Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Verlegerlegende Axel Springer hatte auch diesmal die richtige Nase für das richtige Blatt zur rechten Zeit – Das Erfolgsmedium brachte so großartige Journalisten wie Peter Boenisch oder Michael Spreng hervor und schrieb immer wieder Geschichte(n)
Die Geschichte der „Bild am Sonntag“ (BamS) beginnt nicht mit einer bloßen verlegerischen Entscheidung, sondern mit einer publizistischen Intuition. Als Verleger Axel Springer Mitte der fünfziger Jahre erkannte, dass der Sonntag in der jungen Bundesrepublik ein journalistisch noch kaum erschlossener Raum war, dachte er nicht nur an eine neue Zeitung – er dachte geradezu an ein neues Ritual. Deutschland befand sich mitten im Aufbruch nach dem wohl dunkelsten Kapitel seiner Geschichte: Wirtschaftswunder, Westintegration, Wiederbewaffnung und Kalter Krieg bestimmten den politischen Alltag und Horizont, während Millionen Menschen sich gleichzeitig nach Stabilität, Orientierung und gemeinsamer Öffentlichkeit sehnten. Springer verstand früh, dass der Sonntag ein Tag war, an dem nicht die schnelle Nachricht zählte, sondern Einordnung, Gesprächsstoff und Verlässlichkeit. Aber auch ein Stück weit Ruhe und Freude an der Unterhaltung. Am 29. April 1956 erschien schließlich genau aus diesen besagten Gründen und mit dem dazu passenden Verlegergespür die erste Ausgabe der neuen Sonntagszeitung aus seinem Verlag mit einer Startauflage von rund einer halben Million Exemplaren – ein mehr als bemerkenswerter Auftakt für ein Projekt, das rasch zu einem der einflussreichsten Medien der Bundesrepublik werden sollte.
Von Anfang an war die „Bild am Sonntag“ nicht als bloße Wochenendausgabe der täglichen Boulevardzeitung „Bild“ gedacht. Sie sollte größer erzählen, ruhiger argumentieren, zugleich breiter wirken und dennoch dabei ein Stück weit unterhalten. Rudolf Michael, Redakteur der ersten Stunde und ab 1961 erster Chefredakteur des Blattes, erinnerte sich später: „Die BamS sollte keine zweite Bild sein. Sie sollte ein eigenes Gewicht bekommen – für den Sonntag und für das ganze Land.“ Tatsächlich entstand mit ihr ein neuer Zeitungstyp. Politik, große Interviews, Reportagen, Lebensgeschichten, Sport, Unterhaltung und Service wurden bewusst gleichrangig nebeneinander gestellt. Während unter der Woche das Tempo dominierte, gehörte der Sonntag der ruhigen Vertiefung. Die Redaktion setzte auf ausführliche Gespräche mit Politikern aller Parteien (!), hart recherchierte Hintergrundberichte aus internationalen Konfliktregionen, Porträts prägender Persönlichkeiten und emotionale Alltagsgeschichten, die Leser in ihrer Lebenswirklichkeit abholten.
Für Freiheit und Deutschland
Schon früh entwickelte sich die Zeitung zu einer publizistischen Stimme der noch jungen Bundesrepublik. Sie verstand sich dabei nicht als neutraler Beobachter, sondern als Blatt mit klarer Haltung. Freiheit, soziale Marktwirtschaft, Westbindung und Verantwortung für die deutsche Einheit gehörten zu den Grundüberzeugungen, die der Verlag auch offen vertrat. Diese Position entsprach der politischen Grundstimmung vieler Leser jener Jahre. Axel Springer formulierte einmal programmatisch: „Zeitungen müssen Partei ergreifen – für Freiheit und für Deutschland.“ In dieser Haltung lag parallel auch ein Teil des Erfolgs. Die „Bild am Sonntag“ bot nicht nur Nachrichten, sondern gleichsam Orientierung. Sie wurde damit für viele Leser zu einer Stimme der Stabilität in einer Zeit raschen gesellschaftlichen Wandels.
Der Aufstieg zur größten Sonntagszeitung Deutschlands vollzog sich dabei schneller, als selbst optimistische Beobachter und Branchenkenner erwartet hatten. Bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung erreichte sie Millionenauflagen und wurde zu einem festen Bestandteil des Wochenendes in zahllosen Haushalten. In Spitzenzeiten überschritt die verkaufte Auflage die Marke von zwei Millionen Exemplaren. Entscheidend war dabei ihre Rolle als Familienzeitung. Denn anders als klassische politische Blätter richtete sie sich nicht an eine zuvor definierte Bildungselite, sondern an breite Bevölkerungsschichten. Vater las das Interview mit dem Kanzler, Mutter die Reportage, die Kinder den Sportteil, die Großeltern die Lebensgeschichten. So entstand ein Ritual, ja vielleicht sogar eine familieninterne Tradition in deutschen Küchen und Wohnzimmern, das über Jahrzehnte stabil blieb: der Sonntag mit der „BamS“ am Frühstückstisch und auf dem Sofa. Der spätere Chefredakteur Peter Boenisch formulierte rückblickend treffend: „Der Sonntag war unser strategischer Moment. Wer dort sprach, sprach zur Republik.“
Der Sportteil war populär
Schon in ihren frühen Jahren setzte die Zeitung auf exklusive Gespräche mit führenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bundeskanzler nutzten die Reichweite des Blattes ebenso wie Oppositionsführer, Ministerpräsidenten oder internationale Gäste. Viele politische Botschaften wurden bewusst am Sonntag platziert, weil man wusste, dass sie am Montag die öffentliche Debatte bestimmen würden. Auch im Sportjournalismus gewann die Zeitung sehr schnell immer größeren Einfluss. Große Reportagen über die Fußball-Nationalmannschaft, Interviews mit internationalen Stars und Hintergrundgeschichten aus der Bundesliga machten den Sportteil zu einem der meistgelesenen Deutschlands. Die Redaktion verstand es dabei, politische Relevanz und populäre Themen so miteinander zu verbinden, dass ein breites Publikum erreicht wurde, ohne den Anspruch auf öffentliche Wirkung zu verlieren.
Geprägt wurde das Blatt über Jahrzehnte hinweg von starken journalistischen Persönlichkeiten. Der erste Chefredakteur Rudolf Michael legte die Grundlagen für Stil und Struktur. Auf ihn folgten Oskar Bezold und Hans Bluhm, die das Profil festigten und ausbauten. Besonders prägend wirkte später Peter Boenisch, der dem Blatt eine deutlichere politische Kontur gab und Boulevard als demokratische Kraft verstand. „Journalismus muss nah am Bürger sein – sonst ist er keiner“, lautete eines seiner Leitmotive. In den neunziger Jahren setzte Michael Spreng neue Akzente und stärkte den analytischen Charakter der Zeitung, während Claus Strunz später stärker auf politische Zuspitzung und meinungsbetonte Kommentare setzte. Mit Marion Horn übernahm schließlich erstmals eine Frau die Chefredaktion. Sie beschrieb das Selbstverständnis der Zeitung mit einem Satz, der ihr Profil treffend zusammenfasste: „Der Sonntag gehört den Geschichten, die Zeit brauchen.“
In den siebziger und achtziger Jahren erreichte die „Bild am Sonntag“ ihren kulturellen Höhepunkt. Sie war nicht nur ein Medium, sondern Teil der Wochenendkultur der Bundesrepublik. Ihre Mischung aus Politik, Reportage, Unterhaltung und Lebenshilfe machte sie zu einer Zeitung für ganze Haushalte. Viele Leser warteten bewusst auf die Sonntagsausgabe, weil sie dort Orientierung ebenso fanden wie Entspannung. Zahlreiche politische Interviews erschienen gezielt am Wochenende, weil ihre Wirkung dann besonders groß war. Die Zeitung prägte damit nicht nur Debatten, sondern auch zeitliche Abläufe. Michael Spreng brachte es auf den Punkt, als er sagte: „Die BamS war kein Blatt unter vielen. Sie war vielmehr ein Termin.“
Die Marke bleibt präsent
Ursprünglich richtete sich die Zeitung vor allem an die klassische westdeutsche Mittelschicht: Familien, Arbeitnehmer, Selbstständige und Handwerker bildeten das Rückgrat ihrer Leserschaft. Doch mit den Jahrzehnten wandelte sich dieses Publikum. Auch jüngere Leser griffen zunehmend zur Sonntagszeitung, ebenso Akademiker und städtische Milieus. Gerade diese soziale Breite trug dazu bei, dass die Zeitung ihre Stellung über lange Zeit behaupten konnte. Sie blieb verständlich, ohne banal zu werden, und meinungsstark, ohne ihre Anschlussfähigkeit zu verlieren.
„Die BamS war immer eine Zeitung für alle – aber nie eine Zeitung für irgendwen“, betonte einst Boenisch. Mit dem Beginn des digitalen Zeitalters änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen grundlegend. Sinkende Printauflagen, neue Informationsgewohnheiten und der Aufstieg digitaler Medien stellten auch dieses traditionsreiche Format vor große Herausforderungen. Besonders sichtbar wurde dieser Wandel durch die Entscheidung, die klassische Hauszustellung einzustellen und stärker auf Einzelverkauf und digitale Angebote zu setzen. Dennoch blieb die Marke präsent. Noch immer erreicht sie Millionen Leser über Print- und Onlinekanäle, und noch immer gilt das Sonntagsinterview als eines der wirksamsten publizistischen Formate der deutschen Medienlandschaft.
Nähe zum Leser
Die Bedeutung der „Bild am Sonntag“ für die politische Kultur der Bundesrepublik lässt sich kaum überschätzen. Über Jahrzehnte hinweg war sie das wichtigste Sonntagsmedium des Landes. Sie verband Information mit Einordnung, Öffentlichkeit mit Alltag und Politik mit persönlicher Lebenswelt. Viele Leser vertrauten ihr nicht nur als Nachrichtenquelle, sondern als Begleiter ihres Wochenendes. Ihre Interviews bestimmten politische Debatten, ihre Reportagen prägten gesellschaftliche Stimmungen, ihre Geschichten wurden Teil kollektiver Erinnerung. Gerade in einer Zeit wachsender medialer Fragmentierung bleibt dies ein bemerkenswertes Vermächtnis.
Heute steht die Zeitung wie viele Traditionsmedien vor der Aufgabe, ihre Rolle in einer digitalen Öffentlichkeit neu zu definieren. Die Auflage lag laut IVW Ende 2025 bei 460.414 Exemplaren. Doch ihre eigentliche Stärke – große Gespräche, klare Positionen und erzählerische Reportagen für ein breites Publikum – ist weiterhin gefragt. Der Sonntag bleibt ein besonderer Tag im Rhythmus der Woche, ein Tag für längere Texte und politische Einordnung. Wenn es gelingt, dieses Bedürfnis auch in digitalen Formaten zu erfüllen, kann die „Bild am Sonntag“ ihre Rolle als Stimme des Wochenendes bewahren.
Axel Springer selbst formulierte einmal einen Satz, der bis heute wie ein Programm wirkt: „Zeitungen leben von der Nähe zu ihren Lesern.“ Genau diese Nähe hat die „BamS“ über Jahrzehnte getragen – und sie könnte auch in Zukunft ihr wichtigstes Kapital bleiben.