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Kontinuität über Brüche hinweg: Das Reiterstandbild heute, vom Nordosten aus fotografiert
Bild: A.Savin, WikipediaKontinuität über Brüche hinweg: Das Reiterstandbild heute, vom Nordosten aus fotografiert

Das Denkmal des Preußenkönigs schlechthin

Christian Daniel Rauchs Reiterstandbild Friedrichs des Großen wurde vor 175 Jahren auf dem Boulevard Unter den Linden aufgestellt

Dr. Manuel Ruoff
29.05.2026

Preußisch bescheiden und uneitel ließ der wohl berühmteste und bedeutendste unter den Preußenkönigen, der seinen Staat nach Frankreich, Großbritannien, Österreich und Russland zur fünften Großmacht der europäischen Pentarchie machte, kein Denkmal für sich errichten. Das holten seine Nachfolger nach.

Bereits sein direkter Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., plante ein Denkmal für ihn. Der Regierungswechsel vom Onkel zum Neffen fällt mit dem Jahr 1786 in die Zeit des Klassizismus. Diese kunstgeschichtliche Epoche war vorherrschend ungefähr zwischen 1770 und 1840 und hatte die Klassik, das Altertum zum Vorbild. Entsprechende Entwürfe des Jahres 1791 zeigten Friedrich deshalb nach dem Vorbild der Reiterstatue des römischen Kaisers und Philosophen Mark Aurel in antiker Kleidung. Diese wirklichkeitsfremde Darstellung stieß jedoch sowohl in der Bevölkerung als auch beim Militär auf Missfallen.

Johann Gottfried Schadow, einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Klassizismus und der Begründer der Berliner Bildhauerschule, von dem in Berlin so berühmte Werke stammen wie die Quadriga auf dem Brandenburger Tor oder die Prinzessinnengruppe in der Friedrichswerderschen Kirche, reichte deshalb 1796 auch Entwürfe ein, die Friedrich in der Kleidung seiner Zeit zeigten. Doch weder den König noch die Akademie der Künste wusste er zu überzeugen. Friedrich Wilhelm III., Sohn und Nachfolger des „dicken Lüderjahn“ ab 1797, zeigte sich an der Denkmalfrage wenig interessiert und hatte mit der imperialistischen Politik Napoleons andere Probleme.

Unbeschadet bis zur DDR-Gründung

Das war bei Friedrich Wilhelms III. Sohn und Nachfolger, dem berühmten „Romantiker auf dem Thron“, anders. Bereits während dessen Kronprinzenzeit entstanden neue Entwürfe, und 1836 wurde der Auftrag zum Reiterstandbild erteilt. Diesen Auftrag bekam jedoch nicht etwa Schadow, sondern dessen Schüler Christian Daniel Rauch. Vom übergangenen Lehrer ist deshalb das Wort überliefert: „Mein Ruhm ist in Rauch aufgegangen.“

Am 100. Jahrestag der Thronbesteigung Friedrichs des Großen, dem 1. Juni 1840, wurde der Grundstein gelegt. Nachdem sich die Kunst- und Glockengießerei Lauchhammer bei Probearbeiten in den Augen Rauchs bewährt hatte, wurde deren Ziseleur und Gießmeister Karl Ludwig Friebel nach Berlin geholt, um Rauchs Vorstellungen umzusetzen. Anfang 1851 waren die Einzelteile fertig. Sie wurden ausgestellt und anschließend zusammengesetzt. Am 111. Jahrestag der Thronbesteigung des Dargestellten, am 31. Mai 1851, wurde das Reiterstandbild Friedrichs des Großen am jetzigen Standort feierlich enthüllt.

Dort blieb es auch erst einmal für die nächsten Jahrzehnte. Selbst den Zweiten Weltkrieg überstand das Denkmal unbeschadet. Rechtzeitig hatte man es zum Schutz vor Luftangriffen mit einer gemauerten Hülle umgeben. Nach dem Krieg schützte diese Hülle das Werk auch erst einmal vor bolschewistischer Bilderstürmerei.

Kurz vor Gründung der DDR hieß es indes von verantwortlicher Stelle: „Der königliche Reiter muss weg, weil er gen Osten reitet.“ Im darauffolgenden Jahr wurde die Hülle und dann auch das Denkmal entfernt. Zum Glück gab es in der DDR nicht nur barbarische Kunstbanausen, und Friedrich fand Asyl im Park seines Schlosses Sanssouci.

Spiegelung der DDR-Geschichte

Russlands Preußenpolitik war nach dem Zweiten Weltkrieg von der Erfahrung geprägt, dass das 1871 maßgeblich von Preußen gegründete und danach von Preußen dominierte Deutsche Reich im Großen Vaterländischen Krieg fast bis nach Moskau gekommen war. Dieser antipreußische Faktor korrespondierte mit der Herkunft des starken Mannes der frühen DDR. Walter Ulbricht war Sachse. Kaum ein anderer Staat hatte so sehr unter Preußen gelitten. Sowohl in den Schlesischen und den Befreiungskriegen als auch im Deutschen Krieg waren die beiden Nachbarn Kriegsgegner. Sachsen trug schwer unter der preußischen Besatzung durch Friedrichs Truppen. Nach den Befreiungskriegen hatte es das Königreich nur den Großmächten Österreich, Großbritannien und Frankreich zu verdanken, dass es die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress überhaupt überlebte. Und nach dem Deutschen Krieg war es der Verbündete Österreich, der Schlimmeres verhinderte. Die Habsburgermonarchie bedankte sich damit dafür, dass die sächsischen Truppen nach der Niederlage von Königgrätz selbstlos den Rückzug ihrer österreichischen Kameraden gedeckt hatten.

Das Verhältnis der DDR zu Preußen entspannte sich jedoch allmählich. Diverse Gründe gab es dafür. Moskaus Politik wurde nun weniger durch den gewesenen Zweiten Weltkrieg geprägt als durch den neuen Kalten Krieg. An die Stelle von Preußen trat der Westen als Feind. Die Haltung zu Preußen und auch dessen König Friedrich beeinflusste nun zusehends, dass Preußen sich im Gegensatz zur Adenauerrepublik nicht als westlich und antirussisch verstand. Zudem wurde an der Spitze der DDR Ulbricht 1971 durch den gebürtigen Preußen Erich Honecker abgelöst. Im selben Jahr übernahm Ingrid Mittenzwei vom Zentralinstitut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin die Leitung von deren „Forschungsgruppe Deutsche Geschichte 1648–1789“. 1979 erschien ihre richtungsweisende, vergleichsweise wohlwollende Biografie „Friedrich II. von Preußen“. Zusehends betrachtete sich die DDR nun als legitimen Erben Preußens. Das wollte sie sich vom Klassenfeind auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze nicht streitig machen lassen. Sieben Jahre vor dem prestigeträchtigen 750-Jahr-Jubiläum der preußischen Hauptstadt 1987 kehrte Friedrich auf allerhöchsten Befehl des Staats- und Parteichefs auf den Boulevard Unter den Linden zurück. Nur wenige Meter trennten ihn nun von seinem ursprünglichen Standort.

Seit der Vereinigung droht dem Reiterstandbild keine existenzielle Gefahr mehr. Vielmehr kam es seit der letzten Jahrtausendwende in den Genuss einer gründlichen Restaurierung und einer Grundreinigung. Im Zuge dessen erhielt es wieder seinen alten Standort. Und auch das unmittelbare Umfeld wurde wiederhergestellt. Hier ist es inzwischen wieder so, wie es war.


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