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Als Vergeltung für die Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands kam es 1956 bei Olympia in Melbourne zur brutalen Wasserschlacht
In diesem Jahr jähren sich zum 70. Mal der Ungarische Volksaufstand und dessen Niederschlagung durch die sowjetische Armee. Ebenfalls zum 70. Mal jährt sich die Geheimrede des Parteichefs der Kommunis-tischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag mit dem Titel „Über den Personenkult und seine Folgen“. Sie leitete eine Entstalinisierung, ein, die letztendlich zum Ungarischen Volksaufstand führte.
Am 23. Oktober 1956 forderten Studenten der Universitäten in Budapest auf einer friedlichen Großdemonstration demokratische Veränderungen und die Wiedereinsetzung von Imre Nagy. Der Reformkommunist, der einen „nationalen und menschlichen Sozialismus“ forderte, war bereits ab 1953 ungarischer Ministerpräsident gewesen, jedoch 1955 von den Stalinisten gestürzt worden. Am Abend des 23. Oktober wurden die Forderungen der Demonstranten zumindest insoweit erfüllt, als Nagy zum Ministerpräsidenten berufen wurde.
Nichtsdestotrotz weitete sich der Aufstand in den darauffolgenden Tagen auf andere Städte aus. Am 30. Oktober verkündete Nagy das Ende der kommunistischen Einparteienherrschaft und bildete eine Mehrparteienregierung. Zwei Tage später erklärte Nagy des Austritt seines Landes aus dem Warschauer Vertrag und dessen Neutralität.
„Wir haben keine andere Wahl“, behauptete Chruschtschow daraufhin und ließ seine Truppen in das Nachbarland einmarschieren, um den Aufstand niederzuschlagen. Vom 4. bis zum 15. November tobten heftige Kämpfe im Land, speziell in der Hauptstadt Budapest. Trotz heldenhaften Kampfes der Ungarn hatten sie gegen die Truppen der Supermacht keine Chance. Zumal Hilfe, die über Worte hinausgegangen wäre, aus dem Westen ausblieb. Nach der Niederschlagung des Aufstands installierten die Sowjets in dem Satellitenstaat ein ihnen freundlich gesinntes Regime, das sich im Prinzip bis zur friedlichen Revolution 1989 an der Macht halten konnte.
Die Kämpfe gegen die sowjetischen Invasoren kosteten etwa zweieinhalbtausend Ungarn das Leben. Anschließend richteten die Sieger rund 350 weitere Magyaren hin, darunter auch Nagy. Über 200.000 Ungarn sahen sich zur Flucht ins westliche Ausland gezwungen.
Das Publikum war für Ungarn
Nur wenige Monate nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes durch die Sowjetarmee, vom 22. November bis zum 8. Dezember 1956, fanden in der australischen Stadt Melbourne die Spiele der XVI. Olympiade statt. Bereits die Eröffnungsfeier war von den vorangegangenen Ereignissen in Ungarn und vom Kalten Krieg überschattet sowie von einer antirealsozialistischen, anti-stalinistischen Atmosphäre geprägt. Als beim Einmarsch der Nationen für das nationalchinesische Team versehentlich die Flagge der Volksrepublik gehisst wurde und die taiwanesischen Athleten daraufhin den Fahnenmast stürmten, um die rote Flagge herunterzureißen, jubelten die Zuschauer. Und als die Sportler des geschundenen Ungarn ins Stadium einzogen, bekamen sie noch mehr Beifall als die Gastgebermannschaft. Vorher waren die Ungarn bereits bei ihrer Ankunft in Australien auf dem Flughafen von Tausenden Australiern mit Blumen und ungarischen Flaggen mit Trauerflor begrüßt worden sowie dem Ruf „Hoi, hoi, heura“, als ihr Flugzeug auf den australischen Boden aufsetzte.
Wasserball ist ein sehr körperbetontes Mannschaftsspiel, und vielleicht auch deshalb eskalierte der Konflikt zwischen ungarischen und sowjetischen Olympioniken. Die ungarischen Wasserballspieler waren als Titelverteidiger der vorangegangenen Sommerspiele von Helsinki favorisiert. Die Mannschaft war zur Vorbereitung des Turniers bereits frühzeitig zu ihrer Sicherheit in die benachbarte Tschechoslowakei gebracht worden. Erst im fernen Australien erfuhren die Spieler von den Ereignissen in ihrer Heimat. Die Ungarn hatten die vorangegangenen vier Spiele gegen Großbritannien, die USA, Italien und Deutschland bereits deutlich mit jeweils vier bis fünf Toren Vorsprung gewonnen, als sie in ihrem fünften Spiel am drittletzten Tag der Spiele schließlich auf die Sowjets trafen.
Walentin Prokopows Faustschlag
Auch hier stießen die Ungarn wieder auf viel Sympathie im Publikum. Obwohl die Presse der Begegnung in der Vorberichterstattung wenig Bedeutung beigemessen hatte, erschienen 5.500 Zuschauer. Abgesehen von der grundsätzlichen Sympathie für dieses durch die Sowjets gebeutelte Volk war es teilweise auch die Herkunft, die das Publikum für Ungarn Partei ergreifen ließ, waren viele Zuschauer doch Exilungarn oder ungarischstämmige Australier.
Die ungarische Mannschaft versuchte die aufgeheizte Stimmung für sich zu nutzen. „Wir beschlossen, die Russen böse zu machen und sie dadurch durcheinander zu bringen“, hat der ungarische Spieler Ervin Zádor später verraten. Die russische Sprache beherrschten die Ungarn als Bewohner des Ostblocks ja ohnehin zwangsweise.
Das Spiel war von Beginn an extrem hart. Von beiden Seiten wurde regelwidrig getreten und gestoßen, und der ungarische Mannschaftskapitän, Dezső Gyarmati, verpasste seinem Gegenspieler einen Aufwärtshaken. Vom Publikum enthusiastisch mit dem ungarischen „Hajrá Magyarok“ (Vorwärts Ungarn) angefeuert, erarbeiteten sich die Ungarn auch in diesem Spiel die gewohnte Führung, wobei allein zwei Tore von Zádor stammten.
Viele der Sieger blieben im Westen
Es stand bereits 4:0 für Ungarn und das Spiel näherte sich seinem planmäßigen Ende, als der sowjetische Spieler Walentin Prokopow sich in einem unbeobachteten Moment mit einem Faustschlag ins Gesicht von Zádor für eine vorangegangene Beleidigung revanchierte. Mit einer klaffenden Wunde dicht am rechten Auge verließ der Getroffene daraufhin das Schwimmbecken. Berichte, dass sich vom Blut des Ungarn das Wasser rot gefärbt habe, gelten zwar als übertrieben, aber der Anblick von Zádors blutüberströmter Wange war schlimm genug, um nun vollends das Publikum gegen die Mannschaft der Sowjetunion aufzubringen.
Als erzürnte Zuschauer deren Mannschaftsmitgliedern sogar Schläge androhten, ging die Polizei dazwischen, um Schlimmeres zu verhindern. Obwohl regulär nur noch eine Minute zu spielen war, sahen sich die Schiedsrichter gezwungen, die Partie vorzeitig abzubrechen. Die uneinholbar führenden Ungarn wurden zum Sieger erklärt. Um eine Fortsetzung der Rangeleien in der gemeinsamen Umkleidekabine zu verhindern, trennte eine Kette aus Polizisten die beiden Mannschaften.
Ervin Zádors Ablehnung
Bereits einen Tag später gewann Ungarn auch sein letztes Spiel gegen Jugoslawien – zwar nicht wie gewohnt haushoch, aber das 2:1 reichte für den erneuten Olympiasieg. Da nützte der Sowjetunion auch ihr am selben Tag errungener 6:4-Sieg gegen Deutschland nichts.
Für die Olympiasieger war die Rückkehr in ihre mittlerweile von den sowjetischen Besatzern und ihren mit diesen kollaborierenden Landsleuten beherrschte Heimat nicht unisono ungefährlich und erstrebenswert. Viele blieben im Westen. Von den 108 ungarischen Olympioniken entschlossen sich mindestens 45, in Australien zu bleiben oder in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat zu suchen. Die USA machten es Zádor und seinen Mannschaftskameraden besonders leicht, indem sie die Mannschaft zu einer Gastspielreise zu sich einluden. Zádor und fünf seiner Mitspieler kehrten anschließend nicht mit dem Rest des Teams nach Ungarn zurück. Allerdings blieb nur Zádor dauerhaft in den Staaten. Er ließ sich in Kalifornien nieder. Dort arbeitete er als Schwimmtrainer, unter anderem für den späteren siebenfachen Olympiasieger 1972 in München, Mark Spitz.
Als Zádor wie die übrigen damals noch lebenden ungarischen Olympiateilnehmer von 1956 im September 2006 zu einer 50-Jahr-Feier nach Budapest eingeladen wurde, ließ er diese Chance, seine Heimat wiederzusehen, ungenutzt. Er wolle nicht von einer Regierung geehrt werden, der Leute angehörten, die vor 1989 in kommunistischen Organisationen aktiv gewesen seien.
Damals regierte in Ungarn noch nicht Viktor Orbán als Regierungschef, sondern Ferenc Gyurcsány, der zeitgleich Vorsitzender der Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP) war. Bei dieser Nachfolgepartei der bis 1989 bestehenden sowjetkommunistischen, marxistisch-leninistischen Einheitspartei MSZMP handelt es sich um eine Schwesterpartei der deutschen SPD in der Sozialdemokratische Partei Europas (SPE). Gyurcsány war von 1983 bis 1988 der Sekretär des Kommunistischen Jugendbundes (KISZ), der Jugendorganisation der MSZMP, von 1988 bis 1989 Präsident des Universitäts- beziehungsweise Hochschulrates der KISZ und 1989 kurzzeitig der Sekretär des Zentralrates des KISZ. Als KISZ-Sekretär kritisierte der heutige Florint-Multimilliardär noch 1988 seinen eigenen Vater als „gentroides Element“, dass heißt einen verarmten und landlosen Angehörigen des niederen Adels (gentry, dzsentri), der trotz fehlenden Vermögens an seiner gesellschaftlichen Position und an seinen Traditionen festhält, sowie dafür, dass er „1956 bis heute als Revolution bezeichnet“.
Wenigstens war Zádor noch vergönnt, das Ende von Gyurcsánys Regierungszeit mitzuerleben. 2009 trat an dessen Stelle dessen Minister für Nationale Entwicklung und Wirtschaft sowie vormaliger Vereinskamerad im KISZ Gordon Bajnai. 2010 schließlich musste auch Gyurcsánys Wunschkandidat das Feld räumen. Neuer Regierungschef wurde der Oppositionsführer Viktor Orbán. Drei Jahre nach Gyurcsánys Amtsende, am 29. April 2012, starb Ervin Zádor im 77. Lebensjahr in seiner kalifornischen Wahlheimat.