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Künstler Thomas Baumgärtel gilt seit 40 Jahren als Bananensprayer – Dass er mehr kann, zeigt die Ausstellungsreihe „NiederrheinTour“
Mit einem Jux fing alles an. Während seiner Zivildienstzeit 1983 in einem katholischen Krankenhaus in seiner am Niederrhein gelegenen Geburtsstadt Rheinberg nagelte Thomas Baumgärtel seine Frühstücksbanane an ein Kruzifix. „Das Kreuz war von der Wand gefallen, und weil die Christusfigur dabei zerbrochen ist, habe ich eben als Ersatz dafür meine Banane gekreuzigt“, erinnert sich Baumgärtel. Der subversive Spaß kam so gut an, dass ein Priester das Werk sogar geweiht hat. „Gott hat mir praktisch den Weg gezeigt“, scherzt Baumgärtel, „denn so bin ich später zum Bananensprayer geworden.“
Seit er vor genau 40 Jahren erstmals illegal eine Banane an eine Kunstgalerie gesprayt hat, dreht sich im Leben und im Werk des Künstlers alles um die krumme Frucht. Und das feiert er jetzt mit einer monumentalen Ausstellungsreihe. In seiner „Freiheit für die Kunst“ betitelten „NiederrheinTour“ präsentiert er in 40 Ausstellungsorten seine 40 Werkgruppen. Außer mit Künstlerbananen hat sich Baumgärtel auch mit anderen Motiven und Techniken befasst wie Porträts, Landschaften, Plakaten und Schildern oder Projekten im öffentlichen Raum.
Aber meistens stehen Bananen im Mittelpunkt. So auch in der jüngst im Museum Kurhaus Kleve – das frühere Herzogtum war bereits seit 1609 eine Exklave des Kurfürstentums Brandenburg – eröffneten und bis zum 27. September im Rahmen der „NiederrheinTour“ zu besichtigenden Künstler-Hommage. Parallel dazu läuft im LVR-Niederrheinmuseum, dem früheren Preußen-Museum in der Zitadelle von Wesel, ein Beitrag des Künstlers zum Thema „Europablock“ mit bildgewordenen Werken über Demokratie, Offenheit und kulturelle Verbundenheit. Dabei dürfen auch hier gesprayte Slogans wie „Ohne Europa ist alles Banane“ oder „Ohne Demokratie ist alles Banane“ selbstverständlich nicht fehlen.
Von seinem Atelier in einer Kölner Industriehalle aus hat Baumgärtel in den letzten Wochen mit seinen sieben Mitarbeitern die Mammutaufgabe bewältigt, die 40 Ausstellungsorte zu bestücken. Jeweils bis zu 100 Werke galt es dabei, in Kartons für den Weitertransport sicher zu verpacken. Wer sich auf die Pilgertour zu den Museen, Galerien, Schlössern, Herrenhäusern, einer Burg oder einer Mühle aufmacht, dem winkt sogar eine Belohnung. „Wer auf meinem Thomasweg pilgert, der kann sich ähnlich wie beim Jakobsweg an den Ausstellungsorten einen Stempel abholen. Wer die meisten Stempel hat, der erhält von mir eine signierte Freiheitsbanane“, verspricht Baumgärtel.
Er wird wohl noch ein paar Früchte draufpacken müssen, denn die Ausstellungshäuser berichten davon, dass sie mit dem Stempeln kaum noch hinterherkommen. Der Andrang nach den (Kunst-)Bananen sei fast so groß wie im Jahr 1989, als nach dem Fall der Mauer die DDR-Bürger im Westen mit Bananen begrüßt wurden. „Für mich ist die Banane genau deshalb ein Symbol für Freiheit“, sagt Baumgärtel, „denn ich verbinde sie mit der deutschen Einheit.“
Damit setzt Baumgärtel einen anderen Akzent als jener italienische Künstler, der ihm praktisch die Frucht geklaut hat. Maurizio Cattelan wurde 2019 bekannt, als er auf der Kunstmesse Art Basel eine – echte – Banane an eine Wand getapt hatte, die dann ein anderer Künstler von der Wand löste und aufaß, weil er hungrig war. Weil diese Aktion so viel Aufsehen erregte, hat Cattelan immer wieder neue Bananen an Wände geklebt. Eine davon wurde 2024 im Auktionshaus Sotheby's für sagenhafte fünf Millionen US-Dollar versteigert. Inzwischen dürfte das Kunstwerk arg vergammelt sein.
Bei Cattelan steht die Banane für Welthandel und Kommerz, an dem er selbst gut verdient. Gäbe es ein Patent auf die Frucht, hätte Baumgärtel an Cattelans Erfolg finanziell teilhaben können. Ist aber auch gar nicht nötig. Er lebt auch so gut genug von seiner politischen Kunstidee, die Banane mit Freiheit zu assoziieren. Dabei gerät er sogar mit dem Gesetz in Konflikt. Als er in Köln während des Gazakriegs an öffentlichen Wänden per Schablone eine Banane sprühte, die eine Palästinenserflagge schwang, rief das die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Ergebnis: Die Botschaften wurde übersprüht und Baumgärtel von der Stadt Köln in einem Fall zu 30 Tagessätzen verurteilt. „Da wird doch mit zweierlei Maß gemessen“, beklagt sich Baumgärtel, „die Graffiti meines britischen Street-Art-Kollegen Banksy, der ähnliche Botschaften sprüht, bleiben erhalten, aber meine nicht.“
Es war nicht das erste Mal, dass Baumgärtel mit einem provokativen Akt den Staatsschutz aktiv werden ließ. 2018 machte er deutlich, was er von Recep Tayyip Erdoğan hält: nämlich nicht viel. Auf der Art Karlsruhe präsentierte er ein Bild mit einem halbnackten türkischen Präsidenten, dem eine Banane im Allerwertesten steckt. Dass Baumgärtel es wagte, die Banane als humoristische Waffe gegen die Tyrannei einzusetzen, war zu viel für die Erdoğan-Fans. Nach Protesten hängte man das Bild ab, Baumgärtel echauffierte sich über Zensur und Bedrohung der Kunstfreiheit und organisierte eine neue Ausstellung mit dem Bild „Türkischer Diktator“, die damals nur unter Polizeischutz stattfinden konnte.
Die Wogen sind inzwischen geglättet, doch Baumgärtel nutzt die Banane weiterhin als Trojanisches Pferd, um in den Kunstmarkt einzudringen: Sie ist Pop, sie ist billig, sie ist allgegenwärtig – und genau deshalb die perfekte Provokation. So verbirgt sich hinter der scheinbar banalen Frucht ein Lebenswerk, das die Grenzen zwischen Street-Art, Aktivismus und etabliertem Kulturbetrieb radikal verwischt. Und er scheut sich auch nicht davor, Ikonen aus seiner Heimat ironisch ins Bild zu setzen. Dem wie er aus Rheinberg stammenden Fotomodell Claudia Schiffer hat er ebenso die krumme Form gegeben wie dem dort ansässigen Spirituosenkonzern Underberg.
Inzwischen haben Galeristen den Marktwert dieser gelben Frucht erkannt. Sie legen dem Künstler den roten Teppich aus. Das erklärt, warum nahezu zeitgleich 40 Ausstellungshäuser Baumgärtels Kunst präsentieren und sich Tausende Besucher auf Pilgerreise dorthin begeben.
• www.40jahrebananensprayer.de
Museum Kurhaus Kleve: www.mkk.art