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Im Jahr 2013 in Sankt Petersburg für Alexander Marinesko aufgestelltes Denkmal
TulpeIm Jahr 2013 in Sankt Petersburg für Alexander Marinesko aufgestelltes Denkmal

Alexander Marinesko, Kommandant des sowjetischen U-Boots S-13

Skandal: Russland ehrt den mörderischen „Wilhelm Gustloff“-Versenker

Wenig beachtet von der deutschen Öffentlichkeit glorifiziert der russische Staat bis heute jenen Mann, der für die größte Schiffskatastrophe der Menschheitsgeschichte verantwortlich ist

Simon Akstinat
07.07.2026

Am 30. Januar 1945 versenkt Alexander Marinesko vor der pommerschen Küste das ehemalige KdF-Schiff „Wilhelm Gustloff“. An Bord befinden sich rund 10.000 Menschen – überwiegend Zivilflüchtlinge aus Ostpreußen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, die vor der anrückenden Roten Armee fliehen. Etwa 9.000 von ihnen sterben nach Marineskos Torpedotreffer den Tod durch Unterkühlung oder Ertrinken in den eisigen Fluten der Ostsee. Es ist bis heute das tödlichste Schiffsunglück aller Zeiten – mit sechsmal so vielen Toten wie beim Untergang der „Titanic“.

Trotzdem feiert das offizielle Russland eben jenen Marinesko heute immer noch als Helden. Gleich mehrere Denkmäler wurden ihm gewidmet – die meisten davon erstaunlicherweise nicht in der sowjetischen Nachkriegszeit, sondern erst nach dem Ende der UdSSR! Es war kurioserweise erst der als deutschfreundlich geltende Michail Gorbatschow, der Marinesko posthum zum „Helden der Sowjetunion“ erklärte. Gorbatschows Vorgänger hingegen hatten wegen Marineskos Disziplinlosigkeit und Alkoholismus von dieser Ehrung abgesehen.

Wladimir Putin stellte 2001 provokant ein Ehrenmal für den U-Boot-Kommandeur im Zentrum von Königsberg/Ostpreußen auf sowie ein weiteres 2013 in Sankt Petersburg. Ein Ehrenmal in Marineskos Heimatstadt Odessa hingegen wurde wegen des russisch-ukrainischen Krieges nach 2022 abgerissen. Die Ukrainer fühlten sich dem sowjetischen Soldaten Marinesko offenbar wenig verbunden, obwohl er in Odessa und damit auf dem Gebiet der heutigen Ukraine als Sohn eines rumänischen Seemanns und einer Ukrainerin zur Welt gekommen ist.

1996 und nochmals 2015 gab Russland jeweils eine Briefmarke zu Marineskos Ehren heraus. Das russische Außenministerium würdigte ihn außerdem zum Jahrestag der Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 2021 auf Twitter mit folgenden Worten:

„Im Jahr 1945 versenkte das U-Boot S-13 unter dem Kommando von Kapitän Alexander #Marinesko, dem erfolgreichsten sowjetischen U-Boot-Kommandanten, das Nazi-Transportschiff ,Wilhelm Gustloff' (25.000 BRT). Es war der größte Erfolg der U-Boot-Streitkräfte der #UdSSR während des #ZweitenWeltkriegs. #FacesOfVictory.“

Entgegengesetztes Gedenken

Marinesko versenkt nur zehn Tage nach der „Wilhelm Gustloff“ auch noch das deutsche Schiff „Steuben“ – weitere rund 4.000 Menschen sterben. Ausgerechnet diese größten Schiffskatastrophen der Menschheitsgeschichte feiert das offizielle Russland von heute als seinen größten maritimen Kriegserfolg, ganz so, als ob eine Seeschlacht zwischen dem U-Boot und der hauptsächlich mit Zivilisten beladenen „Wilhelm Gustloff“ stattgefunden hätte. Das vollbesetzte Flüchtlingsschiff hatte zwar auch eine militärische Besatzung an Bord, aber auf dem Schiff wusste man natürlich nicht einmal von Marineskos U-Boot. Umgekehrt könnte man Marinesko aber zugutehalten, dass er möglicherweise nichts von den zahlreichen Flüchtlingen an Bord wusste.

Diese russische Heldenverehrung steht auf jeden Fall in krassem Kontrast zur deutschen Erinnerung. In Deutschland gilt die „Wilhelm Gustloff“-Tragödie als eines der schrecklichsten Kapitel der ostdeutschen Fluchtgeschichte. In Russland hingegen bleibt dieser Untergang im Speziellen und die Vertreibung der Deutschen im Allgemeinen weitgehend ausgeblendet oder wird als Kollateralschaden des „gerechten Krieges“ einer moralisch einwandfreien Sowjetunion gewertet.

Dabei blenden offizielle russische Narrative nicht nur Gewalt gegen Deutsche aus, sondern auch jene gegen die eigene russische Bevölkerung. Bei der Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“, dessen Erfolg gegen die Invasoren alles rechtfertigt, gerät aus dem Blick, dass die kommunistische Sowjetunion bereits ein Folterimperium war, bevor auch nur ein Wehrmachtssoldat seine Nasenspitze über die sowjetische Grenze schob: Als sich beispielsweise 1921 die Bauern von Tambow gegen die neue kommunistische Herrschaft erhoben, ließ man sie kurzerhand in den Wäldern vergasen, in denen sie sich versteckt hatten. Anfang der 1930er Jahre führte die kommunistische Regierung absichtlich die Hungersnot des Holodomor mit Millionen Toten herbei, ab 1936 ließ Diktator Josef Stalin im Zuge der „Großen Säuberung“ einen Großteil seiner eigenen Partei- und Armeeführung töten. Bei der „Polnischen Operation“ von 1937 wurden über 100.000 polnischstämmige Sowjetbürger getötet, und in den Wäldern bei Katyn wurden im Jahr 1940 weitere Zehntausende Polen vom NKWD ermordet – übrigens schriftlich abgesegnet von Michail Kalinin (dem Namenspaten für „Kaliningrad“).

Nicht nur deutsche Opfer

Der Sieg gegen Hitlerdeutschland heiligte fast alles, auch eigene Opfer (Marschall Schukow gab gegenüber US-General Dwight D. Eisenhower freimütig zu, dass er seine eigenen Soldaten wissentlich über Minenfelder laufen ließ, um den sowjetischen Vormarsch zu beschleunigen). Die vermutlich größte Massenvergewaltigung aller Zeiten vor allem gegen deutsche Frauen (bekanntestes Opfer ist die damals zwölfjährige, spätere Kanzlergattin Hannelore Kohl), die aber auch hunderttausende Polinnen traf, wird als belanglos abgetan. Absurd wird es, wenn die russische Botschaft im Jahre 2026 allen Ernstes von der „Befreiung Königsbergs“ am 9. April 1945 spricht – ganz so, als ob die Einwohner der ostpreußischen Hauptstadt die sowjetische Eroberung als solche empfunden hätten!

Im Krieg ist Hass normal. Man möchte den anderen um jeden Preis zerschlagen. Mittlerweile sind jedoch über 80 Jahre vergangen. Die Russen können in Bezug auf Marinesko natürlich tun, was ihnen beliebt. Sie müssen ihn nicht einmal verurteilen. Aber muss man ihn urplötzlich seit den 1990ern als „Held“ feiern? Man kann das machen – muss man aber nicht.

Gleichgültigkeit der Bundesregierung

Dass auch die deutsche Regierung angesichts der Marinesko-Denkmäler – die man durchaus als „unfreundlichen Akt“ werten kann – nicht einmal dem russischen Botschafter in dieser Sache ein paar Takte sagt und diesem Vorfall gegenüber so gleichgültig bleibt, zeigt das mangelnde Geschichtsbewusstsein und das Desinteresse unserer Regierung an den damaligen Flüchtlingsschicksalen.
Es ist selbstverständlich, dass Russland seine Kriegsopfer ehrt. Doch die einseitige Heldenverehrung eines Mannes, der Tausende Zivilisten in den Tod schickte, wirkt aus deutscher Sicht wie eine bewusste Provokation – oder mindestens wie völliges Desinteresse gegenüber der Leidensgeschichte der Heimatvertriebenen.

Die Opfer der „Wilhelm Gustloff“ verdienen einen Platz im kollektiven Gedächtnis, unabhängig von heutigen politischen Fronten. Ihre Geschichte ist mitnichten ein „Nazi-Thema“, sondern ein Kapitel europäischer Kriegstragödie.


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Kommentare

Lutz Körner am 30.07.26, 00:10 Uhr

Ihn hätte die Pest holen sollen diesem Mörder

sitra achra am 14.07.26, 21:07 Uhr

Man sollte auch die andere Seite mit ihren Bombenteppichen auf deutsche Städte, die Vernichtung der Kriegsgefangenen am Rhein, die geplante Aushungerung der Deutschen durch den Morgenthauplan ein Jahr nach Kriegsende nicht vergessen.
Bomber Harris und Völkermörder Churchill haben sie auch Denkmäler gesetzt. Bomber Harris, do it again, jubeln seine deutschen Anhänger bis heute...

Peter Wendt am 07.07.26, 07:22 Uhr

Abseiten der gängigen Propaganda Bemühungen seitens des offiziellen Russlands, sollten wir nicht vergessen welchen enormen Blutzoll die russische Bevölkerung während des zweiten Weltkrieges erleiden musste.
Dazu kamen noch mehrere Millionen Tote während des Stalin Terrors gegen die eigene Bevölkerung. Das rechtfertigt zwar in keinster Weise die Tat des Kapitän Marinesko, der unehrenhaft und kriminell gehandelt hat. Vielleicht sollten wir aber zwischenzeitlich dazu übergehen den Millionen Opfern, egal welcher Partei, „neutral“ zu gedenken, ohne aufzurechnen und zu beschuldigen. Genau daraus werden nämlich durch charakterlich nicht gefestigte Politiker immer wieder neue Konflikte entwickelt. Alles folgt dem gleichen immer wieder kehrenden alttestamentarischen Muster, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Mit der Botschaft des neuen Testamentes waren wir da vor ca. 2000 Jahren auch schon etwas weiter.)

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