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Die Oberharzer Wasserwirtschaft – Wirtschaftliche wie kulturelle Blüte inmitten einer atemberaubenden Landschaft
Über Jahrhunderte prägte der Erzbergbau das Leben im Harz. Die Gewinnung, Verarbeitung und der Handel mit Bodenschätzen veränderten nicht nur die Landschaft, sondern auch die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen. Dörfer und Städte entstanden oder wuchsen, technische Innovationen hielten Einzug, und religiöse Gemeinschaften wie die Zisterzienser wirkten als Bauherren, Unternehmer und Grundbesitzer. Aus dieser Wechselwirkung zwischen Erz und Mensch entstand eine Kulturlandschaft, die heute in drei eng verbundenen UNESCO-Welterbestätten sichtbar ist: Bergwerk Rammelsberg, Altstadt von Goslar und Oberharzer Wasserwirtschaft – letztere mit dem Kloster Walkenried als historisch bedeutendem Ausgangspunkt.
Die Oberharzer Wasserwirtschaft ist das weltweit bedeutendste vorindustrielle Wasserwirtschaftssystem. Sie umfasst heute noch 107 Teiche, rund 340 Kilometer Wassergräben und etwa 30 Kilometer unterirdische Wasserläufe. Hauptzweck dieser Anlagen war es, Wasser als Energieträger für den Bergbau bereitzustellen.
Als Väter der Oberharzer Wasserwirtschaft gelten die Zisterziensermönche aus Walkenried, die spätestens ab dem
13. Jahrhundert erste Teich- und Grabensysteme konstruierten. Die Zisterzienser waren auch über Jahrhunderte die wichtigsten Bergherren am Rammelsberg, bevor im 14. Jahrhundert der Niedergang des Bergbaus einsetzte. Erst im 16. Jahrhundert kam es zu einer erneuten Hochzeit des Bergbaus und einem meisterhaften Ausbau der Wasserwirtschaft.
Die Ausnutzung der Wasserkraft war so erfolgreich, dass direkt zu elektrischer Energie übergegangen worden ist, ohne die Dampfmaschine einzusetzen. Heute wird das Wasser der Oberharzer Wasserwirtschaft zur Stromerzeugung und zur Trinkwassergewinnung genutzt. Zahlreiche Wanderwege führen entlang der Kunstgräben und laden Besucher zum Erkunden der Wasserwirtschaft ein.
Von der gotischen Klosteranlage Walkenrieds sind heute beeindruckende Ruinen erhalten. Der doppelschiffige Kreuzgang gilt als einzigartig in Deutschland. Das Zisterzienser-Museum dokumentiert nicht nur die Geschichte des Klosters, sondern auch die Verbindung zwischen klösterlichem Leben, Landbewirtschaftung und Bergbau.
Im historischen Herrenhaus der ehemaligen Klosterdomäne informiert das Welterbe-Infozentrum über alle drei Bestandteile der Welterbestätte. Es ist zugleich ein idealer Ausgangspunkt für Exkursionen zu den Teichen, Gräben und technischen Bauwerken der Oberharzer Wasserwirtschaft.
Ein Besuch lässt sich im Klostercafé Walkenried im ehemaligen Refektorium abrunden. Dort steht unter anderem das traditionelle Kniesteressen auf der Karte – ein einfaches, aber herzhaftes Gericht aus Backkartoffeln, Käse und Wurst, das auf die Klosterküche der Zisterzienser zurückgeht.
Der Rammelsberg bei Goslar war über ein Jahrtausend lang ein Zentrum des Erzbergbaus. Aus dem Berg wurden vor allem Silber-, Blei- und Kupfererze gefördert. Das Bergwerk blieb fast durchgehend in Betrieb – bis zur Stilllegung 1988. Heute ist es ein Museum und Besucherbergwerk, in dem original erhaltene Stollen, Maschinen und Förderanlagen die Entwicklung des Bergbaus vom Mittelalter bis in die Moderne veranschaulichen.
Wandern im Welterbegebiet
Der Reichtum aus dem Rammelsberg ermöglichte den Aufstieg Goslars zu einer bedeutenden Stadt des Mittelalters. Die Altstadt ist geprägt von gut erhaltenen Fachwerkhäusern, romanischen Kirchen und dem historischen Rathaus. Ein zentrales Bauwerk ist die Kaiserpfalz Goslar, die im 11. Jahrhundert unter Heinrich III. errichtet wurde. Sie diente über 200 Jahre lang als wichtiger Aufenthalts- und Regierungssitz der römisch-deutschen Kaiser. Heute ist sie ein Museum und dokumentiert die politische und kulturelle Bedeutung Goslars im Mittelalter.
Für Besucher bietet die Region
22 Wasser-Wanderwege, die zu Teichen und Dämmen sowie noch genutzten als auch zu nicht mehr genutzten Gräben und Schachtanlagen führen. Entlang der Teichketten der Wasserwirtschaft kann man alte Radstuben, Stollenmundlöcher und Pingen (Vertiefungen) entdecken. Informationstafeln erklären die Funktionsweise der Anlagen und ihre Bedeutung für den Bergbau. Bekannte Stationen sind der Sperberhaier Damm, die Hirschler-Pfauenteich-Kaskade oder die Grube Samson in St. Andreasberg. Das Netz der Wasser-Wanderwege umfasst insgesamt fast 113 Kilometer. Die einzelnen Etappen sind zwischen 0,3 und 11,5 Kilometer lang.
Seit August 2023 steht Besuchern mit der kostenlosen „Welterbe im Harz App“ ein digitaler Begleiter zur Verfügung. Sie bietet interaktive Karten, Tourenvorschläge, Audioguides und Veranstaltungshinweise. Dank intelligenter Filter und einer übersichtlichen Bedienung lassen sich Ausflugsziele, Führungen und thematische Routen einfach finden. Besonders beliebt sind die „Welterbe Challenges“, bei denen Nutzer digitale Abzeichen als Anfänger, Kenner oder Experte sammeln können. Ob zu Fuß, mit dem Rad oder motorisiert – die App navigiert sicher durchs Welterbegebiet und erzählt an markanten Punkten spannende Hintergrundgeschichten. Damit ergänzt sie die drei Welterbe-Infozentren in Goslar, Walkenried und Clausthal-Zellerfeld ideal und macht die authentischen Orte des Harzer Welterbes unmittelbar erlebbar
Das UNESCO-Welterbe im Harz dokumentiert in einmaliger Weise, wie Erzabbau, Technikentwicklung und kulturelle Blüte ineinandergreifen. Das Kloster Walkenried, die Oberharzer Wasserwirtschaft, das Bergwerk Rammelsberg und die Altstadt von Goslar zeigen unterschiedliche Facetten dieses Zusammenspiels und machen sie für heutige Besucher anschaulich erlebbar.
Wer das Welterbegebiet stilvoll erleben möchte, kann im Klosterhotel Wöltingerode übernachten. Das ehemalige Zisterzienserinnenkloster bei Goslar kombiniert historische Architektur mit modernem Hotelkomfort. Neben komfortablen Zimmern bietet es eine eigene Brennerei, in der seit dem 17. Jahrhundert Spirituosen hergestellt werden – ein gelungener Abschluss eines Welterbe-Besuchs im Harz.
www.welterbeimharz.de