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Geschichte

Religionsprozesse in Ostpreußen

Der britische Historiker und Preußenkenner Christopher Clark beleuchtet anhand des Falls zweier Priester die Kirchengeschichte Königsbergs

Dirk Klose
27.12.2025

Aus der Geschichte Ostpreußens sind die „Königsberger Religionsprozesse“ aus den 1830er Jahren nicht wegzudenken. Damals hat man zwei Pfarrer großer Königsberger Gemeinden wegen „Sektierertums“ Berufsverbot verurteilt. Anklage, Prozess und Verteidigung wühlten die Menschen in Deutschland auf. Der britische Historiker Christopher Clark, ein Preußenkenner par excellence, hat seinen Büchern eine weitere Perle hinzugefügt.

Aus heutiger Sicht war es eine Lächerlichkeit: Die Pfarrer Johann Wilhelm Ebel und Heinrich Diestel wurden kirchenfeindlicher Ansichten beschuldigt. Der durch einen enormen Medienrummel begleitete Prozess bekam seine Virulenz durch sich steigernde Gerüchte über sexuelle Ausschweifungen in der Öffentlichkeit, was einer Vorverurteilung gleichkam. Clarks Sympathien sind spürbar bei den Angeklagten, den Vernehmern weist er zahlreiche Verfahrensfehler nach. Aber die Dinge nahmen einen für beide fatalen Verlauf. Ebel starb friedlich 1861, Diestel im Elend 1854.

Clark wäre nicht Historiker, hätte er nicht das ganze Geschehen in eine größere Betrachtung eingebettet. Er schildert zu Beginn die damals noch keineswegs sonderlich attraktive Residenz am Pregel. Die Universität war nach Kants Tod zur „verschlafenen Provinzhochschule“ abgesunken. Mit seinen geistigen Wurzeln gründete der Prozess in einer heute gar nicht mehr vorstellbaren Such- und Erneuerungsbewegung nach 1815.

Der Wunsch vieler Menschen, bewusst nach christlichen Geboten zu leben, führte nicht selten zu Entfremdungen gegenüber der offiziellen, vielfach als nur oberflächlich-rationalistisch angesehenen Amtskirche. Auf katholischer Seite gab es sowohl Absetzbemühungen von Rom als andererseits mit den „Ultramontanisten“ strenge Unterordnung unter den Papst. Stärker war zumal in Preußen der Protestantismus mit dem Staat verknüpft. König Friedrich Wilhelm II. zwang 1817 die calvinistischen und lutherischen Kirchen in die „Evangelische Kirche der Preußischen Union“ (die „Unierten“ gibt es bis heute). Es bildeten sich unzählige Zirkel und Konventikel neben der Kirche, worin der argwöhnische Staat den Keim des Aufruhrs gegen kirchliche und staatliche Autoritäten sah und überaus gereizt reagierte, wie sich auch in den Reaktionen auf die beiden Geistlichen zeigte.

Clarks Buch ist in seiner gelungenen Symbiose von wissenschaftlicher Darstellung und journalistischem Erzählen ein kleines Meisterwerk.

Christopher Clark: „Skandal in Königsberg. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen“, DVA, München 2025, gebunden, 224 Seiten, 25 Euro


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