10.09.2026

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Dr. Dr. Andreas Tank: „Was meine Großeltern verschwiegen“, Frankfurter Allgemeine Buch Verlag, Frankfurt 2026, gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-96251-256-9
Dr. Dr. Andreas Tank: „Was meine Großeltern verschwiegen“, Frankfurter Allgemeine Buch Verlag, Frankfurt 2026, gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-96251-256-9

Das laute Erbe der Verstummten, um den leisen Schmerz zu lindern

Wie Enkel Dr. Dr. Andreas Tank gegen das Vergessen anschrieb, dabei ein bemerkenswertes Denkmal aus Erinnerungen der Eltern, Großeltern und Urahnen erschuf – und dabei auch für seine neugeborene Tochter die quälenden Schatten der Kriegsgeneration aus Flucht und Vertreibung durchbrach

Jens Eichler
10.09.2026

Hinter verschlossenen Türen lagen jahrzehntelang Briefe, Tagebücher und Bruchstücke einer dramatischen Vergangenheit: Als der Vater des Autors die Diagnose ALS erhielt, begann für Andreas Tank ein wettlaufartiges Ringen gegen das Vergessen. Aus der Angst vor dem Verlust und einem schier dämonischen Drang heraus transkribierte er hunderte Seiten Nachlass seiner einst aus Pommern vertriebenen Großeltern. Die Aufarbeitung führt weit über die eigene Familiengeschichte hinaus. Sie legt offen, wie Krieg, Flucht und das Schweigen der Erlebnisgeneration unbewusste Verhaltensmuster bis in die Enkelgeneration hinein prägen. Ein bewegendes Gespräch über das Erbe von Traumata, ehrliche Spurensuche und die Entschlossenheit, vererbte Seelenqualen nicht an die eigene Tochter weiterzugeben, sondern Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.

Herr Tank, Ihr Buch trägt den Titel „Was meine Großeltern verschwiegen“. Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass es in Ihrer Familie Dinge gab, über die nicht gesprochen wurde – und was hat schließlich den Ausschlag gegeben, dieses Schweigen zum Gegenstand eines Buches zu machen?

Schon als Jugendliche waren meine Schwester und ich passionierte Ahnenforscher. Meine aus Pommern vertriebenen Großeltern erzählten immer nur bruchstückhaft von früher – etwa wie sich meine Oma Lieselotte mit ihrer Schwester auf der Flucht 1945 mucksmäuschenstill hinter einem Spiegelschrank verstecken musste, während russische Soldaten teils für Stunden im Zimmer waren, oder wie sie ihr Elternhaus mit nur einem Koffer verließen. Bohrten wir nach, hieß es: „Das ist jetzt nicht dran.“ Zugleich deuteten sie stets an, dass es noch viel zu erzählen gäbe.

2023 erhielt mein Vater die Diagnose ALS, Lebenserwartung drei bis fünf Jahre. Da er das wichtigste Bindeglied zur Vergangenheit war, blieb nur noch wenig Zeit, ihn zu befragen. Er hatte nach dem Tod seines Vaters Konrad den Nachlass übernommen – ein außergewöhnlich umfangreiches Konvolut aus Briefen, Tagebüchern, jahrelanger Kriegsgefangenenpost und historischen Dokumenten. Getrieben von der Angst vor dem Vergessen scannte ich alles mit einem geradezu dämonischen Drang und transkribierte es binnen eines Monats auf 500 Seiten Text. So kompensierte ich meinen anfänglichen Schmerz über den absehbaren Verlust meines Vaters. An der Diagnose änderte das natürlich nichts, aber mir wurde klar: Hier lag eine Geschichte, die weit über meine Familie hinausweist. In der Erinnerung, so wurde mir bewusst, liegen jene Kräfte, die vor Wiederholung schützen können.

In den Briefen und Tagebüchern, die nie für fremde Augen bestimmt waren, erkannte ich potenzielle Erklärungen für in meiner Familie beobachtete Verhaltensmuster. Ich wollte verstehen, woher solche Muster stammen, sie hinter mir lassen und nicht an meine neugeborene Tochter weitergeben: Bis hierher und nicht weiter – ich bin die Enkelgeneration.

Wie schwierig war es für Sie, sich der eigenen Familiengeschichte nicht nur als Autor und Rechercheur, sondern als Enkel zu nähern? Gab es Momente, in denen Sie am liebsten aufgehört hätten, weil Ihnen das Gefundene emotional zu nahekam?

Diese Spurensuche verlangte eine Innenschau unbekannten Ausmaßes. Wer sich mit der Vergangenheit befasst, tritt in Dialog mit geerbten, unbewusst angenommenen Mustern – Vergangenheit übt Macht auf die Gegenwart aus. Es ging weniger um rationale Analyse als um emotionale Auseinandersetzung. Durch die Briefe erhielt Weltgeschichte eine persönliche, oft eindringliche Note.

Aufgehört habe ich nie, doch schlaflose Nächte gab es, etwa wenn ich beim Transkribieren auf Schilderungen von Vergewaltigungen stieß. Aufwühlend war auch die Flucht meiner Ahnen aus dem umkämpften Kolberg, deren Haus eine Granate traf, bevor sie mit nur einem Handkoffer über die Ostsee evakuiert wurden. Zutiefst geschockt hat mich die Schilderung, wie die Großeltern einer Schulfreundin auf der Flucht die Kräfte verließen und sie – wie viele andere alte Menschen – erschlagen oder erschossen am Straßenrand zurückgelassen werden mussten. Fast fünf Jahre Kriegsgefangenenpost meines Urgroßvaters tippte ich ab. Ich hatte ihn nie persönlich kennengelernt. Als nach all dem geschilderten Leid schließlich das Telegramm „Ich bin frei“ kam, liefen mir dennoch Tränen über die Wangen.

Schweigen kann viele Gründe haben: Scham, Schuld, Angst, Verdrängung, aber auch den Wunsch, die nächste Generation zu schützen. Was glauben Sie heute: Warum haben Ihre Großeltern geschwiegen – und hat sich Ihre Sicht darauf während der Arbeit irgendwie verändert?

Meine Großeltern schwiegen, weil Worte dem Erlebten nicht standhielten, weil Sprechen zu schmerzhaft war, während zugleich ein Land – und ihre eigene Existenz – aus dem Nichts wiederaufgebaut werden musste. Ihr Schweigen war kein Vergessen, sondern eine Art Überlebensstrategie. Dass der Krieg Traumata hinterlassen hatte, war in meiner Familie nie Thema – erst recht nicht, dass sich diese auf nachfolgende Generationen übertragen können.

So sehr ich das verstehe, so sehr bedauere ich, dass sie diesen abgekapselten Brocken stets in sich trugen: Wie befreiend wäre es zumindest aus meiner Sicht gewesen, hätten sie sich das Erlebte von der Seele erzählt. Bemerkenswert bleibt die Ambivalenz: Zu Lebzeiten durften wir die Briefe nie lesen, doch aufgehoben hatten sie alles – wissend, dass wir Nachfahren es eines Tages finden würden. Verstanden habe ich vor allem: Aus dem Verlust der Heimat erwuchs bei ihnen ein Leben im Dienst an Staat und Gesellschaft – Verantwortung jenseits des Schweigens. Ihr Erbe besteht aus Haltung und dem stillen Wissen, dass Würde nichts ist, was man geschenkt bekommt, sondern was man sich bewahrt.

Welche Entdeckungen über Ihre Großeltern beziehungsweise Ihre Familie haben Sie am stärksten erschüttert, überrascht oder Ihr bisheriges Bild von ihnen grundlegend verändert?

Manches, was man als Enkel für Marotten hält – den Nachtisch mit geometrischer Präzision zu portionieren, Seifenreste zusammenkleben, Zahnpastatuben aufschneiden, nichts wegwerfen können –, erhielt durch die Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit plötzlich eine Erklärung. Während des Covid-Lockdowns hier in Shanghai, wo ich lebe, waren mir diese einst kuriosen Verhaltensweisen interessanterweise fast wie Lebensweisheiten erschienen. Kaum bewusst war mir zuvor das Soldatenleben meines Großvaters, der eigentlich zivilberuflicher Polizist war und dennoch zur einzigen aktiven Polizei-Division im Fronteinsatz abkommandiert wurde. Wie findet man zurück ins Leben, wenn man Tote auf dem Gewissen trägt? Besonders erschüttert hat mich ein Brief meiner Großmutter 1946 an ihren Ehemann: „Du, mein Liebes, bleibst ja bei mir, selbst nach all dem, was ich Dir erzählt habe, und darüber bin ich unsagbar froh.“ Ich bekam Gänsehaut und werde nie leider klären, welche Wahrheit hinter diesen Zeilen steckt.

Sie schreiben aus einer besonderen Perspektive: Sie gehören nicht selbst zur Erlebnisgeneration, sind ihr familiär aber unmittelbar verbunden. Was kann der Enkel erkennen und aussprechen, was die Betroffenen selbst und deren Kinder nicht konnten?

Im Gespräch mit meinem Vater wurde mir klar, dass er als Sohn viele Fragen, die mir unter den Nägeln brannten, seinen Eltern nie gestellt hatte. Ihm fehlte der Abstand, denn vieles, was in einer Familie als normal gilt, wird nicht hinterfragt. In meiner Familie habe ich zwei gegensätzliche Umgangsweisen beobachtet: Manche identifizieren sich stark mit dem Leiden der Eltern und tragen deren Erinnerung besonders intensiv weiter. Andere suchen eher Distanz. Beides kann ein Versuch sein, mit einer übermächtigen Familiengeschichte zu leben. Mein Vater gehörte zur ersten Gruppe – man könnte sagen, er war in mancher Hinsicht sogar pommerscher als seine Eltern.

Aber auch als Enkel haben wir uns nicht getraut, direkte, bohrende Fragen wie „Oma, bist du vergewaltigt worden?“ oder „Opa, wie viele Menschen sind durch deinen Kriegsdienst umgekommen?“ zu stellen. Auch über die frühe Scheidung seiner Eltern hat mein Großvater nie gesprochen und sich erst im Herbst seines Lebens schriftlich dazu geäußert. Als Enkel war ich dennoch sehr frei, insbesondere im Umgang mit dem Nachlass. Doch diese Freiheit brachte auch die Verantwortung mit sich, das Offenbarte geschichtlich einzuordnen.

Wie haben Ihre Eltern, Ihre Verwandten oder Menschen aus Ihrem Umfeld darauf reagiert, dass Sie begannen, Fragen zu stellen und Dinge ans Licht zu holen, die jahrzehntelang verborgen geblieben waren? Gab es vielleicht auch Widerstände?

Der drohende Verlust von Vater beziehungsweise Ehemann war für uns als Familie bedrückend, doch wir alle fanden es zugleich bewegend, auf diese Spurensuche zu gehen. Mein Antrieb war: Was ich jetzt nicht fragen würde, wäre für immer verloren. Ich war beseelt, mit meinem Vater in dieser letzten gemeinsamen Zeit noch ein Thema gefunden zu haben, das uns so nahebrachte. Wir mussten zügig beginnen, denn der Krankheitsverlauf war brutal. Im Juni dieses Jahres ist er verstorben. Die Publikation wird er leider nicht mehr in Händen halten.

Das anfangs persönliche Projekt gewann zunehmend eine gesellschaftliche Dimension. Flucht und Vertreibung sind auch heute tägliches Thema – laut UN waren 2025 mehr als 122 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Sieht man die Bilder in den Nachrichten, ist man oft abgestumpft, es scheint weit weg. Das Material aus meiner Familie zeigt, wie zutiefst menschlich und emotional solche Erfahrungen sind, wenn man sie sich an der eigenen Familie vorstellt.

Bei der Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte verschwimmen schnell die Grenzen zwischen historischer Recherche und persönlicher Auseinandersetzung. Wie sind Sie damit umgegangen, wenn historische Fakten und familiäre Loyalität miteinander in Konflikt gerieten?

Für mich stand von Anfang an fest: hundertprozentige Ehrlichkeit, sonst hat diese Aufarbeitung keinen Wert. Historische Fakten für eigene Zwecke zu dehnen, halte ich für unehrenhaft – unabhängig davon, ob dahinter politische, ideologische oder persönliche Motive stehen. Meine Aufgabe war es, die Fakten so wiederzugeben, wie ich sie in den Quellen vorfand – lediglich eingeordnet, um Situationen verständlich zu machen. In diesem Genre schwingt oft die Forderung mit, die alten Ostgebiete zurückzufordern – doch meine Großeltern lehrten mich früh, dass Revisionismus nur erneutes Leid hervorbringt, das sie aus eigener Erfahrung niemandem wünschten. Im Alter von 70 begann mein Großvater sogar, Polnisch zu lernen. In vielen Fachgruppen im Internet erlebe ich einen ausgezeichneten, unideologischen Austausch – hier geht es nicht darum, wer Deutscher ist oder Pole, sondern um die gemeinsame Freude am Entdecken der Vergangenheit.

Ich verheimliche im Buch nichts und rechtfertige nicht, was Vorfahren im Kontext ihrer Zeit taten. Ich klage auch nicht an oder suche nach Schuldigen. Viele Bücher der Nachgeborenen-Generation suchen Identifikation über erlittene Schäden und Opferrollen. Damit wollte ich bewusst brechen. Neben dem Enkel und dem Forscher gibt es eine dritte Perspektive: die Stimmen zahlreicher Zeitzeugen selbst. Statt eines Konflikts entstand so ein Dreiklang aus familiärer Verantwortung, dokumentarischer Fundierung und emotionaler Eindringlichkeit. Verdrehte Geschichte würde die Wirkung untergraben, die ich erzielen möchte: Nach innen würde ich mich letztlich selbst belügen; nach außen möchte ich dazu beitragen, dass wir die Schrecken von Kriegen reflektieren, statt zu schweigen, wenn das Undenkbare erneut möglich wird.

Hat die Arbeit an „Was meine Großeltern verschwiegen“ Ihre Beziehung zu Ihren Großeltern im Nachhinein verändert? Empfinden Sie heute eher mehr Verständnis für diese Generation – oder sind durch Ihre Erkenntnisse auch neue Fragen, Enttäuschungen oder Vorwürfe entstanden?

Großen Respekt entwickelte ich dafür, mit welchem Maß an Resilienz meine Großeltern aus der Heimatlosigkeit heraus im Westen eine neue Existenz aufbauten. In all den Jahren, in denen mein Großvater unsere Familie nach dem Krieg als Landarbeiter und Maurer über Wasser hielt, verlor er nie seine Berufung aus den Augen: als Polizist zu dienen. Erst 1951 eröffnete sich beim neu gegründeten Bundesgrenzschutz eine Laufbahn, in der er 1964 Deutschlands erster Kommandeur des Bundesgrenzschutzes See wurde. Als er 2020 im 101. Lebensjahr starb und die Bundespolizei ihm bei der Seebestattung Ehrengeleit gab, habe ich mich vor seiner Leistung verbeugt. Tief verankert hat sich in mir zudem sein Satz, den er mir über vier Jahrzehnte einschärfte: „Mach die Augen auf.“ Er warnte stets vor politischer Manipulation und der Verfälschung von Geschichte – eine Mahnung, deren Aktualität man angesichts der heutigen Weltlage sofort begreift.

Über die Rolle des Enkels hinaus bin ich meinen Großeltern menschlich viel näher gekommen, als es zu Lebzeiten der Fall war. Was meine Großmutter als junge Frau auf der Flucht und während der Vertreibung erlebt hat, sowie Hunger und Armut in den Anfangsjahren – das hat meinem Bild von ihr eine ganz neue Dimension eröffnet. Und als mein Vater geboren wurde, führte mein Großvater das Tagebuch. Seine Ausdrucksweise ist derart emotional, dass ich ihn beim ersten Lesen in einer ganz neuen Qualität kennenlernte. Gleiches gilt in den Briefen zwischen ihm und seiner Ehefrau während des Krieges: Preußisch nach außen, mit einem weichen Herzen im Innern. Geblieben sind viele Fragen, die sich nie mehr klären lassen. Das ist schade, aber alles in allem hat mich die Arbeit eher demütiger gemacht.

Familien geben nicht nur Erinnerungen weiter, sondern manchmal auch ihr Schweigen, ihre Ängste und unverarbeiteten Erfahrungen. Welche Spuren der Erlebnisse Ihrer Großeltern glauben Sie bei Ihren Eltern, bei sich selbst oder in Ihrer eigenen Lebenshaltung wiedergefunden zu haben?

Die Arbeit hat uns allen den Spiegel vorgehalten: Welches unserer Verhaltensmuster geht auf die Erfahrungen der Ahnen zurück, ohne dass wir es wussten? Mich plagt bis heute der Gedanke, was ich packen würde, müsste ich meine Wohnung in kürzester Zeit verlassen. Und mir stockte der Atem, als ich im Vertreibungstagebuch meiner Urgroßmutter von 1946 genau auf diesen Moment stieß: das Klopfen an der Tür und die drei Worte: „Wir müssen raus.“ Bei meinem Vater war der Einfluss noch stärker: Wie auch seine Eltern konnte er sich von nichts trennen, kontrollierte penibel jeden Heizkörper und bewahrte Goldmünzen im Haus auf, als drohe erneut eine Hyperinflation.

Neben dem Schweigen und den unverarbeiteten Erfahrungen erkenne ich in meiner Familie auch eine weitergegebene Ethik der Verantwortung und Hilfsbereitschaft. Als Grundschüler unterstützte ich russlanddeutsche Aussiedlerkinder in meiner Klasse, später engagierte ich mich in der Flüchtlingsnachhilfe. Ich folgte einem Ruf, dessen Herkunft mir erst jetzt klar wurde. Mein Vater engagierte sich beim Roten Kreuz und im Katastrophenschutz.

Auch der Wille zur Kompensation zieht sich durch. Vielen unserer Angehörigen war durch den Krieg die Ausbildung verwehrt worden. Als Flüchtlingen wurde ihnen zudem immer wieder vermittelt, nicht gut genug zu sein, um Anerkennung zu finden. Mein Großvater war der erste mit Abitur in der Familie, mein Vater der erste mit Hochschulstudium und Promotion, und ich schrieb noch eine Doktorarbeit mehr als er. Die Furcht vor Existenzverlust blieb dennoch.

Wenn Sie nach all Ihren Recherchen und der emotionalen Auseinandersetzung heute einen persönlichen Schlussstrich unter dieses Buch ziehen müssten: Was haben Sie über Ihre Familie, über die Erlebnisgeneration – und vielleicht über sich selbst gelernt? Und was wünschen Sie sich, dass Leser nach der letzten Seite über ihre eigene Familiengeschichte zu fragen beginnen?

Am Ende blickt man auf den Anfang zurück: Ahnenforschung mit dem Wunsch, alles dem Vergessen zu entreißen, solange mein Vater noch lebte. Dass uns das vor seinem Tod gelang, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Ich wünsche jedem Leser, das, was ihm wirklich wichtig ist, umsetzen zu können, bevor es nicht mehr möglich ist.

Zugleich war es mein Ziel, Prägungen loszulassen, die nicht aus meinem eigenen Erleben stammen. Dieses ist mir gelungen, indem ich die Spuren dieser Geschichte in mir benannte. So habe ich zumindest die Voraussetzung geschaffen, sie nicht unbewusst an meine Tochter weiterzugeben. Es ist mir ein Anliegen, dass zukünftige Generationen frei aufwachsen, entlastet von den seit Generationen aufgetürmten Seelenqualen unserer Ahnen, aber im Wissen um deren Ursprung. Solche Schicksale dürfen sich nie wiederholen – für keinen Menschen.

Als ich dieses Buch begann, folgte ich einem Ruf aus der Vergangenheit. Heute weiß ich: Es war ein Ruf aus der Gegenwart – hinzusehen und Verantwortung zu übernehmen, damit meine Tochter nicht in einer Welt aufwächst, in der Wegsehen zum Normalzustand wird. In einer Welt, in welcher der Wert eines Menschen sich an seiner Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit und seinem Mut zur Zivilcourage zeigt. Wenn dereinst auch in ihr die Stimme ihres Urgroßvaters nachhallt, der mir seit frühester Kindheit einschärfte, wachsam zu sein – „Mach die Augen auf“ –, dann hätte sich mein größter Wunsch erfüllt.

Lieber Herr Tank, ich danke Ihnen sehr für das wirklich emotional-tiefgehende und persönliche Gespräch – auch im Namen der PAZ-Leser.

 

Dr. Dr. Andreas Tank ist der Enkel pommerscher Großeltern und gilt als ausgewiesener Chinaexperte und Top-Ökonom. Er lebt seit 20 Jahren in Shanghai und promovierte in Wirtschaftswissenschaften sowie Sinologie. Als Manager führte er Marken wie Haribo und Viessmann zum Erfolg in China. Mit seiner Agentur China Competence berät er heute internationale Top-Marken. Tank erhielt bedeutende Kreativauszeichnungen und publizierte Standardwerke zum China-Marketing. Er ist zudem als Biografie- und Romanautor erfolgreich („Wulf-Diether Graf zu Castell“, „Hugo Junkers“); am 15. September erscheint nun sein neues Buch mit dem Titel: „Was meine Großeltern verschwiegen“.


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