Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Die multi-ethnische Tradition Ostpreußens spiegelte sich lange auch in den vielen Ortsnamen prußischer, slawischer, kurischer oder litauischer Herkunft wider. Allerdings wurden diese ab Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend als „fremdländisch“ empfunden, woraus Umbenennungen entstanden. Dabei reichte das Spektrum der Möglichkeiten von Vereinfachungen und Verkürzungen der Schreibweise vor allem im Falle der Buchstabenkombinationen „cz“, „sz“, „tz“ und „rz“ über Übersetzungen aus dem Slawischen oder Baltischen ins Deutsche bis hin zu mehr oder weniger gelungenen Namensneuschöpfungen. So wurde bereits am 23. Juli 1893 aus Zimnawodda im Kreis Neidenburg die Ortschaft Kaltenborn. Etliche weitere Umbenennungen gab es dann bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs: Unter anderem wurde Opalenietz zu Flammberg, Czierspienten zu Treuwalde und Przerwanken zu Wiesenthal.
Im Juli 1920 wiederum fanden aufgrund des Versailler Diktats Volksabstimmungen statt, bei denen die Einwohner des Regierungsbezirks Allenstein und des Kreises Oletzko darüber entscheiden sollten, ob sie künftig in Polen leben oder im Deutschen Reich verbleiben wollen. Dabei votierten sie ganz überwiegend für Letzteres. Hierauf folgten während der Jahre der Weimarer Republik zahlreiche weitere Umbenennungen. Beispielsweise hieß Skrzypken seitdem Geigenau, Panistrugga Herrnbach und Pruschinowenwolka Preußenort. Ebenso änderten die Behörden den Namen der masurischen Stadt Marggrabowa, umgangssprachlich auch Oletzko, am 21. Dezember 1928 in Treuburg, weil sich 1920 restlos alle der 3903 Wahlberechtigten dort für die weitere Zugehörigkeit zu Deutschland ausgesprochen hatten. Die Eindeutschung einzelner Ortsnamen lief bis 1932 weiter. Zuletzt erhielt das Dorf Abschermeningken im Regierungsbezirk Gumbinnen den Phantasienamen Almental.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die „Germanisierung“ der Ortsbezeichnungen fortgesetzt. Dabei blieb man bei der bisherigen Praxis, wodurch sich Dörfer wie Dworatzken und Präroszlehnen in Herrendorf und Jägersee verwandelten. Eine Ausnahme bildete Sutzken im Kreis Goldap: Die Gemeinde stellte am 9. März 1933 den Antrag auf Umbenennung in „Hitlershöhe“, welcher dann am 27. Oktober des gleichen Jahres die Zustimmung der Verwaltungsbehörden fand. Diese sporadischen Namensänderungen erfolgten bis 1936 – zuletzt wurde so aus Eszergallen nun Eschergallen.
70 Prozent neue Namen
Dann ergriff der Bund Deutscher Osten die Initiative und erreichte, dass der ostpreußische Gauleiter Erich Koch am
25. August 1937 eine Anordnung zur kompletten „Verdeutschung fremdsprachiger Namen“ in seinem Machtbereich erließ. Daraufhin setzte das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung eine Expertenkommission unter Leitung des Ministerialrates und Volkskundeprofessors Heinrich Harmjanz ein, welche die Maßnahme vorbereiten sollte. Diesem Gremium gehörten der Slawist Karl Heinrich Meyer, der Germanist Walther Ziesemer und der Literatur- und Sprachwissenschaftler Viktor Falkenhahn von der Albertus-Universität Königsberg sowie der Direktor des Königsberger Staatsarchivs und Fachmann für die Ortsnamen innerhalb des Deutschordensstaates Max Hein an.
Nachdem die Kommission ihre Vorschläge eingereicht hatte, veröffentlichte das preußische Innenministerium am
12. April 1938 einen Runderlass über die „Namensänderungen von Gemeinden und Gemeindeteilen“, woraufhin diese dann bis zum 16. Juli 1938 vollzogen wurden. Viele traditionelle Bezeichnungen wie Ballupönen, Czybulken, Dagutschen, Kolpacken, Napierken, Okrongeln und Stallupönen verschwanden, und es kam zu Kreationen wie Schanzenhöh, Richtenfeld, Zapfengrund, Kleinpuppen, Wetzhausen, Schwansee und Ebenrode.
Insgesamt kam es in Ostpreußen zu mehr als 1.760 Umbenennungen von Ortschaften. In manchen Regionen wie dem Kreis Gumbinnen erhielten bis zu 70 Prozent der Dörfer neue Namen. Außerdem wurden auch die Bezeichnungen für Flüsse, Seen, Wälder und Berge geändert, wenn sie nicht „germanisch“ genug klangen. So hieß der Memel-Nebenfluss Scheschuppe ab 1938 Ostfluss.
Verdrängte Tradition
Nach der Annexion Ostpreußens durch Polen und die Sowjetunion setzte eine rigide Polonisierung, Russifizierung oder Litauisierung der Ortsbezeichnungen ein, wobei das Ganze auf polnischem Gebiet rasch chaotische Züge annahm, weil klare Vorschriften fehlten. Infolgedessen häuften sich die Probleme bei der Post und Eisenbahn, bis eine von Warschau eingesetzte „Kommission zur Festsetzung von Ortsnamen“ 1946 Ordnung zu schaffen begann. Vonseiten Polens liefen die erneuten Umbenennungen meist auf eine Rückkehr zu den ursprünglichen Namen hinaus – z.B. wurde aus Flammberg, dem früheren Opalenietz, nunmehr Opaleniec. Dahingegen tauchten im Königsberger Gebiet viele neue, künstliche russische Namen auf. Dazu zählten Sowjetsk, Tschernjachowsk und Baltijsk, welche die traditionellen Bezeichnungen Tilsit, Insterburg und Pillau verdrängten.