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Schafft es Deutschland, in einer digitalisierten Gesellschaft seine Kinder zu schützen?
Australien hat vorgemacht, was in Europa bislang nur zaghaft diskutiert wird. Seit Dezember dürfen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dort keine eigenen Accounts mehr auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder Snapchat betreiben. Das wirklich Revolutionäre daran: Die Verantwortung liegt nicht bei den Eltern, sondern bei den Konzernen. Sie müssen sicherstellen, dass Minderjährige auf den entsprechenden Plattformen ausgeschlossen bleiben. Australiens Premierminister Anthony Albanese sprach von einem „überfälligen Schritt zum Schutz der psychischen Gesundheit junger Menschen“. Perfekte Kontrolle sei nicht möglich, räumte er ein, aber der Staat sende ein klares Signal: Kinder seien kein Geschäftsmodell.
Und dieses Signal hallt inzwischen bis nach Berlin. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger zeigte sich offen für eine Altersgrenze auch in Deutschland. „Wir müssen uns ehrlich fragen, ob es richtig ist, Kinder schon mit zehn oder zwölf Jahren den Mechanismen sozialer Medien auszusetzen“, sagte er. Plattformen seien darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden, nicht darauf, Kinder zu schützen. Wildberger plädiert für eine gesellschaftliche Debatte ohne Denkverbote und verweist auf wachsende Sorgen von Eltern, Lehrern und Medizinern.
Frei verfügbare digitale Suchtstoffe
Eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission soll nun praktikable Vorschläge erarbeiten, konkrete Gesetze gibt es bislang jedoch nicht. CDU-Mitglied Wildberger sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, er könne dem australischen Modell „eine Menge abgewinnen“. Man wisse heutzutage, wie tiefgreifend soziale Medien in die Entwicklung junger Menschen eingriffen, sagte er. Die Frage sei deshalb, wie man Kindern eine gesunde Entwicklung ermögliche, „so wie sie frühere Generationen ohne soziale Medien auch hatten“.
Die politische Diskussion verläuft entlang bekannter Linien. Befürworter einer Altersgrenze vergleichen soziale Medien mit anderen regulierten Bereichen. Alkohol, Zigaretten oder Glücksspiel seien ebenfalls freiheitsrelevant, aber aus guten Gründen beschränkt. Unionspolitiker Jens Spahn spricht von „digitalen Suchtstoffen“, die das kindliche Belohnungssystem manipulierten. Gegner eines Verbots warnen dagegen vor Symbolpolitik. Ein pauschales Verbot sei technisch kaum durchsetzbar und könne Kinder von sozialer Teilhabe ausschließen.
Abhängigkeit wie bei Spielsucht
Tatsächlich stellt die Gesetzgebung erhebliche Hürden auf. Eine wirksame Altersverifikation würde entweder staatliche Ausweise oder biometrische Verfahren erfordern. Datenschützer sehen darin neue Risiken. In Australien laufen derzeit gleich mehrere Klagen aufgrund dieser Problematik. Gleichzeitig gilt das bestehende Jugendschutzrecht als stumpfes Schwert. Zwar ist eine Nutzung sozialer Netzwerke offiziell erst ab 13 Jahren erlaubt, kontrolliert wird das aber kaum. Wildberger räumt ein, dass einfache Lösungen nicht existieren. „Aber Nichtstun ist keine Option“, betont er. Der Staat dürfe sich nicht länger hinter der technischen Komplexität verstecken.
Der Druck wächst auch wegen der psychischen Folgen intensiver Social-Media-Nutzung. Kinder- und Jugendpsychiater berichten seit Jahren von steigenden Fallzahlen. Depressionen, Angststörungen und Essstörungen nehmen zu, ebenso Schlafprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten. Viele Jugendliche erleben permanenten sozialen Vergleich, messen ihren Selbstwert an Likes und Kommentaren. Die ständige Verfügbarkeit digitaler Anerkennung kann in eine Abhängigkeit führen, die strukturell der Spielsucht ähnelt. Besonders problematisch ist, dass sich diese Effekte in einer Phase der Identitätsentwicklung entfalten. Hinzu kommt der Verlust realer Erfahrungsräume. Pädagogen berichten von Jugendlichen, die Konflikte kaum noch offline austragen können und soziale Situationen als belastend empfinden. Auch Eltern fühlen sich oft überfordert. Einerseits wollen sie ihre Kinder schützen, andererseits fürchten sie wiederum soziale Ausgrenzung, wenn der Zugang zu digitalen Netzwerken verwehrt wird.
Mehr Schutz oder weniger Freiheit
Ein gesetzlicher Rahmen könnte hier entlasten, indem er individuelle Entscheidungen durch eine kollektive Regel ersetzt. Australien hat sich für diesen Weg entschieden – nicht als Allheilmittel, sondern als klare Grenzziehung. Ob Deutschland folgt, ist offen. Sicher ist nur: Die Frage nach einer Altersgrenze ist keine technokratische Detaildebatte, sondern eine Grundsatzfrage. Es geht um das Verhältnis von Freiheit und Schutz, um die Verantwortung des Staates gegenüber der nächsten Generation. Wildberger formuliert es so: „Wir sollten den Mut haben, Kinder vor Entwicklungen zu bewahren, deren Folgen wir längst kennen.“
Die Entscheidung wird zeigen, welchen Stellenwert psychische Gesundheit in einer digitalisierten Gesellschaft tatsächlich hat. Mehr als 80 Prozent der Jugendlichen in Deutschland nutzen soziale Medien täglich und im Schnitt 3,5 Stunden lang. Nahezu alle Experten sehen das als viel zu hoch an. Dennoch lehnt etwa der Vizepräsident des Kinderschutzbundes, Joachim Türk, pauschale Regelungen ab. Auch Kinder hätten ein Recht auf digitale Teilhabe, so Türk. Die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, hatte dagegen in einem Positionspapier 2025 eine Social-Media-Sperre für Kinder unter 13 Jahren gefordert.
sitra achra am 17.01.26, 17:36 Uhr
Das Problem ist umfassender und gravierender als hier dargestellt. Die gesamte Gesellschaft ist davon betroffen. Ob auf offener Straße, an öffentlichen Plätzen, in Lokalen, Arztpraxen, überall tritt einem der mit dem Smartphone bewehrte Mitmensch chattend entgegen. Der Smartphonegebrauch in der Öffentlichkeit sollte eingestellt oder begrenzt werden, lediglich die Telefonnutzung sollte erlaubt sein.
Walter Neuschitzer am 10.01.26, 12:36 Uhr
Ich finde es gut, wenn Psychiater ein bestehendes Problem benennen und für dessen Lösung nicht einfach Psychopharmaka propagieren.
Daniel Deutsch am 09.01.26, 12:31 Uhr
Wenn man die Sache gründlich durchdenkt, dann kommt man unweigerlich zum Schluss, dass in diesem Falle auch der Zugang zu allen öffentlich-rechtlichen Medienangeboten mit ihrer Propaganda für Kinder und Jugendliche strikt unterbunden werden müsste.
David LS am 09.01.26, 04:30 Uhr
Ich möchte hinzufügen, dass es hier eine Reihe tragischer Selbstmordfälle unter Jugendlichen gab, die durch Cybermobbing verursacht wurden und teilweise zur Gesetzgebung beigetragen haben. Ein tragisches Beispiel dafür ist der Selbstmord von Dolly Everett. :(
Mobbing in Australien scheint heute noch schlimmer zu sein als zu meiner Schulzeit.
Wie dem auch sei, die Regierung Albanese ist sehr "woke", und viele der sozialen Probleme, über die Sie häufig im Zusammenhang mit der liberalen Linken in Deutschland berichten, ähneln sehr den Problemen, die wir hier in unseren Kulturkämpfen haben. Wenigstens haben sie mit diesem Gesetz etwas Gutes bewirkt.
David
David LS am 09.01.26, 04:15 Uhr
Es freut mich, dass mein Land aus einem positiven Grund auf Ihrer Nachrichtenseite erwähnt wird. :)
Ich finde die Gesetzgebung gut, um Kinder vor Online-Mobbing usw. zu schützen. Es ist schon schlimm genug, in der Schule gemobbt zu werden, geschweige denn, ständig digital darunter leiden zu müssen.
Wie effektiv die Gesetzgebung sein wird, wenn VPNs usw. verwendet werden, um die Beschränkungen zu umgehen, bleibt abzuwarten. Es gab auch erste Berichte über einen massenhaften Wechsel von Schülern zu einer wenig bekannten alternativen Social-Media-Plattform, die nicht unter die ursprünglichen Beschränkungen fiel. Ich glaube aber, dass die Gesetzgebung inzwischen geändert wurde und diese Plattform nun erfasst ist.
Wie dem auch sei, es ist eine der wenigen guten Maßnahmen der progressiven, linksorientierten Regierung Albanese, also gebührt ihr wohl Anerkennung.
David
Australien