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Deutsche und Polen haben in Schlesien ihre Stollen bewerten lassen. Hier mischt sich etwas!
Der zweite „Brückenadvent“ im geteilten Görlitz [Zgorzelec] am 12. Dezember hat die Vorweihnachtszeit an der Neiße erneut in ein festliches Lichtermeer verwandelt. Die Initiative machte die Altstadtbrücke zum grenzüberschreitenden Begegnungsort mit einem süßen Höhepunkt – der Mohnstollenverkostung. Während sich im Zelt Sachsens bekanntester Stollenprüfer, André Bernatzky von der Akademie des Deutschen Bäckerhandwerks, mit Stift, Zettel und einem Messer bewaffnet an das Gebäck machte, wartete draußen das hungrige Volk. Manche Besucher ließen die Delikatesse gar in Tupperdosen in der Hoffnung auf reiche Ausbeute mitgehen.
20 Bäckereien von beiden Seiten stellten sich dem Urteil. Bernatzky bekundete: „Die deutschen Stollen unterscheiden sich ein bisschen von den Mohnstollen aus Polen, so ist die Form in Deutschland klassischer. Die Kollegen aus Polen sind experimentierfreudiger.“ Armin Hübner, der seine Bäckerei im deutschen Teil Schlesiens, in Horka, in der vierten Generation betreibt, ist mit einer Polin verheiratet, die am polnischen Ostufer die prämierte deutsch-polnische Tęcza-Schule aufgebaut hat. Der bekennende Schlesier ist Bindeglied und wichtiger Ideengeber. Er konnte Görlitzer Kollegen vom anderen Neißeaufer, aus Jauer [Jawor], aus der Nähe von Lodsch und aus dem oberschlesischen Gogolin gewinnen. Hübner und sein Vater zerbrechen sich bis heute die Köpfe, warum der Mohn in Schlesien eine so wichtige Rolle spielt. „Doch bis jetzt sind wir noch nicht dahintergestiegen. Schlesier sind ja ein ehrliches, nicht unbedingt sparsames Volk, aber für uns ist es oft typisch, dass unser Stollen eher nackt ist. Das bedeutet, er ist ohne Butter, ohne Zucker und ohne Puder“, sagt er. Zur Tradition gehöre auch, dass ein zusätzlicher Weihnachtsstollen gebacken werde, „ins Leinentuch eingewickelt, an die kühlste Stelle im Haus gestellt, dunkel musste sie sein, und zu Ostern wurde dieser Stollen wieder rausgeholt. Also das ist auf alle Fälle eine typische schlesische Variante“.
Von der mit weiß-gelben schlesischen Farben dekorierten Bühne gibt André Bernatzky die besten Stollenbäcker bekannt und stellt dabei fest, dass die polnischen Kollegen mehr Zucker verwenden. „Es ist schwierig zu sagen, welcher Stollen der beste ist. Es ist ja auch schwierig zu sagen: ‚Was ist das beste Bier?' Es gibt zwei, drei Stollen, die mir sehr gut gefallen haben. Die würde ich mir auch privat kaufen. Dazu gehört auch der Stollen vom Kollegen Furtok aus Jauer. Dieser zählt definitiv für mich zu den besten“, so der Verkoster.
Im Anschluss kam noch symbolische Kraft hinzu. Die beiden Stadtoberhäupter Rafal Gronicz (Ost) und Octavian Ursu (West) übergaben Pfadfindern mit Laternen ihr Friedenslicht, um dieses an andere weiterzureichen. Der Brückenadvent vom 12. bis 14. Dezember ist das feierliche Finale des Schlesischen Christkindelmarkts in Görlitz. Dass man hier in Sachen Annäherung besonders weit ist, beweist unter anderem, dass die Landesgruppe Sachsen der Landsmannschaft Schlesien von polnischer Seite das Angebot erhalten hatte, am polnischen Ostufer der Neiße einen Stand zu besetzen. „Dies war jedoch so kurzfristig nicht mehr machbar“, bekundete Landesvorsitzender Friedemann Scholz auf Anfrage.
„In Krisenzeiten wie jetzt ist es wichtig, stets nach neuen Möglichkeiten für Zusammenkunft zu suchen“, so Hübner, der auf einheimischen Mohn setzt. Er begleitete zuletzt ein MDR-Team, das darüber berichtete, wie der Horkaer derzeit viel Zeit an der Grenze durch die neuen Kontrollen verliert, wenn er bis Lauban [Lubań] seine Backwaren an Ladenbesitzer selbst ausliefert. Auch in der Vermarktung der Aktion gab es noch ein Ärgernis. In einer Pressemitteilung hieß es, dass „Hübner aus Horka, der mit einer Polin verheiratet ist und dadurch auch viel mit niederschlesischen Backtraditionen in Berührung kommt“, ein Mitinitiator sei. Anscheinend war es der formulierenden PR-Agentur nicht bewusst, dass es 1945 nahezu zu einer kompletten Vertreibung aus Niederschlesien kam und viele Rezepte überhaupt nur westlich der Neiße bewahrt wurden. Es ist also eher besonders hoch zu schätzen, dass manche Rezepte nun nach und nach auch von Polen aufgegriffen werden, die eine eigene niederschlesische Tradition gar nicht gekannt haben. Der Polnisch sprechende Hübner hat immer wieder genau eine solche Wiederbelebung im Kontakt mit polnischen Kollegen angeregt – unabhängig davon, dass auch neue Traditionen durch das Mischen mit eigenen Überlieferungen verbunden werden. Keinesfalls musste Hübner aber seine Frau fragen, was niederschlesisch ist! So lieferte diese Pressearbeit entweder ein Beispiel dafür, wie unbekannt die eigene deutsche Geschichte manchem ist, oder aber wie Legenden gesponnen werden, die kulturhistorischer Unsinn sind. Oder aber die ausführende Agentur „meeco Communication Services GmbH“ scheint sich zu sehr an vermeintlicher Internationalität berauschen zu wollen. Das Werbeanhängsel zum Firmennamen lässt dies vermuten: Think. Create. Impress. Create und Impress hat funktioniert, am Thinken ist aber 2026 noch zu arbeiten.