08.03.2026

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Das von Jozef Plucinski geschaffene Lapidarium auf dem Friedhof in Swinemünde: Eigentlich sollte der Gedenkstein in der Stadt platziert werden. Doch das wurde seinerzeit von den Behörden nicht genehmigt
Bild: RosenthalDas von Jozef Plucinski geschaffene Lapidarium auf dem Friedhof in Swinemünde: Eigentlich sollte der Gedenkstein in der Stadt platziert werden. Doch das wurde seinerzeit von den Behörden nicht genehmigt

Gegen das Vergessen

Swinemündes schwärzestes Kapitel

Auf dem Golm, auf der Oderinsel Usedom, haben zahlreiche Opfer ihre letzte Ruhe gefunden

Erwin Rosenthal
08.03.2026

Im Kindergarten hatten wir seinerzeit gesungen: „Marienkäfer, flieg! Dein Vater ist im Krieg. Deine Mutter ist im Pommerland. Und Pommerland ist abgebrannt, Marienkäfer flieg.“ Und wir machten uns keine weiteren Gedanken darüber. Es war einfach nur ein Lied für uns.

Als Fünfjähriger habe ich dann am 12. März 1945 das Bombardement meiner Heimatstadt, die damals in der Mitte Deutschlands lag, miterlebt. Nun – 81 Jahre, ein Lebensalter nach dem Bombardement – ist zu fragen, wie dieses Ereignis heute bewertet wird und ob es allmählich in Vergessenheit gerät.

Der Mensch kann sich seine Geschichte nicht aussuchen. Sie lässt sich auch nicht nachträglich ändern, ungeschehen machen oder gar bewältigen. Die Zukunft kann man jedoch nur erfolgreich gestalten, wenn man seine Geschichte kennt. Was man manchem Politiker ins Stammbuch schreiben möchte.

Der von Dr. Nils Köhler herausgegebene Sammelband „Der Golm und die Tragödie von Swinemünde“, an dem ich mitarbeiten durfte, ist heute ein Standardwerk für das schwärzeste Kapitel in der Geschichte Swinemündes. Die Interessengemeinschaft Gedenkstätte Golm hatte bereits im Jahre 2001 in der Broschüre „Das Inferno von Swinemünde“ Zeitzeugenberichte veröffentlicht. Herausgeberin war die verdienstvolle Pastorin Ingeborg Simon aus Zirchow gewesen. Unterstützt hatte sie Herbert Weber aus Iserlohn. Schließlich sei unser auch in polnischer Sprache erschienenes Buch „Swinemünde – 250 Jahre deutsche und polnische Geschichte“, an dem auch der Swinemünder Historiker Dr. Jozef Plucinski mitgearbeitet hat, genannt.

Mich berührt auf dem Golm, der Gedenkstätte für die Opfer des Bombardements auf Swinemünde, neben den Massengräbern die Statue „Die Frau im Soldatenmantel“ (auch „Die Frierende“ genannt) des Bansiner Künstlers Leptin besonders. Sie symbolisiert das Leid der Frauen und Mädchen im Krieg.

Meine Großmutter, Anna Rosenthal, hat dieses Leid erfahren. Ihr Mann, Ferdinand Rosenthal, fiel im Ersten Weltkrieg 30-Jährig in Frankreich. Sie war nun als junge Frau in Swinemünde für ihre fünf Kinder alleine verantwortlich. Im Jahr 1941 wurde ihr Sohn Paul abgeholt. Er war Schumacher und litt unter epileptischen Anfällen. Wenige Wochen später kam die Meldung, dass er verstorben sei. Es war Euthanasie. Sie verlor später auch noch ihren Sohn Reinhold. Schließlich musste sie auch ihr Haus und ihre Heimat aufgeben. In ihren letzten Lebensjahren wohnte sie, krank und verbittert, in einem Zimmer bei Verwandten im nahen Reetzow.

Ich sehe heute weiter als die verstorbenen Zeitzeugen, weil ich auf ihren Schultern stehe. Da ist Carola Stern, Jahrgang 1925, Schülerin der Fontane-Schule in Swinemünde, bekannte Publizistin, geboren in Ahlbeck, beerdigt in Benz. Sie nennt Swinemünde im März 1945 eine Zufluchts- und Durchgangsstätte für etwa dreißigtausend Flüchtlinge.

Paul Ziemer, letzter deutsche Pfarrer in Misdroy, beschreibt die Bombardierung des Trecks auf der Straße von Misdroy nach Swinemünde: „Viele Tausende finden einen grausigen Tod. Zerfetzte Menschen und Tierleiber werden hochgerissen und hängen nachher auf Bäumen und Leitungsdrähten. Panik des Jüngsten Gerichts.“

Sehr viele Opfer waren auch im Swinemünder Kurpark zu beklagen. Wilfried Sander hat als Kadettenanwärter an der Marineartillerieschule der Stadt den Angriff dort erlebt: „Die Flugzeuge hatten hier Bomben mit Berührungszündern, sogenannte Baumkrepierer, abgeworfen, so dass es kein Entrinnen gab.“

Hugo Leckow, in Ostswine auf die Fähre wartend, berichtet: „Nach jeder Bomberwelle kamen dann immer wieder Flugzeuge im Tiefflug, die ihre Bordwaffen einsetzten.“

Margarethe Scheer, deren Treck sich auf der Großen Kirchenstraße (Hindenburgstraße, heute Grundwaldska) befand: „Unser Treck war vollkommen zerschlagen. Genau da, wo unser Treckwagen gestanden hatte, war ein ganz großer Bombentrichter.“

Der 14-jährige Horst Wegner war mit seinen Eltern in der mit Flüchtlingen überfüllten Adolf-Hitler-Schule in der Steinbrückstraße untergekommen. Auf dem Rasen vor der Schule wurden nach dem Angriff die Leichen aufgereiht, Frauen, alte Männer, Kinder, Säuglinge, darunter seine Mutter.

Zeitzeugen berichten
Eva Sepp aus Königsberg überlebte den Untergang der „Andros“. Das Schiff, mit 2000 Flüchtlingen aus Pillau an Bord, brachten drei Bombentreffer zum Sinken. 570 Menschen fanden dabei den Tod.

Wenn jener Studienrat aus Koblenz, der mit seinem Dreisatz die Zahl der Opfer minimierte, vor Zeitzeugen sprach, kam es stets zu Tumulten. Und hier auf dem Golm haben bereits Millionen Besucher die Aussage lesen müssen, dass das Massaker auf Wunsch der Roten Armee verübt wurde.

In Wahrheit erbat Sowjetmarschall Sergei Chudjakow am 9. März 1945 die Alliierten um Unterstützung: „to bomb shipping at Swinemunde“. Die meisten Kriegsschiffe, etwa der Kreuzer „Lützow“, der in der Kaiserfahrt lag, blieben aber unversehrt. 50 Schiffe lagen unbehelligt auf Reede vor Swinemünde. Weder der Kreuzer „Lützow“, noch die Festungen oder die Kasernen wurden bombardiert.

Verwunderung erregt auch der Text auf einer Schautafel in meiner Geburtsstadt. Zitat: „Die nicht mehr gebrauchten Bomben wurden aus humanitären Gründen über dem Kurpark abgeworfen.“ Ebenso wenig verständlich ist es, dass die US-Air-Force das Bombardement auf Swinemünde als „Verkehrsangriff auf Rangierbahnhöfe“ abbuchte.

Man muss akzeptieren, dass es vielen Menschen außerhalb Deutschlands lange Zeit sehr schwerfiel, auch die besiegten Deutschen als Opfer wahrzunehmen. Wie stark muss ihre Verbitterung gewesen sein und welches Leid müssen sie durch Deutsche erfahren haben, wenn sie am Ende des Krieges die Frage stellten: Kann man um die verstorbenen Deutschen überhaupt trauern?

Dieses Täter-Opfer-Schema brachen der britische Philosoph A.C. Grayling und der Historiker Jörg Friedrich auf. Grayling ist in seinem Werk „Die toten Städte“ auch der Frage nachgegangen, ob die Angriffe auf deutsche und japanische Städte Kriegsverbrechen darstellen. Letztlich verurteilt er die alliierte Luftkriegsführung als „moral crime“ – ein Verbrechen, dem sich die beteiligten Royal-Airforce-Piloten durch Verweigerung hätten entziehen sollen. Eine Nation, die sich diesem historischen Erbe nicht stelle, begehe die gleichen Fehler bald wieder.

Jörg Friedrich nennt die Bombardierung Swinemündes ein „Massaker an der Zivilbevölkerung“. Bertolt Brecht hatte geschrieben: „Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“


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