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Schlesische Trachten haben ohne Schlesier in Schlesien wieder eine Chance
Im Ethnographischen Museum zu Breslau wurde die Kunst der schlesischen Weißstickerei zumindest für einige Stunden wieder wach. Olga Budzan vom Museum erklärte Frauen im Alter von Mitte 20 bis 80 Jahren, worum es bei dieser Kunstform geht, bevor sich die Damen ans Werk machten. „Wir haben hier im Museum einige Elemente der Riesengebirgstracht. Diese Tracht ist museal am besten erforscht. Man erkennt sie daran, dass sie schlicht ist, mit vielen städtischen Elementen. Doch eine Niederschlesierin erkannte man vor allem an der Haube. Denn Schlesien war das Land der Hauben. Sie wurden von Frauen hergestellt, die sich professionell damit beschäftigten. Und hier im Museum kann man solche Trachten bewundern, besonders die Riesengebirgstracht“, sagt Budzan stolz.
Die schlesische Stickkunst, allen voran die im Riesengebirge, war im 17. und 18. Jahrhundert noch Teil der Hausarbeit. Frauen stellten Leinen her oder bezogen es von lokalen Webern und versahen es mit einfachen Ornamenten. Die Muster wurden innerhalb der Familien weitergegeben. In den Tälern um Hirschberg [Jelenia Góra], Landeshut [Kamienna Góra]und Lomnitz [Łomnica] entstanden regionale Varianten mit meist floralen Formen, geometrischen Bordüren und religiösen Symbolen.
Im 19. Jahrhundert verdrängten maschinell gewebte Stoffe das handgesponnene Leinen und Fertiggarn erleichterte den Zugang zu feineren Stichen. Gleichzeitig stieg der Bedarf an dekorierten Textilien. Zu den lokalen Ornamenten kamen Mustervorlagen in den Umlauf. In dieser Zeit haben sich auch Schablonen und Mustertücher verbreitet, die heute in den Sammlungen des Riesengebirgsmuseums in Hirschberg und im Landeshuter Textilmuseum dokumentiert sind. Bestickte Mieder, Schürzen und Hauben wurden Bestandteil der regionalen Tracht, die eine identitätsstiftende Rolle spielte.
Nach 1900 begannen Vereine, Schulen und volkskundliche Sammlungen, die handwerklichen Techniken zu erfassen. Museen in Hirschberg, Landeshut und später auch in Schreiberhau nahmen gestickte Textilien in ihre Sammlungen auf, beschrieben Stiche und ordneten Mustergruppen erstmals systematisch. So konnte das Landeshuter Textilmuseum Kataloge und Fachtexte in polnischer Sprache herausgeben. Eine dieser Publikationen unter dem Titel „Traditionelle Techniken der Textilverzierung“ lag auf dem Tisch des Stickworkshops in Breslau. „So ein Rückgriff auf die Geschichte ist wichtig, denn wir sind aus den unterschiedlichsten Ecken nach Niederschlesien gekommen“, sagt Małgorzata Pyzlerska aus Nimkau (Miękinia). Sie engagiert sich im örtlichen Landfrauenverband. Es sei schwer, an Überlieferungen aus der Vorkriegszeit zu kommen, deshalb nimmt sie an derartigen Workshops teil. „Ich bin in Niederschlesien geboren, aber es gibt im Dorf niemanden mehr, der das deutsche Niederschlesien noch kennt. Es musste doch damals schön gewesen sein, als sich Frauen aus dem Dorf trafen und während der langen Winterabende stickten“, bedauert sie.
Grażyna Wiatrowska ist Kunsthistorikerin und schon deshalb an alter Stickerei- und Klöppelkunst interessiert. Sie habe den Eindruck, dass die schlesische Kunst, besonders die volkstümliche, heute noch „sehr oft gegenüber der Krakauer-, der Masowischen oder der Kaschubischen Kunst vernachlässigt wird. Das liegt wohl daran, dass Niederschlesien sehr lange nicht polnisch war und zur deutschen Geschichte gehört. Deshalb wird diese Kunst aus Niederschlesien oft unterschlagen“, sagt sie.
Dem möchte Budzan entgegenwirken und berichtet, dass „diese Gebiete sehr wohlhabend waren. Es gab hier einen großen Bevölkerungszustrom und daher verflüchtigte sich das Bewusstsein, die eigene Volkszugehörigkeit so stark zu betonen. Es gab viele Trachten, die ich als ländlich-städtisch bezeichnen würde.“ Im Riesengebirge sei der Anteil gestickter Elemente an der bäuerlichen Tracht begrenzt. „Mieder und Schürzen enthielten zwar Stickereien, die Hauptform der Verzierung erfolgte jedoch über fabrikgewebte oder gekaufte Borten. Im Landeshuter Raum dagegen wurde Stickerei deutlicher in festliche Kleidung integriert“, sagt Budzan.