Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Immerhin zweimal in 100 Jahren wurde die Stadt an der Neiße „teil“-hellenisiert
Mit der erstmaligen Wiedergabe der allerersten Tonaufnahme des griechischen Instruments Bouzouki von 1917 wurde das Internationale Festival des Griechischen Liedes im Ost-Görlitzer [Zgorzelec] Paderewski-Park eröffnet. Im Jahre der Anerkennung der griechischen Gemeinschaft als nationale Minderheit durch das polnische Parlament bekam das 28. Festival eine besondere Bedeutung. Zugleich wurde an die 110-jährige Geschichte der Griechen an der Neiße in Görlitz erinnert.
Der Aktivist und Begründer des Festivals, Nikos Rusketos, wies darauf hin, dass zwischen 1916 und 1919 dort, wo sich heute die Parkanlage erstreckt: „Gäste aus Griechenland in einem 28 Hektar großenLager lebten“, so Rusketos, der mit seiner Band Orpheus 50 Jahre Bühnenjubiläum feiert. Erst Ende der 20er-Jahre wurde das Gelände überplant, die Gartenvorstadt angelegt und der Georg-Wiesner-Park [heute Park Paderewskiego] geschaffen. Dabei blieb ein Teil der ehemaligen Lagerfläche als Grünanlage erhalten.
Im September 1916 traf das IV. Griechische Armeekorps mit rund 7.000 Soldaten und Offizieren in Görlitz ein. Anders als gewöhnliche Kriegsgefangene waren die Männer freiwillig nach Deutschland gekommen. Hintergrund war die politische Krise in Griechenland während des Ersten Weltkriegs. Denn König Konstantin I. verfolgte einen neutralen Kurs und stand dem Deutschen Reich nahe, während Ministerpräsident Eleftherios Venizelos den Eintritt Griechenlands in den Krieg auf Seiten der Entente befürwortete.
Als bulgarische Truppen Ostmakedonien besetzten, erhielt das IV. Armeekorps den Befehl, keinen Widerstand zu leisten. Um einer Internierung durch Bulgarien zu entgehen, vereinbarte die griechische Führung mit Deutschland die Verlegung des gesamten Korps nach Görlitz. Die Soldaten galten nicht als Kriegsgefangene, sondern wurden als Internierte lediglich unter Aufsicht der deutschen Behörden untergebracht.
Vom Lager zur Gemeinde
Das Lager umfasste zahlreiche Holzbaracken, Wirtschaftsgebäude, Küchen, Lazarette und Werkstätten. Die Internierten konnten sich vergleichsweise frei bewegen. Sie besuchten Geschäfte und Gaststätten in Görlitz, nahmen am kulturellen Leben teil und gingen sogar teilweise einer Arbeit nach. Manche Offiziere wohnten zudem in Privatquartieren.
Schon bald entwickelte sich das Lager zu einer kleinen griechischen Gemeinde. Es fanden orthodoxe Gottesdienste, Theateraufführungen und Konzerte statt. Sportveranstaltungen gehörten ebenso zum Alltag wie der Betrieb einer Bibliothek. Sogar eine griechischsprachige Zeitung erschien regelmäßig. Die „Nea tou Görlitz“ berichtete über das Lagerleben und Ereignisse in der Heimat. „Die Ausgaben wurden archiviert und man kann sie gerne einsehen“, so Bibliotheksleiterin Krystyna Radzięta.
Auch für die Musikgeschichte spielte das Görlitzer Lager eine Rolle. Wissenschaftler der Königlich-Preußischen Phonographischen Kommission fertigten Tonaufnahmen griechischer Volksmusik und erstmalig auch der Klänge des traditionellen Instruments – der Bouzouki. Gesungen wurde sie von Apostolos Papadiamantis, begleitet von dem Bouzoukispieler Antonios Lingos.
Der Große Krieg hinterließ auch im Lager seine Spuren. Vor allem die Spanische Grippe forderte zahlreiche Opfer. 133 griechische Soldaten starben daran. Sie wurden auf dem Görlitzer Stadtfriedhof beigesetzt. Heute erinnert dort eine Gedenkstätte an die Verstorbenen.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs kehrten die meisten Soldaten nach Griechenland zurück. Dort gerieten viele wegen ihrer Internierung in politische Auseinandersetzungen und verloren ihre militärische Stellung. Rund 200 Griechen blieben in Görlitz, gründeten Familien und wurden Teil des städtischen Lebens. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein zweites Kapitel der griechischen Geschichte an der Neiße. Nach der Vertreibung der Deutschen aus dem östlichen Teil Görlitz', nahm die polnische Stadthälfte ab 1949 mehrere Tausend Flüchtlinge aus dem griechischen Bürgerkrieg auf. Bis 1950 kamen 15.000 Griechen und Makedonier per Schiff oder auf dem Schienenweg erst einmal nach Danzig, Gdingen, Stettin und dann nach Schlesien. Die größten Auffanglager befanden sich in Pölitz [Police] nördlich von Stettin und eben in Ostgörlitz. Bald schon entstand dort ein staatliches Erziehungszentrum für Kinder und Jugendliche aus Griechenland mit Grundschule, Lyzeum und Internat. Wegen dieser Einrichtung hatten die Flüchtlinge die Stadt „Paidopolis“ und die Slawo-Makedonier „Detski Grad“ genannt, beides bedeutet Kinderstadt. Im Sommer 1950 wurde das Erziehungszentrum aufgelöst und die Flüchtlinge auf die umliegenden Städte verteilt. Ein bedeutender Teil der Griechen und Makedonier blieb jedoch in Ost-Görlitz.
Griechisch als Schulfach
An die Geschichte der griechischen Gemeinschaft erinnert heute ein Obelisk im Paderewski-Park, die Gräber des Stadtfriedhofs auf deutscher Seite der Neiße und das Festival des Griechischen Liedes. Initiator Rusketos ist Nachkomme jener Gruppe von Griechen, die 1949 nach Ost-Görlitz kamen. Der Musiker rief 1998 das Festival ins Leben, das von da an regelmäßig durchgeführt wird. Mit dem Status als nationale Minderheit werden die Griechen an der Neiße noch mehr auf die Beine stellen können, hofft Rusketos, „vor allem werden wir Griechischunterricht an Schulen kämpfen.“