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Der Lehrer als mögliches Messeropfer: Die Gewaltbereitschaft von Schülern nimmt von Jahr zu Jahr zu
Bild: picture-alliance/dpaDer Lehrer als mögliches Messeropfer: Die Gewaltbereitschaft von Schülern nimmt von Jahr zu Jahr zu

Tatort Schule

Lehrer als Gefahrenberuf

Seit zehn Jahren häufen sich die Fälle von Schülerangriffen auf die Lehrkörper

Sverre Gutschmidt
18.05.2026

Gewalt als seelisch belastender oder körperlich bedrohlicher Angriff gehörte noch vor wenigen Jahren weit weniger zum Berufsbild von Lehrkräften – das geht aus der aktuellen Polizeilichen Kriminalstatistik hervor. Die Daten bilden die Entwicklung der letzten zehn Jahre ab. Die erfassten Fälle, in denen Lehrkräfte Ziel vorsätzlicher einfacher Körperverletzung waren, belief sich 2024 auf 1.283.

Von 2015 bis 2023 meldeten die Polizeibehörden der Länder jährlich hingegen zwischen 717 und 1.017 erfasste Fälle an das Bundeskriminalamt (BKA). Selbst wenn die Jahre der Corona-Pandemie mit Schulschließungen und weniger Vorkommnissen herausgerechnet werden, ergibt sich ein dramatischer Anstieg.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) gab 2022 eine repräsentative Forsa-Umfrage unter 1300 Schulleitungen zum Thema Gewalt in Auftrag. Im Vergleich zu 2018 nahmen die Fälle von Beschimpfungen, Bedrohungen und Diffamierungen sowohl direkt als auch über das Internet zu. Im gleichen Zeitraum haben auch die Fälle von körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte zugenommen. So berichtete 2022 rund jede dritte Schulleitung von Gewalt gegen Lehrer. Im Jahr 2018 war es jede vierte.

20 Jahre nach Rütli-Schule

In Ibbenbüren tötete 2023 ein 17-jähriger Schüler eines Berufskollegs seine 55-jährige Lehrerin mit einem Messer. Neben solch extremer aktenkundiger Gewalt falle generell die Hemmschwelle zu körperlichen und psychischen Übergriffen, berichten Lehrer. Viele davon finden heute im digitalen Raum statt, aber auch Sachbeschädigungen nehmen zu.

Gewalt gegen Lehrer ist ein so umfassendes Problem geworden, dass sich die Auswirkungen vielfach bemerkbar machen, so auch beim Krankenstand – mit 21,7 Fehltagen im Jahr lagen Lehrer 2024 deutlich über anderen Berufen. Manche Bezirke haben eigene Telefone und Beratungsangebote eingerichtet. In Münster gibt es auch wegen der Erfahrung in Ibbenbüren inzwischen eine 24 Stunden erreichbare Telefonnummer.

Zugenommen haben auch die Brandbriefe von Pädagogen, die ihre zunehmend von Gewalt geprägte Situation öffentlich machen – die Reaktionen der Politik darauf enttäuschen viele von ihnen. Das war im Jahr 2006 noch anders, als Lehrer in einem Brief die Gewalt an der Berliner Rütli-Schule publik machten, antwortete die Politik mit einem aus heutiger Sicht aufwendigen Maßnahmenpaket von Einlasskontrollen über einen veränderten Campus für rund 30 Millionen Euro und der Umwandlung in eine Art Vorzeigeprojekt.

20 Jahre danach sind zwar nicht dort, aber an anderen Schulen der Hauptstadt wie Deutschlands insgesamt die Gewaltprobleme präsenter denn je, auch wenn Gewalt gegen Lehrer in Brandenburg und Berlin von 2024 bis 2025 minimal zurückgegangen ist. Eine Abnahme von Straftaten gegen Lehrer von 241 auf 212 (Brandenburg) und 379 auf 369 (Berlin) ist indes kaum eine Trendwende.

Mordversuch an Lehrerin

Östlich der Elbe ist das Problem noch nicht ganz so massiv wie im Westen, das zeigen Statistiken wie Studien. In Ludwigshafen wies ein Brandbrief eines ganzen Lehrerkollegiums im Dezember auf einen versuchten Mord an einer Lehrerin und Todesdrohungen hin. Im März meldeten sich mehrere Schulen in Nordrhein-Westfalen, warfen der Landespolitik Kontrollverlust vor, was diese zurückwies.

Die Fälle wie die Briefe offenbaren, dass Gewalt gegen Lehrer eng mit der allgemein steigenden Gewaltneigung der Schüler untereinander verbunden ist. Studien wie das deutsche Schulbarometer 2025 der Bosch-Stiftung werfen ein Licht darauf, wie Lehrer Gewalt allgemein an ihren Bildungseinrichtungen wahrnehmen: „Fast die Hälfte der Lehrkräfte berichtet, dass es an ihrer Schule Probleme mit Gewalt zwischen den Schülern gibt (47 Prozent).“

Der höchste Wert wird von Lehrkräften aus Nordrhein-Westfalen berichtet (54 Prozent), der niedrigste von Lehrkräften aus Mitteldeutschland (39 Prozent). Die Studie empfiehlt dringend den „Ausbau der schulpsychologischen Versorgung“ und von Maßnahmen der Gewaltprävention. Der speziellen Gewalt gegen die Lehrkräfte widmet sie sich nicht.

Viele Pädagogen fühlen sich alleingelassen. Das Thema bleibt im Schatten, wie eine Forsa-Umfrage von 2022 zeigt: Rund die Hälfte der damals befragten Lehrer gab an, dass die gegen sie gerichtete Gewalt ein Tabu sei. Doch die taucht sogar an Grundschulen auf, wo laut der VBE-Umfrage jede dritte Schulleitung körperliche Übergriffe gegen Lehrer registrierte.

Problemzone Förderschule

Der Bildungsgrad macht einen erheblichen Unterschied: Nur sechs Prozent der Gymnasien, aber 74 Prozent der Förder- und Sonderschulen berichten über Angriffe. Experten argumentieren, dass der Lehrermangel in Deutschland die Lage zusätzlich verschärfe, denn 12.000 Stellen seien unbesetzt. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) befeuere dieser spezielle Zustand weiteren Frust, da Lehrer ihren Schülern immer weniger gerecht werden können, weniger Zeit für sie haben.

Die Aussicht auf Gewalt auch gegen sie selbst hat bisher kaum messbaren Einfluss auf die Berufszufriedenheit von Lehrern in Deutschland, die nach aktuellen Umfragen weiter sehr hoch ist. Da Lehrer ein Recht auf einen Arbeitsplatz ohne Gewalt haben, fordern Lehrerverbände verbindliche Schutzkonzepte und juristische Rückendeckung für Betroffene.

Der deutsche Bildungsföderalismus bringt in der Realität höchst unterschiedliche Reaktionen der Länder bei bedrohlichen Erfahrungen der Lehrer hervor. Studien wie das Schulbarometer legen nahe, dass Gegenden mit mehr Gewalt mehr Hilfe anbieten. In Sachsen bietet die GEW Selbstverteidigungskurse und lehrt Deeskalation. In Bayern nahm polizeilich dokumentierte Gewalt gegen Beamte, auch Lehrer, zuletzt sogar ab.


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Kommentare

sitra achra am 27.05.26, 14:49 Uhr

In den europäischen Nachbarländern ist die Situation noch angespannter. Ich erinnere an den Lehrer Samuel Paty in Frankreich.
Wer heute Lehrer weden will, weiß, worauf er sich einläßt. Viele Bewerber haben allerdings Persönlichkeitsdefizite und sollten vom Schuldienst ferngehalten werden. Der Rest bringt ausreichend Resilienz und Durchsetzungsvermögen per Konfliktlösungsstrategie mit, um den Schulalltag zur Zufriedenheit aller Parteien zu gestalten. Vielleicht sollte man die muslimische Kohorte in arabischsprachigen Koranschulen unter Aufsicht des zuständigen Imams beschulen, Türken inklusive. Man redet ja ohnehin kaum miteinander, sodass eine solche Trennung keinen Verlust darstellen würde. Es wäre für beide Parteien eine Erlösung.

Kersti Wolnow am 27.05.26, 08:20 Uhr

Wie sagte gestern Björn Höcke in seiner Rede am WE? "Nicht das Messer ist das Problem, der Messermann ist das Problem". So ist es, wenn 2 nicht kompatible Kulturen aufeinanderprallen.

Peter Wendt am 14.05.26, 06:50 Uhr

Lehrer haben oft den Respekt ihrer Schüler verloren bzw. bemühen sich auch nicht ausreichend darum. Die Schüler dagegen bringen oft nicht das moralische Rüstzeug ihres Elternhauses mit. Mit anderen Worten Schule ist der Spiegel unserer Gesellschaft, Ursache unseres gegenwärtigen wirtschaftlichen , politischen und kulturellen Niedergangs. Das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis, es bedürfte jedoch der Einsicht in weiten Kreisen unserer Gesellschaft.

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