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Mehrfach wäre die gesamte Menschheit beinahe ausgestorben. Die überlebenden Mitglieder unserer Art hinterließen dann einen „genetischen Flaschenhals“, der den Homo sapiens bis heute prägt
Am 16. März um 6 Uhr morgens lebten genau 8.281.519.935 Menschen auf unserem Planeten – so vermeldete es zumindest die laufend aktualisierte Internetseite „worldometers“. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird die Erdbevölkerung kontinuierlich weiter wachsen, bis zu einem Spitzenwert von etwa 10,4 Milliarden Menschen in den 2080er Jahren. Angesichts dieser Zahlen ist kaum vorstellbar, dass unsere Spezies in der Vergangenheit mindestens vier Mal kurz vor dem Aussterben stand.
Das erste Mal wurde es schon vor rund 1,2 Millionen Jahren kritisch. Damals war das Klima weltweit durch ständige abrupte Wechsel zwischen Kalt- und Warmzeiten geprägt, wobei die Temperaturen mit der Zeit immer stärker abfielen. Dadurch ging die Zahl der Frühmenschen beziehungsweise direkten Vorfahren des Homo sapiens in Afrika von etwa 55.000 auf 18.500 zurück. Manche Forscher nehmen sogar an, dass nur noch wenige kleine und räumlich getrennte Gruppen mit zusammen maximal einigen hundert Mitgliedern überlebten.
Sehr gut dokumentiert ist das Fast-Verschwinden der Menschheit im Zeitraum von 910.000 bis 811.000 v. Chr. Auch damals kam es zu einer deutlichen Abkühlung des Klimas, verbunden mit langen Trockenperioden, die zum weitgehenden Verlust der pflanzlichen Nahrungsquellen für Mensch und Tier führten. Welche gravierenden Folgen das hatte, fanden Mitglieder der Chinesischen Akademie der Wissenschaften 2023 bei der Untersuchung der Genomsequenzen von gut 3.000 heute lebenden Personen aus 50 Völkern der Erde mit Hilfe einer neu entwickelten Methode heraus.
99 Prozent waren einfach weg
Zum Ende der Kälte- und Trockenperiode lebten wohl nur noch 1.280 fortpflanzungsfähige Männer und Frauen rund um den Globus, was einen Bevölkerungsrückgang um fast 99 Prozent bedeutet. Auf jeden Fall verschwanden alle Menschen mit 24 Chromosomenpaaren – mit betroffen hiervon war vermutlich auch der nach wie vor geheimnisumwitterte letzte gemeinsame Vorfahre von Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Mensch.
Die nächsten zwei großen Rückschläge für unsere Spezies erfolgten während der Kaltzeiten vor 195.000 bis 123.000 beziehungsweise 100.000 bis 50.000 Jahren. In beiden Fällen lag der Restbestand der Menschheit nur bei wenigen hundert bis maximal 2.000 Individuen. Im Zuge des letzten Einbruchs, der durch die Super-Eruption des indonesischen Vulkans Toba vor 74.000 Jahren und den nachfolgenden vulkanischen Winter eine ganz besondere Dramatik erhielt, wäre es zudem fast zur Aufspaltung der Art Homo sapiens in zwei getrennte Linien gekommen. Die Vereinigung der beiden Menschengruppen, die sich in weit voneinander entfernte, halbwegs sichere Refugien geflüchtet hatten, erfolgte erst vor rund 40.000 Jahren.
Und dann gab es vor etwa 7.000 Jahren nochmals ein Massenaussterben in weiten Teilen Europas, Asiens und Nordafrikas. Allerdings verschwanden diesmal nur die Männer, wie eine 2015 entdeckte starke Verarmung der Genvielfalt auf dem Y-Chromosom zeigt. Am Ende kamen in den betroffenen Regionen bis zu 17 Frauen auf einen einzigen Mann. Als Ursache dessen vermuten Prähistoriker Kriege um Ressourcen wie Land und Vieh, die extrem blutig verliefen. Und tatsächlich gibt es zahlreiche archäologische Belege für Massaker in dieser Zeit, bei denen ganze männliche Verwandtschaftslinien ausgerottet wurden, während die Frauen in die Hände der Sieger fielen, was die parallele genetische Ausdifferenzierung unter der weiblichen Bevölkerung erklärt.
Neben diesen ausgedehnten demografischen Aderlässen fanden weitere solche Ereignisse in räumlich begrenztem Umfang statt: Wie DNA-Analysen bei 450 heute lebenden Völkern zeigten, schrumpfte die Bevölkerung bei mehr als der Hälfte der untersuchten Ethnien innerhalb der vergangenen 10.000 Jahre mindestens einmal auf wenige Tausend oder gar Hundert Individuen. Besonders stark betroffen waren dabei Populationen auf Inseln wie Island, Malta, Sardinien, Papua-Neuguinea und Taiwan.
Die DNA-Bausteine sind fast gleich
Auf dem Festland traf es vor allem die Naturvölker, die in den Wüstengebieten Afrikas und Vorderasiens sowie in der sibirischen Taiga oder in arktischen Regionen lebten. Verantwortlich für den Bevölkerungsschwund dürften auch hier wieder klimatische Faktoren und Kriege gewesen sein. Dazu kamen die geografische Isolation sowie nachteilige kulturelle Praktiken. Und am Ende führten dann natürlich auch das Vordringen der Kolonialmächte sowie die 13 Jahrhunderte lang betriebene arabisch-islamische Sklavenjagd in Zentral- und Ostafrika zum Einbruch bei den Bevölkerungszahlen.
Mit Blick auf die deutliche genetische Verarmung in Populationen mit nur wenigen Mitgliedern sprechen Wissenschaftler von „genetischen Flaschenhälsen“. Dass sie in der Geschichte der Menschheit bei vielen Gelegenheiten auftraten, erklärt die geringe Variabilität im Erbgut der heute lebenden Menschen: Quer über den gesamten Globus und alle Rassen oder Sprachfamilien hinweg sind 99,9 Prozent der DNA-Bausteine der Vertreter unser Spezies identisch. Das Verschwinden vieler Gene im Zuge des Rückgangs der Bevölkerungszahlen kontrastierte mit einer verschärften natürlichen Auslese aufgrund des Selektionsdrucks in den extremen Notsituationen, die zum Bevölkerungsschwund geführt hatten. Wichtigstes Ergebnis dieses Prozesses war zweifellos die beschleunigte Fortentwicklung des menschlichen Gehirns, welche dann wiederum dazu führte, dass der Homo sapiens die Kontrolle über das Feuer erlangte, was seine Überlebenschancen in den später folgenden Kältephasen deutlich verbesserte.
Zu einer spürbaren Vermehrung unserer Vorfahren kam es jedoch erst mit der flächendeckenden Verbreitung der sesshaften Lebensweise und dem Übergang zur Landwirtschaft in der Jungsteinzeit. Damals wuchs die Weltbevölkerung von wenigen hunderttausend auf zehn Millionen. Anschließend dauert es freilich nochmals knapp 10.000 Jahre, bis um 1800 herum die erste Milliarde erreicht war.