Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Zwischen den Weltkriegen entstanden in Königsberg diverse anspruchsvolle Bauten für Technik und Verkehr
Erinnerungen an das Bauen in Königsberg waren lange mit der verlorengegangenen Architektur der alten Deutschordensstadt verbunden. Zeugen der Moderne, Profanbauten, gar Technische Bauten der ehemaligen Provinzhauptstadt, kommen in der Geschichtsschreibung von Kunstgelehrten kaum vor. Zu Unrecht, denn viele Bauten der Zwischenkriegszeit, Planungen und Projekte des Freistaates Preußen und der Stadtverwaltung belegen urbanistischen Ehrgeiz und schnörkellose Sachlichkeit. Ingenieurbauten, das sind: Eisenbahnanlagen, Brücken, Häfen, Schleusen, Türme, Wasserbauten etc. Wegen ihrer vorrangig technischen Funktionen wurden und werden sie von Bauingenieuren konstruiert. Seit sich 1876 die Studienfächer und Berufsrichtungen Architektur und Bauingenieurwesen trennten, bedarf es bis heute bei repräsentativen Ingenieurbauten der Hinzuziehung von Architekten. Beinahe alle modernen Technischen Bauten, aber auch bedeutsame Staatsbauten Königsbergs entstanden nach der um 1900 begonnenen abschnittsweisen Niederlegung der Wallbefestigungen.
In Sachen Verkehr nahmen die frühen Eisenbahnbauten als Motor der Industriellen Revolution die Führungsrolle ein. Der ersten 1838 eröffneten preußischen Bahnstrecke Berlin–Potsdam sollte nach dem Wunsch von Friedrich Wilhelm IV. ab 1845 die 740 Kilometer lange Königlich Preußische Ostbahn folgen: von Berlin nach Königsberg und weiter zur russischen Grenze. 1853 hatte der Bau der Ostbahn Königsberg erreicht. Dort war 1851 bis 1853 der erste Königsberger Bahnhof überhaupt entstanden, der Ostbahnhof, als markant imponierender Kopfbahnhof und Drehkreuz für den Bahnverkehr in die östlichen und südlichen Nachbarländer. Rechtwinklig dazu stand seit 1863 der Südbahnhof als Kopfbahnhof für die Südbahn, die von Pillau über Königsberg nach Lyck und weiter sogar bis nach Odessa führte.
Eisenbahnbauten
Wegen des rasant zunehmenden Bahnverkehrs und der großstädtischen Ansprüche drängte die Stadtverwaltung bereits nach 1900 auf einen städtebaulich repräsentativeren, größeren Hauptbahnhof als Durchgangsbahnhof an einem gut gestalteten Stadtplatz. Durch die Beseitigung der Fortifikation war ausreichend Baufläche zwischen dem Ravelin Haberberg und Stülers 1860 errichteten Brandenburger Tor geschaffen worden. Hier entwarf der renommierte Berliner Eisenbahnbaubeamte Karl Cornelius 1912 den modernsten und teuersten Bahnhof der Weimarer Republik. Glanzpunkt war die grandiose Empfangshalle mit Schaltern, Reisebüros, Läden, Restaurants, Frisörgeschäften, Kegelbahn, Weinkeller, Postamt, Polizeirevier etc. 18 Fensterachsen mit pfeilerartigen Mauerstreifen, sogenannten Lisenen, und ein mittig angeordnetes kubisch-überhöhtes Eingangsgebäude gliedern das walmdachgedeckte, gemäßigt-moderne Ziegelgebäude. Erst 1929 konnte der neue Königsberger Hauptbahnhof eingeweiht werden. Durch Untertunnelungen und über Aufzüge erreichte der Reisende die 178 Meter lange, 120 Meter breite dreischiffige Stahl-Glas-Konstruktion der Bahnsteighalle. Die schnellsten Züge hielten hier und fuhren in die wichtigsten europäischen Metropolen. Noch heute ist der Hauptbahnhof am Reichsplatz erhalten. Im Bahnhofsumfeld baute nordwestlich die Reichspost 1928 ihr ziegelexpressionistisches Postamt 5. Östlich war ein Amtsgebäude geplant.
Ein weiterer monumentaler Bahnhof, der Nordbahnhof, wurde 1928 bis 1930 errichtet. Das heute als Geschäftszentrum dienende überaus sachliche, moderne Empfangsgebäude ersetzte den Samland- sowie den Cranzer Bahnhof und diente dem privaten Schienenverkehr an die Ostsee sowie der Reichsbahnstrecke nach Tilsit. Königsbergs Oberbürgermeister von 1919 bis 1933, Hans Lohmeyer, fasste die Interessen der verschiedenen Bahnen zusammen und ließ den wuchtigen neuen Nordbahnhof durch sein Hochbauamt als Gemeinschaftsbahnhof bauen. Es entstand etwas völlig Neues: der Hansaplatz, ein verkehrsreicher innerstädtischer Mittelpunkt, umgeben von den bedeutsamsten Bauten der 1910er und 1920er Jahre (im Uhrzeigersinn): Ostmesse, Handelshof/Stadthaus, Postscheckamt, Staatsarchiv, Landesfinanzamt, Neues Schauspielhaus, Oberpostdirektion, Land- und Amtsgericht und Polizeipräsidium. Die Bedeutung des Nordbahnhofs wird durch einen neunachsigen Mittelrisalit mit zehn über vier Geschosse reichenden Pfeilern bestimmt. Die viergeschossigen Seitenflügel waren für die Aufgaben des Bahnhofs eigentlich überdimensioniert, aber städtebaulich gewollt. Architekt war Martin Stallmann, ab 1911 Lehrer an der Staatsbauschule Königsberg und danach Oberbaurat im Hochbauamt der Stadtverwaltung. Stallmann baute auch 1931 das südlich gelegene großzügige Straßenbahndepot Ponarth mit einer Wohnsiedlung. Königsberg hatte bereits 1895 die erste elektrische Straßenbahn in Betrieb genommen. Weitere kleine S-Bahn-ähnliche Bahnhöfe entstanden in den 1920er Jahren an Eisenbahnlinien in die Königsberger Stadtteile und Vororte.
Brückenbauten
In der Mitte der Vorstädtischen Langgasse zwischen Kneiphofinsel und neuem Hauptbahnhof residierte die 1920 in Reichsbahndirektion Königsberg umfirmierte Königlich Preußische Eisenbahndirektion Königsberg in einem 1895 gebauten wilhelminisch-historistischen Bürogebäude. 1.600 Kilometer Schienennetz, Eisenbahnbrücken und Bahnhöfe wurden von dort betreut. Nachgeordnet waren das Reichsbahn-Ausbesserungswerk und das Bahnbetriebswerk Königsberg. Die Union-Gießerei war ab 1855 Hersteller von Dampflokomotiven. Die Waggonfabrik Leopold Steinfurt produzierte ab 1865 für die preußische Eisenbahnverwaltung.
Moderne Brückenbaukunst hatte viel mit Eisenbahnbau zu tun. Für die bereits genannte Ostbahn baute Carl Lentze in den 1850er Jahren weitgespannte, damals international beachtete, eiserne Balkenbrücken über Weichsel und Nogat. Bereits 1909 kam es in Königsberg zur Planung einer neuen Schlossteichbrücke aus Beton. Hierfür hatte der renommierte Breslauer Kunstakademieprofessor Hans Poelzig einen sachlich-skulpturalen Entwurf vorgelegt und den statischen Kräfteverlauf in plastischen Stahlbeton übersetzt. Sein avantgardistischer Entwurf hatte keine Chance.
Nun zu den zehn Pregelbrücken: Alte Holzbrücken mussten zwischen 1890 und 1912 wegen der zu verlegenden Straßenbahngleise und Oberleitungen als stählerne Klappbrücken neu gebaut werden. Spektakulärstes Projekt der 1920er Jahre war die neue Reichsbahnbrücke, eine zweiarmige Drehbrücke. Sie ersetzte die alte Stahldrehbrücke von 1865 und wurde 1913 bis 1926 doppelstöckig gebaut, d.h. unter der viergleisigen Eisenbahnebene verlief eine breite Straße mit zwei Straßenbahngleisen und Fußwegen. Sie galt als technisches Wunderwerk.
Atemberaubend innovative Technische Gebäude entstanden, seit 1915 der erfahrene Bauingenieur Cornelius Kutschke Stadtbaurat von Königsberg geworden war. Er entwickelte den modernsten Seehafen der Ostsee: Flussabwärts des Alten Außenhafens waren fünf Hafenbecken linksseitig des Pregel geplant. Drei entstanden: Freihafen, Industriehafen, Holzhafen sowie Gleisanlagen, Speichergebäude, Industriebetriebe, Gaswerke.
Hanns Hopps Technische Bauten
Im intellektuellen Milieu von Königsberg fiel der Architekt Hanns Hopp durch besondere Modernität auf. Von 1914 bis 1926 war der in München diplomierte Ingenieur städtischer und danach selbstständiger Architekt. Er war von den technischen Neuerungen und den radikalen Umbrüchen der 1920er Jahre begeistert. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dem aufkommenden Automobil- und Luftverkehr sowie den medialen Möglichkeiten von Film und Rundfunk. Beim Stadtbauamt konnte er seine Ideen und Visionen verwirklichen. Auch mit Hilfe von Oberbürgermeister Hans Lohmeyer.
Hopps rasante Technische Werke sind sehenswert: Die Messehallen der Ostmesse (1920–1921), der Flughafen Devau (1920), das Maschinengebäude des Ostmarkenrundfunks/Reichssenders, Alte Pillauer Landstraße (1925–1927), das Kino Kapitol, Vorstädtische Langgasse (1927), das Kino Prisma, Steindamm (1928), das Funkhaus Ostmarkenrundfunk/Reichssender, Hansaring (1932–1933).
Außerhalb von Königsberg sind die Wassertürme Pillau und Nikolaiken (1927) sowie etliche modern konstruierte neue Brücken entstanden, meist im Auftrage der Wasserbaudirektion Königsberg. Das waren Wiederaufbauten von im Ersten Weltkriege zerstörten Überführungen. Beispielhaft seien hier genannt die Stahlbetonbalkenbrücke über den Jeglinner Kanal bei Johannisburg (1922), die Dreigelenkbogenbrücke über die Alle bei Wehlau (1922–1923), die Zweigelenkbogenbrücke über die Alle in Leissiennen, die Hindenburgbrücke (1923–1924) oder die Stahlbetonbogenbrücke über den Jeglinner Kanal (1924).
Bekanntlich wurden 1914 in Ostpreußen 40 Städte und 2.000 Dörfer zerstört, aber auch technische Infrastruktur. Preußen machte sich umgehend an die Beseitigung der Kriegsschäden. Aber das ist ein anderes Thema.
• Prof Dr. Ingo Sommer ist Autor der Monographie „Preußische Moderne: Vom Ende der Pracht und einer neuen Baukunst 1918–1933“, Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, Band 59, Duncker & Humblot, Berlin 2024.