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Mehr Weihnachten bei weniger Christentum?

Bodo Bost
24.12.2025

Die frühesten Hinweise auf ein christliches Fest am 25. Dezember finden sich im Jahr 336 in Rom, elf Jahre nach dem ersten christlichen Glaubensbekenntnis von Nicäa im Jahre 325. Die Wahl dieses Datums fiel nicht zufällig: In Rom waren trotz Toleranzedikt von Kaiser Konstantin zur Wintersonnenwende gerade neue heidnische Kultfeiern etabliert worden, darunter die Verehrung des „Sol invictus“, des unbesiegbaren Sonnengottes, den auch Kaiser Konstantin noch stark verehrt hatte. Auch Mithras, eine im römischen Heer weit verbreitete Gottheit, wurde an diesem Tag gefeiert.

Die junge Kirche griff diese populären Traditionen auf und gab ihnen eine neue Bedeutung. In der Religionswissenschaft spricht man von „Inkulturation“: Bestehende Bräuche werden nicht verdrängt, sondern neu gedeutet. Fortan stand der 25. Dezember im Zeichen der Geburt Jesu – verstanden als Symbol des aufstrahlenden Lichts in der dunkelsten Zeit des Jahres.

Auch nördlich der Alpen hatten die Menschen zur Wintersonnenwende große Feste begangen. Mit der Christianisierung verband sich ihre Erleichterung über das allmähliche Zurückkehren des Lichts mit der Freude über das Christkind. Das skandinavische „Jul“ erinnert sprachlich bis heute an diese vorchristlichen Wurzeln.

Während Weihnachten einst auf nichtchristlichen Bräuchen aufbaute, gehen heute in den einst christlichen Ländern das Christentum und auch die Weihnachtsbräuche immer mehr zurück. Andererseits übernehmen immer mehr nichtchristliche Länder weihnachtliche Bräuche, wie das Licht oder das Schenken. In manchen türkischen Städten hängt heute bereits mehr Weihnachtsdekoration als in manchen westeuropäischen Städten. Und während die Zahl der Kirchenmitglieder in Europa Jahr für Jahr sinkt, verliert auch das christliche Erbe, das lange das kulturelle Rückgrat des Kontinents bildete, spürbar an öffentlicher Bindekraft. Parallel dazu wächst der Anteil anderer Glaubensrichtungen.

Die Statistiken sind eindeutig: Kirchenaustritte erreichen Rekordzahlen, religiöse Sozialisation wird seltener, und die christlichen Feiertage verlieren für viele ihre religiöse Tiefe. Weihnachten, einst zentraler Ausdruck des Heilsversprechens, wird heute zunehmend zu einem kulturellen Ritual: Familienfest, Konsumrausch, emotionaler Anker am Ende eines Jahres, das für viele mehr Stress als Spiritualität bereithält.

Doch gerade das zeigt, wie stark das Fest jenseits seiner theologischen Bedeutung verankert bleibt. Weihnachten ist längst zu einem kollektiven Speicher für Sehnsüchte geworden: Nähe, Ruhe, Gemeinschaft – Werte, die nicht strikt an eine Religion gebunden sind.

Ein historischer Marker
Gerade weil klassische religiöse Rituale verschwinden, wächst ihre kulturelle Bedeutung. Weihnachten ist dafür das beste Beispiel. Viele, die längst nicht mehr an die Geburt Christi glauben, möchten dennoch nicht auf die Rituale verzichten: den Baum, die Kerzen, das gemeinsame Essen, das Gefühl eines kurzzeitig stillstehenden Alltags.

Die Gesellschaft verliert nicht den Wunsch nach Ritualen, sondern die Institutionen, die sie einst bereitgestellt haben. In diesem Vakuum entstehen neue Formen von Gemeinschaft: Stadtteilfeste, die Werte wie Zusammenhalt betonen. Digitale Communities, die Identität und Zugehörigkeit stiften. Zivilreligiöse Rituale wie Gedenktage oder Solidaritätskampagnen. Interreligiöse Räume, in denen Begegnung statt Abgrenzung stattfindet. Weihnachten könnte damit zu einem historischen Marker werden – ein Fest, das die Transformation der europäischen Kultur begleitet, ohne selbst zu verschwinden.

Es ist nicht die Theologie, die Weihnachten heute trägt, sondern die menschliche Sehnsucht nach Pause, Nähe und Trost. Während das Christentum institutionell an Boden verliert und andere religiöse und säkulare Sinnstifter an Präsenz gewinnen, entsteht kein Machtvakuum, sondern ein kultureller Aushandlungsraum. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Festes: dass Gemeinschaft immer wieder neu erfunden werden muss. Und dass ein Funke davon in jedem Dezember aufs Neue aufleuchtet.


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Kommentare

sitra achra am 01.01.26, 21:09 Uhr

Ich sehe in dem Verschwinden der religiösen Verankerung und der damit verbundenen Traditionen eine x-beliebige geistige und seelische Verflachung. Weihnachten wird zum "Jahresendfest" degradiert, wo gefeiert und gezecht werden kann, wobei die spirituelle Dimension verlorengeht. Da bietet doch die digitale Community weitaus bessere Betätigung für geistigen Flachsinn und oberflächliche Kontakte. Doch was will der eindimensionale Mensch mehr?

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