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Besonders in den neuen Bundesländern fehlen Fachkräfte: Nicht nur die geburtenschwachen Jahrgänge dünnen den Markt an Bewerbern aus. Auch die oft niedrige Qualifikation drückt auf das Arbeitskräfteangebot
Bild: ShutterstockBesonders in den neuen Bundesländern fehlen Fachkräfte: Nicht nur die geburtenschwachen Jahrgänge dünnen den Markt an Bewerbern aus. Auch die oft niedrige Qualifikation drückt auf das Arbeitskräfteangebot

Paradoxe Entwicklung am Stellenmarkt

Mehr Arbeitslose, aber Mangel an Fachkräften: Wie geht das?

Bei inzwischen mehr als drei Millionen Erwerbslosen kriegen deutsche Unternehmen über 600.000 offene Stellen nicht besetzt

Peter Entinger
16.09.2026

Drei Millionen Menschen in Deutschland sind arbeitslos, während gleichzeitig die Wirtschaft über fehlende Fachkräfte klagt. Dieses Paradoxon resultiert aus einer schwächelnden Konjunktur und demografischen Veränderungen: Arbeitsplätze werden abgebaut, während viele Beschäftigte in den Ruhestand gehen. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert, dass sich dieses Problem bis 2029 verschärfen könnte. Die Studie untersucht die Entwicklungen in rund 1.300 Berufen von 2018 bis 2024 und projiziert diese bis 2029. Dabei werden aktuelle Veränderungen wie der Geburtenrückgang oder zusätzliche Anforderungen durch das Sondervermögen nicht berücksichtigt.

Laut der IW-Analyse könnten 2029 deutschlandweit 723.000 Fachkräfte fehlen, was einem Anstieg von 47 Prozent gegenüber 2024 entsprechen würde. Besonders im Verkauf droht eine große Lücke: Etwa 39.100 Fachkräfte könnten dort fehlen. Auch in der Kinderbetreuung, Sozialarbeit und -pädagogik, in der Krankenpflege und Bauelektrik werden erhebliche Vakanzen erwartet. Besonders gefragt sind beruflich Qualifizierte. Der Strukturwandel in der Industrie verändert ebenfalls den Bedarf. Es werden rund 15.900 Fachkräfte in der Kraftfahrzeugtechnik, 13.800 in der elektrischen Betriebstechnik und 13.600 in der Mechatronik benötigt. Im Bauwesen fehlen etwa 15.000 Experten für Planung und Überwachung. Selbst staatliche Investitionsprogramme könnten aufgrund fehlenden Personals scheitern. Denn wer seine Stelle in einem schrumpfenden Sektor verliert, ist nicht automatisch für andere Bereiche wie Elektrotechnik qualifiziert.

Kaum Zulauf zu „Engpassberufen“

Gleichzeitig steigt die Zahl der Erwerbslosen. Ende August waren mehr als drei Millionen Arbeitslose gemeldet, während es 656.000 offene Stellen gab. Einen allgemeinen Arbeitskräftemangel sieht die Bundesagentur für Arbeit (BA) nicht, aber für 2025 hatte sie 157 sogenannte Engpassberufe ausgemacht. Die Diskrepanz zwischen der Zahl der Arbeitslosen- und der offenen Stellen erklärt sich durch Qualifikationsanforderungen. 2024 hatten rund 1,55 Millionen Arbeitslose keinen Berufsabschluss, was etwa 56 Prozent entspricht. Viele freie Stellen setzen jedoch Qualifikationen voraus. Selbst unter den arbeitslosen Fachkräften suchte 2025 nur jeder Fünfte in einem Engpassberuf.

Qualifizierung braucht Zeit und geeignete Angebote, wie sich bei der Pflege zeigt. 2025 waren etwa 60.000 Menschen mit Pflegeberufen arbeitslos, aber die meisten suchten auf Helferniveau, während 96 Prozent der Stellen examinierte Kräfte verlangten. Die Arbeitslosenquote unter examinierten Pflegefachkräften betrug nur 1,1 Prozent. Ein arbeitsloser Helfer kann eine offene Fachkraftstelle nicht einfach besetzen.

Weitere Daten des IW zeigen, dass in den ostdeutschen Flächenländern die qualifizierte Beschäftigung zwischen 2014/15 und 2024/25 nur um drei Prozent stieg, im Westen hingegen um 14,6 Prozent. Seit 2019/20 sank sie im Osten sogar um 1,1 Prozent. Frühere Abwanderung und geburtenschwache Jahrgänge erhöhen den Druck. Ohne den Zuwachs durch internationale Arbeitskräfte wäre die Zahl der qualifizierten Beschäftigten um rund 191.000 niedriger. Knapp 160.000 ausländische Beschäftigte arbeiten bereits in Engpassberufen. Zuwanderung kann den Rückgang jedoch nicht unbegrenzt ausgleichen, insbesondere da der Wanderungssaldo gegenüber anderen EU-Staaten 2025 negativ war. Drittstaaten werden wichtiger, aber Visa, Sprache und Anerkennung erschweren die Integration.

Technik ersetzt die Fachkraft nicht

Schlechte Bezahlung, belastende Schichtmodelle und enge Bewerberprofile erschweren die Suche weiter. Unternehmen müssen verstärkt aus- und weiterbilden. Der Einzelhandel hat zuletzt verstärkt mit Selbstbedienungskassen, digitalen Bestellungen und personalarmen Geschäften reagiert. Damit kann man einerseits Personal sparen, andererseits einem Mangel entgegenwirken.

Dennoch bleibt persönliche Beratung ein Vorteil gegenüber dem Onlinehandel. Steven Haarke vom Handelsverband Deutschland betont: „Gute Kundenberatung ist für viele Geschäfte überlebenswichtig, um sich von der Konkurrenz abzuheben.“ Zudem müssen auch die Kassen gewartet werden. Berufsfelder wandeln sich, Technik kann entlasten, aber nicht jede Fachkraft ersetzen.

„Der Fachkräftemangel im Verkauf führt in erster Linie dazu, dass die Beratungsqualität sinkt“, erklärt der IW-Experte Alexander Burstedde. Viele Menschen würden lieber vor Ort einkaufen. Fühlten sie sich dort aber nicht gut beraten, könnten sie zum Onlinehandel abwandern. Arbeitslosigkeit widerlegt den Fachkräftemangel nicht. Es mangelt schlicht an ausreichender Qualifikation.


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Kommentare

Bernd Wegter am 16.09.26, 13:56 Uhr

Tja, wenn die Schulbildung (siehe neueste PISA Werte) in Deutschland immer schlechter wird ist das natürlich ein Problem. Hätten die großen Wirtschaftsverbände mehr druck auf die Politik ausgeübt, wäre das Problem nicht da.

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