19.04.2026

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Über den Mut zum Selberdenken

Wenn man immer öfter nicht mehr seiner Meinung ist

Reinhard Mohr
05.03.2026

Der Titel eines französischen Spielfilms aus dem Jahr 1988 lautet „Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss“ – und ist nicht ganz wörtlich zu nehmen. Aber wer, wenn nicht die Franzosen, müsste wissen, was das Leben eigentlich ist. Wie oft sagen sie „C'est la vie!“ – so ist das Leben, wenn sie über Dinge sprechen, die verrückt oder furchtbar sind, phantastisch, irre oder tragisch, jedenfalls nicht zu ändern. Mais oui, c'est la vie, n'est ce pas ...?

Andererseits gibt es vieles, was man ändern kann. Dazu besitzt der Mensch die Fähigkeit zu denken, sich immer wieder mit neuen Aspekten der Wirklichkeit zu konfrontieren, um größere Zusammenhänge zu erkennen, Ursachen und Wirkungen zu verstehen. Vor allem Wissenschaft und Forschung beruhen auf dieser Eigenschaft, die im Universum, soweit man weiß, eher selten anzutreffen ist. Sie beeinflusst das ganze Leben – vom privaten Alltag über die Ökonomie bis zur großen Politik. Dazu kommen Gefühle, psychische Dispositionen, kulturelle Prägungen, genetische Voraussetzungen und die soziale Herkunft.

Was bleibt, ist das individuelle Denken. Selbstreflexion, die Freiheit, Erfahrung und Erkenntnis zu verbinden, die Autonomie des Subjekts. Cogito ergo sum, sagte Descartes. Ich denke, also bin ich. Aus Fehlern lernen, Wahrnehmung und Bewusstsein verändern und sich an den Philosophen Karl Popper erinnern, der sagte, dass jede wissenschaftliche Theorie widerlegbar sein, also triftige Gegenargumente vertragen müsse. Sonst zähle sie nicht. Wer nur glaubt, ist am falschen Ort.

Das gilt auch für politische Theorien. Erst recht für die Praxis, die aus ihr folgt. Die älteren Zeitgenossen erinnern sich noch an die „unwiderlegliche“, „unumstößliche“, „ewig gültige“ und „einzig wahre“ wissenschaftliche Lehre des Marxismus-Leninismus, die über 70 Jahre weltweit gepredigt wurde. Der historische Höhepunkt dieser religiösen Vergötterung des Kommunismus war der jahrzehntelange Stalin-Kult. Jubelarien über einen millionenfachen Massenmörder, den die linke europäische Intelligenzia als Erlöser der Menschheit feierte. Johannes R. Becher, Kulturminister der DDR und Schöpfer ihrer Hymne „Auferstanden aus Ruinen“, verfasste nach Stalins Tod 1953 eine schier endlose Ode, deren letzte Strophe lautete:

„Die Völker werden sich vor dir erheben /
Genosse Stalin, und zu dir erhebt /
Mein Deutschland sich:
in unserm neuen Leben /
Das Leben Stalins ewig weiterlebt.“

Diese Ewigkeit ist lange vorbei. Ihr fernes Echo vernimmt man noch hier und da auf Tagungen der Rosa-Luxemburg-Stiftung, bei kommunistischen Splittergruppen und in gut sortierten Buchhandlungen. Doch wer glaubt, damit habe sich die Sache des Sozialismus erledigt, irrt. In Deutschland kam er bald nach Kriegsende wieder aufs Tapet, in Ost und West, erst recht in den 60er und 70er Jahren, als die beginnende westdeutsche Studentenrevolte neben Adorno und Marcuse Marx, Engels und Lenin wiederentdeckte. Die „Neue Linke“ unterschied sich von der alten kommunistischen Bewegung vor allem dadurch, dass das – zumal revolutionäre – Proletariat sukzessive verschwand und durch allerlei soziale Randgruppen, sexuelle Minderheiten und die Unterdrückten in der „Dritten Welt“ ersetzt werden musste.

Doch abermals scheiterte die sozialistische Weltrevolution, die daraufhin zur Kulturrevolution herabgestuft wurde wie ein Hurrikan zum Sturmtief in der norddeutschen Tiefebene. Heute ist die Linke weitgehend ein Zeitgeist-Phänomen – grün, woke und queer, multikulturell, antifaschistisch und divers, ökologisch, klimabewusst und feministisch, im Zweifel politisch korrekt und recht unduldsam gegenüber allen, die nicht dazugehören wollen. Derweil haben sich sämtliche Bestrebungen, den Sozialismus, also Staatswirtschaft, Kollektivierung und Einparteienherrschaft, als katastrophale Fehlschläge erwiesen – von Kuba bis Nordkorea, von Nicaragua bis Venezuela, von Kambodscha bis Mozambique.

Woher kommt diese historische Unwissenheit?
Aber was gilt schon historische Erfahrung? Heidi Reichinnek, die neue Galionsfigur der Partei „Die Linke“, behauptet, in der vor 35 Jahren untergegangenen DDR, ja im gesamten früheren Ostblock habe es gar keinen Sozialismus gegeben. Der richtige, wahre, echte und endgültig gerechte Sozialismus, der komme erst noch. Daran arbeitet sie mit hunderttausenden anderen in diesem Land, von der Grünen Jugend bis zur „Antifa“, allesamt fest im Glauben, dass kenntnisfreie Gesinnungstreue das Unterpfand einer glücklichen Zukunft sei.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Woher kommt bloß dieses ungeheure historische Unwissen? Und bei all jenen, die eigentlich wissen müssten, was der europäische Kommunismus in über hundert Jahren angerichtet hat: Warum fällt es ihnen eigentlich so schwer, einen Irrtum zuzugeben?

Viele ehemalige Linke befragen sich allerdings längst selbst, wie es kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und an den Sozialismus glauben, den Staat weder verteufeln noch vergöttern, Marktwirtschaft, parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat für historische Errungenschaften halten und die Freiheit so sehr lieben, dass sie auf politisch korrekte Bevormundung verzichten können.

Dabei geht es auch um all jene Irrungen und Wirrungen des Lebens, die das leidenschaftliche Selberdenken mit sich bringt. Kaum etwas ist schwerer, als sich von einem vertrauten Weltbild zu lösen, das zur geistigen und emotionalen Heimat geworden ist.

Wie verkraftet man die Trennung von der alten Glaubensgemeinschaft, den Verlust von Freunden? Wie geht man mit all den Zweifeln um, die es ja so schwer machen, neue Überzeugungen, gar Gewissheiten zu gewinnen? Glaubt man an gar nichts mehr, oder ist womöglich eine neue Gemeinschaft abtrünniger Gleichgesinnter entstanden, deren Ideologiekritik selbst zur Ideologie werden kann?

Über allem aber schwebt das Menetekel des vermeintlichen „Rechtsrucks“, des Abweichlertums, ja des „Verrats“. Anders als in Frankreich, wo es immer „la Gauche“ et „la Droite“ gab, Kommunisten und Konservative, Sozialisten und Liberale, hat sich gerade in den letzten Jahren hierzulande eine fatale Kurzschluss-Gleichung entwickelt: Wer nicht links oder wenigstens grün ist, ist rechts. Und wer rechts ist, ist eigentlich rechtsradikal, also Nazi. Ein infames „Framing“, das abschrecken soll.

Man braucht nur zu behaupten, diese oder jene Äußerung, diese oder jene Auffassung bediene ein „rechtes Narrativ“, und schon ist Schluss der Debatte.

Am häufigsten wird diese Mechanik der Diskursvermeidung beim großen Themenkomplex Migration, Integration und Islamisierung bestimmter Parallelgesellschaften eingesetzt. Auch wenn die Statistiken von Polizei und Bundeskriminalamt die massive Überrepräsentation meist männlicher muslimischer Tätergruppen bei Gewaltverbrechen belegen, gilt jeder Hinweis darauf als rassistisch motiviert. Selbst die zu Recht beklagte wachsende Gewalt an Frauen, Stichwort „Femizide“, darf in keinen Zusammenhang mit – zumal illegaler – Einwanderung gebracht werden. „Patriarchale Strukturen“ und „toxische Männlichkeit“ werden nur beim alten weißen Mann und der westlich-postkolonialen Gesellschaft diagnostiziert, und auch die zunehmenden Übergriffe gegen Schwule, Lesben und sogenannte non-binäre, queere Menschen haben natürlich nichts mit der Homosexuellen-Feindlichkeit in der arabisch-muslimischen Welt zu tun. Dasselbe gilt für den Antisemitismus, der stets nur „rechts“ verortet wird. Auch hier nichts außer „Nazis“.

All diese Tabuisierungen realer gesellschaftlicher Verhältnisse beruhen auf dem psychologischen Prinzip der bedingungslosen Eigensicherung: Jede Tatsache oder Meinungsäußerung, die das eigene Weltbild bedroht oder beschädigen könnte, wird unter konzentriertes ideologisches Abwehrfeuer genommen. Neue Gedanken, über Jahrhunderte als „Ketzertum“ gebrandmarkt und häufig mit dem Scheiterhaufen geahndet, sind gefährlich für das Selbstbild wie für das gewohnte Gemeinschaftsgefühl, also das, was man heute „Blase“ oder „Bubble“ nennt.

Gelobt seien die Selberdenker
Dabei handelt es sich letztlich um eine Art Wagenburgmentalität rund ums furchtsame Ich, das sich vor Zumutungen fremder, womöglich anstößiger, bedrohlicher Gedanken schützen will. Im innersten Kern dieser „safe spaces“ stecken selbst auferlegte Denkverbote. So entsteht eine ignorante Glaubensfestigkeit, hinter der meist Denkfaulheit und Feigheit lauern. Um es klar zu sagen: Dieses Phänomen existiert links wie rechts, unter religiösen Fundamentalisten aller Glaubensrichtungen, bei frisch Erweckten wie im Kreise von Gutgläubigen, die irgendwann aufgehört haben, sich Fragen zu stellen. In diesen Tagen gilt das auch für Zeitgenossen, denen es schwerfällt, in US-Präsident Donald Trump jene Person zu erkennen, die er ist: ein narzisstisch schwer gestörter Egomane, der sich selbst für den Master of the Universe hält und die Welt nach seinem Gusto formen will – ohne Rücksicht auf Demokratie und Rechtsstaat, skrupellos und völlig selbstbesoffen.

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, hatte einst der französische Künstler Francis Picabia gesagt. Heißt: Einen Irrtum einzugestehen ist deutlich besser als auf ihm zu beharren, womöglich nur deshalb, um Beifall von der „falschen Seite“, also den alten Feinden, hier: den notorisch linken Trump-Verächtern, zu vermeiden.

Gelobt seien also die passionierten Selberdenker, freiheitsliebende Zeitgenossen dieser zweiten deutschen Republik, die sie trotz aller Schwächen und Fehlentwicklungen mit allem, was sie haben, verteidigen wollen – gegen jeden Extremismus, ob rechts, links oder islamistisch, gegen Dummheit, Fanatismus und Geschichtsvergessenheit.

Was ihnen dabei am meisten hilft, ist das, was Hannah Arendt „Denken ohne Geländer“ nannte, die Freiheit des menschlichen Geistes, sich das Recht herauszunehmen, zu wehen, wohin er will.

Der Autor Reinhard Mohr ist Co-Herausgeber des gerade erschienenen Bandes „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“. 260 Seiten, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2026. 24 Euro. Autoren Dieter Nuhr, Monika Gruber, Harald Martenstein, Monika Maron u.v.m.


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