Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Bei einem weiten thematischen Bogen wurde der Willen bekräftigt, die Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Heimat wachzuhalten
Die Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen, Landesgruppe Hessen (LOW), setzt sich dafür ein, dass die ehemaligen deutschen Ostgebiete in Erinnerung bleiben. Das sagte der Landesvorsitzende Gerd-Helmut Schäfer (Friedrichsdorf) bei der Landeskulturtagung in der Wetzlarer Stadthalle. Auch wenn die Erlebnisgeneration immer weniger werde, erfreue sich die Tagung stabiler Teilnehmerzahlen. „Wir wollen die Erinnerung an Flucht und Vertreibung sowie an unsere Heimat wachhalten“, erläuterte Schäfer vor 44 Teilnehmern. „In unseren Treffen stellen wir die Geschichte der alten Ostgebiete immer wieder in den Mittelpunkt. Wir betrachten uns als Brückenbauer zu denen, die aktuell in den Ostgebieten leben sowie zu den deutschen Minderheiten dort.“
Es gehe darum, die Kultur der Deutschen aus Ost- und Westpreußen, aus Pommern, dem Sudetenland und Schlesien vor dem Vergessen zu bewahren. Dazu gehöre es, immer wieder an Persönlichkeiten zu erinnern, welche die deutsche Geschichte mitgeprägt haben. Aber es gibt auch Vorträge zu Spezialitäten wie Königsberger Klopse, Tilsiter Käse oder Marzipan aus Königsberg.
Der Beauftragte der Landesregierung für Vertriebene und Spätaussiedler in Hessen, Andreas Hofmeister (CDU), konnte nicht teilnehmen, weil er zeitgleich beim Hessentag in Bad Vilbel Aufgaben hatte. Deshalb übermittelte er sein Grußwort per Video. Darin erinnerte Hofmeister an das Gedenken „80 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges“, aber auch an das Ende der Shoah, das er als Verbrechen des Nationalsozialismus brandmarkte. Aber der Beauftragte erinnerte ebenso an Flucht und Vertreibung, an das Ankommen der Menschen aus den Ostengebieten, ihren Beitrag am Wiederaufbau Deutschlands, indem sie ihre neue Heimat mitgestalten. Dies habe die Landsmannschaft in hervorragenden Weise getan. Dafür sprach er den Teilnehmern der Tagung seinen Dank aus.
Hohe Ehrung für Engagement
Durch das Programm der zweitägigen Veranstaltung führte der Wetzlarer Michael Hundertmark. Er ist Vorsitzender der CDU-Fraktion im Kreistag sowie in der Stadt Wetzlar. Der Stadtverordnete gehört der LOW ebenso an wie dem Bund der Vertriebenen (BdV) in Hessen. Im Rahmen der Tagung überreichte Hundertmark die Silberne Ehrennadel im Auftrag des BdV-Landesverbandes an den 90-jährigen Gerhard Schröder (Mühltal bei Darmstadt). Damit wird das langjährige Engagement von Schröder für Vertriebene und Flüchtlinge gewürdigt. Der gebürtige Königsberger engagiert sich im Landesvorstand der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen. Zudem leitet er als Vorsitzender die Kreisgruppe Darmstadt-Dieburg. Das Treuezeichen in Silber wird für mindestens 25 Jahre Engagement verliehen. Schröder hatte zuvor auch schon die Silberne Ehrennadel von der Landsmannschaft Ostpreußen mit Sitz in Hamburg erhalten.
Schröder schilderte in seinem Vortrag zum Thema „Überlebt im Nachkriegschaos von Königsberg“ seine autobiografische Geschichte. Der 90-Jährige gehörte zu den 20.000 Waisenkindern, die nach dem Krieg in Ostpreußen zurückblieben. Der Vater war im Krieg, die Mutter starb an einer Lungenkrankheit, und auch sein drei Jahre jüngerer Bruder starb, „weil er den Tod der Mutter nicht verwinden konnte“.
Schröder hielt das Buch „Königsberg. Pr.“ in die Höhe, in dem alle Häuser und Bewohner der ostpreußischen Hauptstadt verzeichnet sind. Weil Königsberg keine Straßennamen kannte, ist auch sein Heimathaus mit „1063, Nummer 40“ verzeichnet. Schröder erlebte als Kind mit, wie Ende Januar 1945 ein SS-Kommando 3000 Juden auf das Eis der Bernsteinküste bei Palmnicken trieb. Dort wurden die völlig entkräfteten Menschen erschlagen, erschossen, ertränkt oder dem Erfrierungstod ausgesetzt. Nur 17 Personen sollen dieses Verbrechen überlebt haben.
Als seine Mutter wegen der Lungenkrankheit immer schwächer wurde, kamen Gerhard und sein Bruder in ein Waisenhaus. Im Oktober 1947 gehörte er zu 50 Kindern, die nach ihrer Ausweisung in einem verblombten Güterwagen nach Mecklenburg verschickt wurden. Als er in einem Waisenhaus in Saalfeld (Thüringen) angekommen war, veröffentlichte der Sender RIAS in Berlin eine Meldung über den Kindersuchdienst. Darauf meldete sich eine in Berlin wohnende Tante. Sie schickte Gerhard mit den berühmten Rosinenbombern nach Westdeutschland.
Nach seiner französischen Gefangenschaft holte der Vater Gerhard zu sich nach Darmstadt. „Obwohl ich so viel Schreckliches in der alten Heimat Ostpreußen erleiden musste, fahre ich noch immer gerne dorthin“, sagte er. 2010 hat er mit anderen einen Gedenkstein im Garten der Propstei errichtet, der an die 30.000 Waisenkinder erinnert, die diese Zeit nicht überlebt haben. Kriege treffe besonders Kinder. Das sei auch jetzt im Nahen Osten und in der Ukraine so.
Der Landesvorsitzende Gerd-Helmut Schäfer gratulierte dem Landesschatzmeister Kuno Kutz, der kürzlich den Ehrenbrief des Landes Hessen für sein langjähriges Engagement entgegennehmen konnte. Zudem dankte er Kutz für die Vorbereitung der Tagung, bei der die Teilnehmer in der Wetzlarer Stadthalle zusammenkamen und im benachbarten Wetzlarer Hof bewirtet wurden und auch übernachteten.
Imaginäre Reise in den Osten
Jörn Pekrul aus Berlin nahm die Tagungsteilnehmer mit auf eine Reise auf der ehemaligen Reichsstraße 1, die von Aachen im Westen bis nach Eydtkunen in Ostpreußen einst 1392 Kilometer quer durch Deutschland führte. Heute wird sie Bundesstraße 1 genannte und ist die längste und älteste West-Ost-Verbindung Europas, die von Brügge nach Nowgorod durch acht Staaten führt. Pekrul verstand es in seinem zweigeteilten Vortrag, Städte, Ereignisse und Personen miteinander zu verbinden. Dabei brachte er viele Zitate und Gedichte zu Gehör. Er startete mit Heinrich Heine, der einst von Frankreich kommend am Grenzübergang in Aachen festgehalten wurde, als er seine Mutter in Hamburg besuchen wollte. Eine der nächsten Stationen war Köln. In Berlin erinnerte er an Heinrich von Kleist. Aber auch an Marlene Dietrich, die sich, nach Amerika vor den Nationalsozialisten ausgewandert, immer als Deutsche verstanden habe. Auch das alte Danzig gehörte in seinen Vortrag. Den größten Teil aber nahm Königsberg ein, stammten doch die Eltern des 1963 geborenen Referenten aus Ostpreußen. Immer wieder streute er Geschichten von Persönlichkeiten ein, die mit der Strecke verbunden sind. Ob Käthe Kollwitz, 1867 in Königsberg geboren, oder Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, meist kurz E.T.A. Hoffmann genannt, der 1776 in Königsberg das Licht der Welt erblickte. Apropos Licht. Pekrul, der im Vorstand der Stadtgemeinschaft Königsberg mitarbeitet, hat seine Vorträge mit vielen Lichtbildern aus historischer und aktueller Zeit untermalt. Aus Insterburg zeigte er den Gedenkstein füt Ännchen von Tharau.
Von Geistreichen und Genies
Zahlreiche Persönlichkeiten aus Ost- und Westpreußen haben die Kulturtagung bestimmt. So stellte Christian Keller (Rödermark) den Gründer der Schichau-Werft in Elbing, Ferdinand Schichau, vor. Der Maschinenbauingenieur hatte 1837 seine Fabrik gegründet, die zunächst hydraulische Maschinen, Bagger und Lokomotiven herstellte. 1855 entwickelte er Deutschlands erstes Schiff mit Propellerantrieb. 1872 gründete er die Werft in Elbing. Es folgte eine Reparaturwerft in Pillau und 1890 die Werft in Danzig.
Der Wetzlarer Carsten Ludwig stellte Nikolaus Kopernikus (1473–1543) vor, der in Thorn [Torun] in Königlich Preußen geboren wurde. Der Arzt, Astronom, Mathematiker und Priester habe das Weltbild der damaligen Zeit auf den Kopf gestellt. Wurde bisher angenommen, dass sich das ganze Weltall um die Erde drehten, so stellte er klar, dass sich die Planeten um die Sonne dreht. Damit habe er die Basis für die Arbeit von Johannes Kepler und Galileo Galilei geschaffen. „Kopernikus war einer der wichtigsten Astronomen aller Zeiten und hatte großen Einfluss auf die Wissenschaft“, so Ludwig.
Stephan Kannowski aus Frankfurt erinnerte an den Kolonialwarenhändler Paul Kornatz aus Treuburg in Ostpreußen (1853–1951). Er war Kannowskis Urgroßvater. Nach dessen Tod sollten viele Unterlagen weggeworfen werden. Doch der Urgroßenkel bat darum, noch einmal darin zu stöbern. Dabei fand er einen Koffer mit Tagebüchern, dem Kassenbuch und weiteren Geschäftsunterlagen, die ein Bild vom Leben der Familie in Masuren freigaben. Im Oktober 1945 musste der Vater mit seiner Tochter Hildegard auf dem Pferdefuhrwerk fliehen. Er fand einen neuen Wohnort in Freiburg an der Niederelbe. Immer wieder kommt es vor, dass solche Schätze zu wenig beachtet und bei Haushaltsauflösungen weggeworfen werden. Sowohl die LOW als auch der BdV sammeln solche zeithistorischen Unterlagen und sind froh, sie ins Archiv aufnehmen zu können.
Kulinarisch-köstliche Versuchung
In einem weiteren Vortrag sprach der Mediziner Kristian Hahn, Vorstand der BdV-Ortsgruppe Bensheim, über das Schicksal seiner Familie. Wenn es um Süßigkeiten gegangen sei, habe die in Tilsit geborene Großmutter von Schmaleckchen gesprochen. Überhaupt sei im Ostpreußischen alles in Verkleinerungsform ausgedrückt worden wie „Das Pferdchen“, „das Tellerchen“. Der Großvater hatte einen Milchbetrieb und belieferte die Schulen mit Trinkmilch. Der Stall für 85 Milchkühe wurde nach dem Krieg als Reparaturwerkstatt für russische Panzer genutzt. In der Heimat des Großvaters wurden die Trakehner Pferde gezüchtet. Der Großvater züchtete Rennpferde und errang zahlreiche Preise. Einige dieser Preise hatten Astrid und Kristian Hahn mitgebracht, die die Familie retten konnte. Väterliche Vorfahren hatten große Waldgebiete und waren als Förster tätig. In Nidden [Nidda]auf der Kuhrischen Nehrung hatte der Schriftsteller Thomas Mann ein Sommerhaus gebaut. Weil er sich mit den Nationalsozialisten überwarf, bestimmte Propagandaminister Joseph Göbbels das Sommerhaus zu seiner persönlichen Verfügung. Der Großvater von Hahn erhielt damals einen Schlüssel für das Gebäude. Goebbels sei aber niemals in Nidden gewesen.
Zum Schluss seines Vortrages wurde es kulinarisch. Hahn und seine Frau hatten Königsberger Marzipan mitgebracht, das die beiden mit Brigitte Sattler, Christa Kutz und Andrea Borkenhagen in ostpreußischer Tracht an die Tagungsteilnehmer verteilten.