26.02.2026

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Verhaltensforschung

Nachäffen liegt uns im Blut

Ohne zu verstehen, was sie da eigentlich machen, kopieren Leute das Verhalten anderer. Das gilt für primitive Steinzeitmenschen ebenso wie für hoch bezahlte Konzern-Manager

Wolfgang Kaufmann
12.01.2026

Während des Zweiten Weltkrieges erlebten die vielfach noch fast auf Steinzeitniveau lebenden Ureinwohner einiger Inseln im westlichen Pazifik etwas bislang nie Dagewesenes. Erst landeten fremde Menschen mit weißer Haut in seltsamen Flugmaschinen, und dann brachten ebensolche „eisernen Vögel“ Konservennahrung, Kleidung, Zelte und andere Kostbarkeiten herbei. Die Südseeinsulaner fanden dafür letztlich nur eine Erklärung: Offenbar konnten die Neuankömmlinge ihre Ahnen durch mächtige Rituale dazu bewegen, die wertvollen Güter, welche sie stets „Cargo“ nannten, vom Himmel auf die Erde zu schicken.

Irgendwann verschwanden die Fremden dann genau so, wie sie gekommen waren. Das war ein Schock für die Menschen auf den Inseln, denn die Besucher hatten ihre Schätze oftmals mit ihnen geteilt. Allerdings schien es einen Ausweg aus der Misere zu geben, nämlich die präzise Nachahmung der Handlungen zur Erlangung des „Cargo-Segens“. Also bauten die Ureinwohner mit ihren Mitteln nach, was nachzubauen ging. So stellten sie auf den verlassenen Landebahnen im Dschungel Phantasieflugzeuge aus Stroh oder Bambus auf, während manche Männer „Kopfhörer“ aus Kokosnussschalen trugen und „Antennen“ schwenkten. Andere wiederum malten sich die Buchstaben „USA“ auf die nackte Brust, wonach sie mit Holzgewehren den Strand entlang patrouillierten. Und die Insulaner von Tanna beteten inbrünstig zu „John Frum“ – im Andenken an die Ahnenbeschwörer, welche doch so oft gesagt hatten, sie seien „John from ...“ Doch nichts davon half: Der „Cargo-Kult“ verfehlte seinen Zweck, denn es fielen keine weiteren Wunderdinge mehr vom Himmel.

Formell richtig, aber völlig sinnlos
Etliche Vertreter der westlichen Zivilisation amüsierten sich damals königlich über die Naivität der Südseebewohner, ohne dabei zu ahnen, dass ein ganz ähnlicher Kult bald auch bei ihnen Einzug halten wird. Denn symbolische Ersatz- und Nachahmungshandlungen, in deren Rahmen man scheinbar genau das Richtige tut, ohne aber jemals das gewünschte Ergebnis zu erzielen, sind mittlerweile ein fester Bestandteil unserer modernen Welt geworden. Das zeigen nicht zuletzt die Cargo-Kult-Wissenschaft und das Cargo-Kult-Management.

Den Begriff „Cargo-Kult-Wissenschaft“ prägte der geniale US-amerikanische Physiker Richard Feynman, der im Jahr 1965 den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Quantenfelddynamik erhalten hat. Während einer Rede vor Studenten des California Institute of Technology im Jahr 1974 verglich er das Vorgehen der Insulaner mit dem Handeln mancher seiner Fachkollegen. Das Agieren erwecke zwar den Anschein von formeller Richtigkeit, sei aber dennoch völlig sinnlos und werde daher auch zu nichts führen außer zu Frustration und Ressourcenverschwendung.

Mittlerweile lassen sich viele Beispiele für Cargo-Kult-Wissenschaften finden. So verwies schon Feynman auf die Pädagogik, in der es Usus sei, Lernmethoden, die in einem speziellen Bereich Erfolge garantieren, einfach in allen Lernumfeldern anzuwenden, weil niemand begriffen hat, warum sie im Einzelfall funktionieren. Rituelles Festhalten an sinnlosen Aktivitäten im Rahmen des sturen Abarbeitens von scheinbar bewährten Vorgehensweisen findet man oft im Bereich der Wirtschaft oder Verwaltung. Hierfür ist das Cargo-Kult-Management verantwortlich. Wo es praktiziert wird, kursieren wolkige Begriffe wie „Innovation“ oder „Synergie“, und es kommt zu einer Fülle von Ersatzhandlungen. Zu diesen zählen die Gründung von Arbeitskreisen, das Entwickeln von Leitbildern und das Initiieren von „Leuchtturmprojekten“ – gerne auch in Verbindung mit der Einführung neuer äußerlicher Symbole wie Firmenemblemen und Logos. Auf jeden Fall steht die zur Schau getragene Umtriebigkeit stets im krassen Gegensatz zur Wirksamkeit des Tuns.

Wenn alle das Gleiche tun ...
Als der IT-Konzern Google einen Tag einführte, an dem sich die Mitarbeiter eigenständig etwas Neues und „Kreatives“ ausdenken durften, gab es sofort unzählige Nachahmer, die ernsthaft glaubten, wenn sie nur dem Beispiel von Google folgten, wären sie bald genauso erfolgreich. Dabei resultierten die satten Gewinne und die Marktführerschaft von Google aus ganz anderen Faktoren. Den Trittbrettfahrern fehlt also schlicht und einfach das Verständnis für den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Allerdings wurzelt die nachgerade hypnotische Fokussierung auf Trends nicht bloß in purer Unfähigkeit oder Denkfaulheit, sondern ebenso in dem typisch menschlichen Drang, der Masse zu folgen. Wenn alle das Gleiche tun, dann muss es doch das Richtige sein.

Hierbei werden Hirnregionen wie der Frontallappen der Großhirnrinde aktiviert, was den Stress im Angesicht von unklaren Situationen dämpft. Das ist auch eine Erklärung für das nachgerade irrwitzige Verhalten vieler deutscher Konzernchefs, welche sich wie die Lemminge auf das gemeinsame Abenteuer „Energiewende“ einließen und nun fassungslos vor einem betriebswirtschaftlichen Trümmerhaufen stehen. Was wäre in unserer Wirtschaft nötig gewesen, um nicht in die Falle des Cargo-Kult-Managements zu tappen und statt einer Simulation von Wandel echte, positive Veränderungen herbeizuführen? In dem Fall hätte es einfach mehr Reflexion statt blinden Eifers gebraucht.

Eine Korrelation ersetzt bekanntlich noch keinen Beweis für Kausalitäten: Wenn die globale Temperatur während des Industriezeitalters gestiegen ist, dann muss dies nicht automatisch an den menschlichen Emissionen liegen, denn solche Erwärmungsphasen gab es früher ebenfalls schon aus ganz anderen Ursachen. Außerdem empfiehlt sich stets gründliches Nachdenken, bevor man auf einen Zug aufspringt, weil andere dies tun. Moden schaffen keine Realitäten, und die Mehrheit hat nicht immer recht – auch wenn sie das oft lautstark oder gar aggressiv behauptet.


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Kommentare

sitra achra am 20.01.26, 19:17 Uhr

Die Neurobiologie ist schon ein interessantes Wissenschaftsfeld. Solomon Aschs Experiment hat schon bewiesen, wie die Masse tickt.
Andererseits kann Imitation in speziellen Fällen auch erfolgreich sein. Kinder lernen auf diese Weise hinzu, wenn sie Erwachsene imitieren.

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