Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Der Erzählmotor des ostpreußischen Autors lief stets zuverlässig – und auch moralisch wie geschmiert
Sie würde in Hamburg gern in einer Barkasse fahren. Von der auf Besuch in Hamburg weilenden guten irischen Freundin war bekannt, dass sie ein paar Brocken Deutsch kann. Dass sie aber das Wort „Barkasse“ tadellos aussprach, überraschte dann doch ein wenig. „Ich kenne es aus einer Erzählung von Siegried Lenz“, erklärt sie, „wir haben ihn in der Schule gelesen.“
Es muss wohl die um 1975 entstandene Erzählung „Einstein überquert die Elbe bei Hamburg“ gewesen sein, in der eine Barkassenfahrt eine wichtige Rolle spielt, die in einer Dubliner High School zur Schullektüre im Wahlfach Deutsch gehörte. „Ich habe Lenz gehasst und geliebt“, offenbart die Irin. Gehasst, wegen ihres Kampfes mit der fremden Sprache, geliebt, weil sie eben durch Lenz mit der deutschen Sprache vertraut wurde.
Lenz, der am 17. März 1926 im ostpreußischen Lyck geboren wurde, ist längst auch im Ausland ein zeitgenössischer Klassiker geworden. Das hat er mit Heinrich Böll und Günter Grass gemeinsam, mit denen er die richtungsweisende
Troika der bundesrepublikanischen Gegenwartsliteratur nach 1945 bildete. Aber anders als seine beiden Kollegen wurde Lenz nie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Dabei hatte er mit seinen Romanen „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“ bleibende Monumente der deutschen Literatur geschaffen. Aber er war eben kein dezidiert politischer Autor, jedenfalls nicht in der Weise wie Böll und Grass, die ihr sozialdemokratisches Fähnchen auch in ihren Werken wehen ließen und damit preisverdächtige Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.
Wo die einen laut paukten und trompeteten, geigte Lenz eine sanfte moralische Melodie. Er war ein Meister der leisen Töne, ein Chronist der Pflicht und des Versagens, der es verstand, die großen historischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in überschaubare, fast kammerspielartige Szenen zu übersetzen. Wer heute sein Werk betrachtet, begegnet einem Mann, der das Schreiben nicht als Selbstdarstellung, sondern als Dienst an der Gesellschaft und der Wahrheit begriff.
Sein Weg zum Schriftsteller war, wie bei so vielen seiner Generation, von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs gezeichnet. Als junger Marinesoldat erlebte er den Zusammenbruch des NS-Regimes und die Gefangenschaft, alles Erfahrungen, die ihn dazu brachten, die Mechanismen von Gehorsam und Widerstand zeitlebens zu hinterfragen. Und dies tat er nach seiner Flucht nach Schleswig-Holstein, seiner Zeit als Schwarzmarkthändler in Hamburg in dem Debütroman „Es waren Habichte in der Luft“ (1951) und einem zweiten Roman, dem der Verlag Hoffmann und Campe aber die Publikation verweigerte. Der Roman „Der Überläufer“, der die Geschichte eines zu den Sowjets übergelaufenen Wehrmachtssoldaten erzählt, durfte in den frühen 50er Jahren nicht erscheinen. Grund: Die bundesrepublikanische Seele hätte angesichts des Ost-West-Konflikts durch diesen Roman Schaden nehmen können.
Eine solche Zensur hatten in der jungen westlichen Republik noch einmal die Großkopferten unter den deutschen Nachkriegsautoren erlebt. Erst nach Lenz' Tod veröffentlichte Hoffmann und Campe 2016 den Roman, der prompt vier Jahre später von der ARD verfilmt wurde.
War dieses Zensurerlebnis der Grund, dass sich Lenz auf seine masurische Heimat besann? 1955 brachte sein Verlag die Kurzgeschichten „So zärtlich war Suleyken“ heraus, in denen Lenz mit einem Augenzwinkern und tiefer Empathie von den Eigenheiten der Menschen des fiktiven ostpreußischen Orts Suleyken berichtete. Es war diese Mischung aus melancholischer Rückschau und scharfem analytischem Verstand, die ihn so populär machte. Damit war der ostpreußische Autor geboren, der ähnlich wie später der ebenfalls in Hamburg lebende Arno Surminski dem bundesdeutschen Publikum den Verlust eines ostdeutschen Landesteils dauerhaft in Erinnerung rief.
Ein Unterstützer der Ostpolitik
Lenz bekannte sich zwar zu seiner masurischen Heimat, jegliche „Heimattümelei“ war ihm aber fremd. Der sich politisch zurückhaltende Autor, der in den späten 1940er Jahren bei der konservativen Zeitung „Die Welt“ ein Volontariat absolvierte, suchte stattdessen die Nähe zur Gruppe 47, jener losen Verbindung von fortschrittsgläubigen Literaten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die deutsche Sprache nach dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten zu demokratisieren und zu reinigen.
Größte Anerkennung sowohl von seinen Autorenkollegen wie auf die des Publikums erhielt Lenz für sein bis heute bekanntestes Werk, dem 1968 erschienenen Roman „Deutschstunde“. Es war zugleich sein literarischer Durchbruch. In diesem Buch setzte er sich intensiv wie kaum ein anderer mit der Dialektik von Pflicht und Schuld auseinander. Der Protagonist Siggi Jepsen schreibt in einer Erziehungsanstalt einen Aufsatz über die „Freuden der Pflicht“, während sein Vater, ein Polizist, das in der NS-Zeit exekutierte Malverbot für einen expressionistischen Künstler auch dann noch fanatisch durchsetzt, als der Krieg längst verloren ist. Dieses Werk wurde zur Pflichtlektüre ganzer Generationen und markierte einen Wendepunkt in der deutschen Aufarbeitungsliteratur. Es ging Lenz dabei nie um bloße Anklage, sondern um das Verständnis dafür, wie das Böse durch die vermeintliche Tugend des Gehorsams in die Welt tritt.
„Ich schreibe, um die Welt ein wenig bewohnbarer zu machen“, sagte Lenz einmal über seinen inneren Antrieb. Das beschreibt treffend sein gesamtes Œuvre, das sich durch eine tiefe Humanität auszeichnet. Seine Sprache war die eines Musterschülers: stets klar, präzise und bar jeder modischen Schnörkel. Er vertraute auf die Kraft der Erzählung und die Tiefe seiner Charaktere. Dabei blieb er ein Skeptiker gegenüber einfachen Lösungen.
Das zeigt sich auch in seinem Roman „Heimatmuseum“ von 1978, in dem er seiner Heimat Masuren ein weiteres Denkmal setzte, in dem aber auch schon seine Unterstützung für die Ostpolitik Willy Brandts durchblickte. So begleitete er den damaligen Kanzler 1970 zur Unterzeichnung des Vertrages nach Warschau. Und um das Heimatmuseum vor politischem Missbrauch zu schützen, lässt Lenz es im Roman in Brand stecken. Es ist sein sozialdemokratisch angehauchter finaler Schlussstrich unter die Geschichte.
Der langjährige Freund von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt und dessen Frau Loki begriff Versöhnung nicht als Vergessen, sondern als schmerzhaften Prozess der Anerkennung der Realität. Er war ein Mann des Ausgleichs, der jedoch in moralischen Kernfragen keine Kompromisse einging. „Der Schriftsteller ist kein Gesetzgeber, aber er ist ein Zeuge“, betonte er in einer Rede über die Rolle des Autors in der Gesellschaft. Diese Zeugenschaft bezog sich bei Lenz immer auf den einzelnen Menschen. In seinen Geschichten stehen oft Außenseiter, Zweifler oder Menschen im Mittelpunkt, die unter der Last ihrer Verantwortung fast zerbrechen. Er zeigte die Heldenhaftigkeit im Kleinen und das tragische Scheitern im Großen. Seine Figuren sind selten strahlende Sieger, sondern oft mühsam Suchende, die versuchen, ihre Integrität zu bewahren.
Um Effekthascherei ist es Lenz nie gegangen. Sein Erzählmotor war nicht von einer Luxuskarosserie ummantelt. Er war der VW-Käfer der deutschen Literatur. Er lief und lief bis zu seinem Tod 2014 in Hamburg. Auf der Barkassenfahrt hat die Freundin aus Dublin übrigens ihre Liebe zu Lenz wiederentdeckt. Sie hat sich vorgenommen, ihre „Deutschstunde“ fortzusetzen, dann aber lieber auf Englisch. Lenz' Roman ist als „The German Lesson“ übersetzt. Diese Lektion hält ewig jung.
TV und Hörfunk
DER NDR FEIERT SIEGFRIED LENZ
Wenn am 17. März der 100. Geburtstag von Siegfried Lenz gefeiert wird, geht es um weit mehr als eine nostalgische Rückschau auf einen der bedeutendsten Chronisten der deutschen Nachkriegsliteratur. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, das Werk von Lenz einem Belastungstest im Hier und Jetzt zu unterziehen. In einem dichten Programm aus Dokudramen, modernen Wettbewerben und Archivschätzen zeigt sich: Die Kernfragen von Lenz – jene nach Moral, Pflichtgefühl und persönlicher Verantwortung – haben in einer Welt voller neuer Kriege und globaler Krisen nichts von ihrer Brisanz verloren.
Bereits Anfang März gaben Hamburg und Schleswig-Holstein unter dem Motto „Lenz liest“ den Startschuss. In Lesungen mit Schauspielgrößen wie Bjarne Mädel, Catrin Striebeck und Stephan Kampwirth wurde deutlich, wie sehr die Texte auch heute noch unter die Haut gehen. In diesem Rahmen wurden auch die Landessieger von „NDR Kultur“, „Lenz Challenge“, präsentiert. Die Hamburger Matinee wird am 15. März um 20 Uhr auf „NDR Kultur“ gesendet.
Ein Herzstück des Programms ist das Dokudrama „100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun?“, das am 9. März in der Mediathek startete und am 16. März um 22.45 Uhr im NDR-Fernsehen ausgestrahlt wird. Hier verschwimmt Fiktion mit Realität: Der Schauspieler Jonas Nay schlüpft in die Rolle des Inspektors Tondi und reist durch das heutige Deutschland. Er trifft auf Klimaaktivisten, Polizisten und Soldaten. Im Dialog mit ihnen wird die zeitlose Frage aufgeworfen, wo die Grenze zwischen Richtig und Falsch verläuft. Flankiert wird diese Reise durch Einschätzungen von Wegbegleitern Lenz' wie Günter Berg und der Journalistin Sabine Rückert sowie von originalen Tondokumenten des Schriftstellers
Auch für die Ohren bietet der NDR Tiefe: In der ARD Audiothek stehen 16 Hörspiele bereit, darunter die Hörfassung von „Der Überläufer“. Ergänzt wird das Audioangebot durch die plattdeutsche Neuauflage von „Dat Füerschipp“ („Das Feuerschiff“) ab dem 13. März (mehr im Internet unter: www.ndr.de/lenzhoerspiele).
Das Fernsehen nutzt das Jubiläum zudem für eine filmische Schatzsuche und zeigt Verfilmungen, die teils seit zwei Jahrzehnten nicht mehr zu sehen waren. Den Auftakt im NDR machte am 9. März um 23.15 Uhr „Das serbische Mädchen“, gefolgt von der „Deutschstunde“ von 1971 (16. März um 23.30 Uhr) und der Saga „Heimatmuseum“ (am 23. und 30. März um 23.15 Uhr). 100 Jahre nach seiner Geburt erweist sich Lenz somit nicht als Denkmal aus Stein, sondern als lebendige Stimme, die uns fragt: Wie hältst du es mit deiner Verantwortung?
Im Rahmen des „Lenz Challenges“ haben Schüler außerdem kurze, von Lenz inspirierte Handyvideos aufgenommen. Die von einer Jury ausgewählten Landessieger konnten ein eigenes kleines Hörspiel aufnehmen (abrufbar im Internet unter www.ndr.de/lenz-gewinnerteams).
Der PAZ-Tipp:
Lenz und das Anglerglück – Ein Fisch-Lesebuch
Wäre er nicht Schriftsteller geworden, dann hätte er wohl den Beruf des Fischers ergriffen, sagte Siegfried Lenz von sich. Das Angeln aber blieb zeitlebens seine Passion, die er immer wieder auch literarisch verarbeitet hat. So in der kurzen Erzählung „Das Wettangeln“, die ein Jahr nach seinem Tod bei Hoffmann und Campe posthum erschienen ist. Der Verlag legt zum Lenz-Jubiläum nun mit einem Erzählband nach, der die schönsten Texte des Autors zum Thema versammelt. Neben Erzählungen finden sich Gedichte, Briefe und Rundfunkstücke. Wer als Leser darin angelt, geht nicht leer aus.
Siegfried Lenz: Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch, Hoffmann und Campe, Hamburg 2026, gebunden, 240 Seiten, 25 Euro