Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
„Antinatalismus“: Ganz unterschiedliche Bewegungen predigen das absichtliche Aussterben der Menschheit als Lösung der Weltprobleme – Auch Klima-Apokalyptiker zählen dazu
Jede fünfte deutsche Frau bleibt heute kinderlos – teils aus medizinischen Gründen, oft aber auch aus einer bewussten Entscheidung heraus. Letzteres trifft auf die Schriftstellerin Nadine Pungs zu. Sie sagt ganz offen: „Es kann für Frauen Wichtigeres geben als Kinder. Die Erde lässt sich auch anders befruchten. Mit Büchern, Musik oder mit gesellschaftlichem Engagement zum Beispiel.“ Außerdem beklagte Pungs die herrschende „Reproduktionsungerechtigkeit“ bei der „generativen Fortpflanzung“.
Damit gehört sie zu den Vertreterinnen einer gesellschaftlichen Bewegung namens Antinatalismus, die das In-die-Welt-Setzen von Kindern als problematisch, wenn nicht gar verdammenswert ansieht. Allerdings gibt es mehrere Strömungen des Antinatalismus, wobei Pungs' Haltung für die ganz banale, praktische Form steht: Kinderlosigkeit biete Frauen oder auch Paaren bessere Entfaltungsmöglichkeiten. Und tatsächlich könnte Pungs als Mutter wohl eine Zeit lang keine weiteren „befruchtenden“ Bücher über ihre Reisen durch den Nahen Osten schreiben.
Meist fallen die Begründungen jedoch deutlich philosophischer aus. Das gilt vor allem für den metaphysischen und moraltheologischen Antinatalismus, wie er bereits im 11. Jahrhundert von dem arabischen Freidenker und Religionskritiker Abu l-Ala al-Ma'arri propagiert wurde. Er vertrat die Ansicht, dass Kinder nicht geboren werden sollten, damit nicht noch mehr Menschen den zu erwartenden Qualen des Lebens ausgesetzt werden. Leid, Schmerz, Verlust, Trauer und Verzweiflung – Dinge, die jedem Menschen widerfahren – seien kaum durch teilweise auch empfundenes Glück oder Zufriedenheit kompensierbar, so der Gelehrte.
„Besser, nie existiert zu haben“
Ähnlich sahen dies später der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer und der südafrikanische Medizinethiker David Benatar. Benatar veröffentlichte 2006 das Buch „Besser, nie existiert zu haben“, das ebenso zum antinatalistischen Manifest aufstieg wie das im gleichen Jahr erschienene Pamphlet „Die Kunst, den Schöpfer mit der Guillotine zu töten“ aus der Feder des belgischen Aktivisten Théophile de Giraud. Benatar und de Giraud halten es ausdrücklich für geboten, keine zusätzlichen Menschen zu zeugen, weil – beginnend mit dem Trauma der Geburt – eine unerträglich große Asymmetrie zwischen Glück und Leid bestehe.
Teilweise in die gleiche Richtung zielt der religiöse Antinatalismus. So lehrte der historische Buddha Siddhartha Gautama im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinen „Vier edlen Wahrheiten“: „Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden“, wobei all dies Leiden durch die Nichtexistenz verschwinde. Daraus ergibt sich zwingend, dass Nachkommenlosigkeit Leid verhindert. Ähnliches sagt der Hinduismus. Selbst im Christentum gab es antinatalistische Strömungen. So hielt man im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. Fortpflanzung angesichts des wohl alsbald Realität werdenden Reiches Gottes auf Erden für überflüssig, während die mittelalterlichen Katharer die Geburt neuer Menschen verurteilten, weil dadurch die Seelen der Engel in das Gefängnis eines Körpers einziehen müssten.
Sehr viel mehr im Diesseits verwurzelt ist der bevölkerungspolitische Antinatalismus. Dessen Vertreter behaupten, der Verzicht auf Kinder schütze Staat und Gesellschaft vor Überlastung – in China war dies viele Jahrzehnte lang sogar Regierungsdoktrin. Manchmal wird aber auch das Schicksal des ganzen Planeten bemüht. Die Überbevölkerung schade der Erde und führe zur Verdrängung von Tieren und Pflanzen. Am deutlichsten argumentierten die Hauptautoren der 1972 erschienenen Club-of-Rome-Studie „Die Grenzen des Wachstums“, Donella und Dennis Meadows, in diese Richtung.
Und natürlich gibt es auch einen klimapolitischen Antinatalismus, der mittlerweile besondere Popularität genießt. 2017 schrieben die Klimaforscher Seth Wynes und Kimberly Nicholas in der Zeitschrift „Environmental Research Letters“, der Verzicht auf Kinder spare wesentlich mehr Kohlendioxid ein als die Elektromobilität, das Unterlassen von Flugreisen oder vegane Ernährung. Der damit verbundene Aufruf, keine weiteren CO₂-Emittenten in die Welt zu setzen, inspirierte die deutsche Aktivistin Verena Brunschweiger alias Verena Eleonore Maier 2019 zu ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos“, in dem sie von der deutschen Regierung eine Prämienzahlung von 50.000 Euro an jede kinderlose Frau im Alter von 50 Jahren forderte. Mittlerweile hat die von der Klimalobby geschürte Klimaangst unter jüngeren Menschen derartige Ausmaße angenommen, dass laut Umfragen bis zu 40 Prozent unter ihnen erwägen, wegen der drohenden „Klima-Apokalypse“ auf Kinder zu verzichten.
Bis hin zu Mord und Kannibalismus
Weniger mit Zahlen als mit moralisch-ethischen Argumenten operiert der „tiefenökologische“ Antinatalismus: Der Mensch dürfe seine privilegierte Stellung nicht dazu benutzen, die Lebensqualität der anderen Spezies zu beeinträchtigen. Also brauche es einen Stopp des Bevölkerungswachstums und der „Überverschmutzung durch Überbevölkerung“.
Die entschiedenste Form des Antinatalismus ist allerdings der nihilistische. 1901 veröffentlichte ein Autor, der sich hinter dem bis heute nicht gelüfteten Pseudonym Kurnig verbarg, die Schrift „Der Neo-Nihilismus. Anti-Militarismus – Sexualleben (Ende der Menschheit)“, in der es hieß, die Menschheit sei etwas „Unschönes“, weswegen es zu einer „sanften möglichst raschen und definitiven Entvölkerung“ der Erde kommen müsse – am besten durch die „Einstellung der Kinderzeugung“.
Um die praktische Umsetzung dieser Forderung bemüht sich heute der Verein Voluntary Human Extinction Movement, zu Deutsch „Bewegung für die freiwillige Auslöschung der Menschheit“. Sehr viel weiter geht die deutlich radikalere Church of Euthanasia (CoE), die 1992 vom transgeschlechtlichen US-Musiker Chris Korda gegründet wurde und neben Gebärstreiks auch auf Mord und Kannibalismus setzt. Spätestens hier zeigt der Antinatalismus seine tödliche Fratze, wobei Querverbindungen der CoE zur Umwelt- und Transsexuellenbewegung ins Auge stechen.