Grabmal des Ritters von Lossow von 1313, das als eines der ältesten Rittergrabmale des Ostens gilt, sowie mehrere Grabplatten des 16. und 17. Jahrhunderts an der Kirche. Im Inneren der Gruft liegt auch der Stifter selbst begraben. Mit der erzwungenen Auflösung des Stifts 1945 verlor das Grufthaus seine Funktion. Seitdem steht es ungenutzt und ist dem fortschreitenden Verfall ausgesetzt.

„Wir befinden uns hier zwar auf polnischem Territorium, aber hier wurde sächsisch-polnische Geschichte geschrieben. Denn Ziegler von Klipphausen war zugleich Augusts Kammerherr in Dresden, als auch in Warschau“, sagt Dr. Andreas Bednarek, der Präsident des Rotary Clubs Görlitz, der mit den Rotariern aus Hirschberg [Jelenia Góra] nun grenzüberschreitend den Erhalt der Gruft startet. Es sollen Spenden eingeworben werden, um das Grufthaus in Radmeritz zu sichern und schrittweise zu restaurieren. Denkbar ist langfristig eine stille Nutzung als Dokumentations- und Ausstellungsort zur Geschichte des Stifts Joachimstein, zur Sepulkralkultur der Oberlausitz und zur Restaurierung des Bauwerks selbst.

Erster Schritt auf diesem Weg ist ein Benefizkonzert, dessen Erlös der Sicherung des Grufthauses zugutekommt. Am 14. März spielt der international bekannte Organist Ennio Cominetti auf Vermittlung der Hirschberger Partnerrotarier an der Casparini-Mathis-Orgel der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz. Cominetti ist ebenso Komponist sowie Chor- und Orchesterleiter. Seine Konzerte führen ihn seit Jahrzehnten in große Kathedralen und Konzerthäuser weltweit. Zugleich setzt er sich bewusst für historische Instrumente in kleinen Städten ein.

„Wir haben hier in Radmeritz mit dem Stift Joachimstein eine der größten Schlossanlagen, auch wenn es als Fräuleinstift genutzt wurde. Mit der Grenzziehung 1815 entsteht eine ganz eigenwillige Situation. Dieses Joachimstift liegt nämlich auf noch sächsischer und nicht auf preußischer Seite. Und die dazugehörige Kirche mit dem Grufthaus befindet sich auf einmal auf der preußischen Seite und ist schlesisch geworden. Ein abenteuerlicher Fakt, der uns aber zugutekommt, weil wir somit die schlesische Erika-Simon-Stiftung bemühen möchten“, so der Kunsthistoriker und Bauingenieur mit schlesischen Wurzeln. Der Hintergrund dieser Grenzsituation liegt in der Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 musste das Königreich Sachsen große Gebiete an das Königreich Preußen abtreten. Somit fielen Teile der Oberlausitz an die preußische Provinz Schlesien. An manchen Orten verlief die neue Grenze so kleinteilig, dass einzelne Gutshäuser und kirchliche Anlagen plötzlich auf zwei Länder verteilt waren – wie Radmeritz.

Heute liegt die Anlage inklusive Damenstift, Kirche und Gruft auf polnischer Seite, aber die Rotarier wirken auf beiden Seiten der Neiße. Im polnischen Radmeritz trennt die Wittig [Witka] den Ort historisch aber auch in einen preußischen Teil und das auf altsächsischer Seite liegende Stift. Der sogenannte Reichenauer Zipfel ist so der winzige und einzige Teil der deutschen Ostgebiete, der bis 1945 nicht preußisch war.

„Wir haben im Club Mitglieder und Freunde, die der polnischen Sprache mächtig und zum Teil sogar Muttersprachler sind“, so Bednarek. Mit denen ist er unterwegs, um im polnischen Teil mit dem Denkmalschutz, den Bürgern und Kirchgemeindegliedern ins Gespräch zu kommen. Adam Zabłocki aus Radmeritz, der das Grab seiner Mutter besucht, ist für die Renovierungsinitiative der Grablege offen. „Wir nennen sie Totenhalle. Ich denke, man müsste mit dem Schloss anfangen, denn die Stiftsdamen wurden ja hier beigesetzt. Die Ortsgeschichte ist den Einwohnern bewusst und alles, was den Ort in der Region bekannt macht, sehe ich als lobenswert an.“


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


powered by webEdition CMS