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Das Beispiel CIA zeigt: Was früher riskante Operationen erfordert hat, können die Dienste heute viel leichter übers Netz erledigen – Und Ex-Agenten sind zudem Manager bei Netzbetreibern
Informationsbeschaffung ist das Kerngeschäft von Geheimdiensten. Das gilt auch für den 1947 gegründeten US-Auslandsnachrichtendienst Central Intelligence Agency (CIA). Dabei gibt es eine klare Arbeitsteilung mit der National Security Agency (NSA). Während die NSA vor allem elektronische Aufklärung betreibt, gehört das Abschöpfen menschlicher Quellen zu den Spezialitäten der CIA. Deshalb nutzt der Geheimdienst, welcher übrigens direkt dem Präsidenten der Vereinigten Staaten untersteht, auch ein breites Spektrum von Methoden zur Anwerbung von Spionen im Machtbereich des Gegners.
Hierzu gehören selbst robuste Maßnahmen wie Erpressung und andere Formen von Zwang, aber auch Appelle an Ideologien und Religionen sowie attraktive finanzielle Angebote. Die Kunst ist dabei, mit den Informanten auf fremdem Boden unbemerkt im Kontakt zu bleiben. Früher erforderte das die Nutzung von Kurieren oder sogennaten Toten Briefkästen und ähnliche Vorgehensweisen mit hohem Risikopotential. Das Internet jedoch hat die Arbeit enorm erleichtert.
Investigative Autoren wie Joel Schectman von Reuters und Alan MacLeod von der Glasgow Media Group haben herausgefunden, dass die CIA unzählige Internetseiten betreibt, welche in mindestens 30 Sprachen verfügbar sind. Hierbei handelt es sich stets um Websites zu möglichst harmlosen Themen. Dazu zählte zeitweise etwa „Rasta Direct“, eine Seite für Anhänger des Rastafari-Glaubens, die gern Reggae-Musik und Cannabis konsumieren. Ihr Augenmerk richteten die Agenten sogar auf „Star Wars Web“ für die Fans der bekannten Science-Fiction-Filmreihe oder „All Johnny“ zur Unterhaltung der Freunde der Late-Night-Talkshow-Legende Johnny Carson. Dazu kommen etliche weitere Portale, bei denen es um Sport, Online-Spiele und politisch unverfängliche Nachrichten wie Wettermeldungen oder Promi-Klatsch geht. Aber was sucht ausgerechnet ein Geheimdienst dort?
Erwischt und hingerichtet
Sie werden von ihm als verdeckte Kommunikationskanäle genutzt. Auf all diesen Seiten befinden sich Suchleisten, mit denen die Nutzer unter bestimmten Stichwörtern in alten Inhalten recherchieren können. Allerdings wird durch die Eingabe von individuell zugeteilten Passwörtern auch eine verdeckte Benutzeroberfläche zum direkten Austausch geheimer Nachrichten zwischen den Informanten und der CIA geöffnet. Wie MacLeod berichtet, soll es neben den Seiten für CIA-Zuträger in als feindlich geltenden Ländern wie dem Iran, China und Russland auch solche geben, die der Kommunikation mit Spionen in verbündeten Staaten, allen voran Frankreich, Spanien und Italien, dienen.
Wie viele solcher Websites die CIA derzeit aktiv betreibt, ist unklar. Auf jeden Fall musste die „Firma“ in der Vergangenheit einige schwere Rückschläge hinnehmen. So flog 2010 der iranische Ingenieur Gholamreza Hosseini auf, der den Amerikanern Informationen über das Atomprogramm der Mullahs lieferte und dabei die verborgenen Funktionen der persischsprachigen Seite „IranianGoals“ nutzte, auf der sich scheinbar alles nur um Fußball drehte. Ihm wurde der Verrat eines anderen CIA-Agenten zum Verhängnis. Weil der Geheimdienst Teherans nachfolgend mehrere Internetportale identifizieren konnte, die technisch genau wie „IranianGoals“ aufgebaut waren und auf denselben Servern liefen, gingen ihm am Ende 30 Informanten der Amerikaner ins Netz.
Eine ähnliche Schlappe erlitt die Agency in der Volksrepublik China, wo sie unter anderem auf die Seite „SportsNewsFinder“ setzte. Hier verlor die CIA ebenfalls Dutzende Zuträger, die auf die gleiche Weise aufflogen wie ihre iranischen Kollegen, woraufhin sie samt und sonders hingerichtet wurden.
Ansonsten nutzt der US-Auslandsgeheimdienst das Internet auch zur Manipulation der öffentlichen Meinung in aller Welt, indem er gezielt ehemalige Agenten in IT-Unternehmen platziert, die Plattformen von besonders großer Reichweite betreiben. Hierzu nochmals zwei typische Beispiele.
Von der Agency zu Google
Aaron Berman arbeitete 15 Jahre lang als leitender Analytiker bei der CIA und verfasste unter den US-Präsidenten Barack Obama und Donald Trump die täglichen Lageberichte für das Weiße Haus. Dann wechselte er 2019 urplötzlich zum Meta-Konzern, um dort als Chef der Abteilung zur Kontrolle der Einhaltung der globalen Richtlinien für die Moderation von Inhalten zu fungieren. In dieser Eigenschaft entscheidet Berman seither maßgeblich mit, welche Informationen in den sozialen Netzwerken Facebook und Instagram verbreitet oder unterdrückt beziehungsweise gelöscht werden. Damit übt der CIA-Veteran Einfluss auf mehrere Milliarden Menschen rund um die Welt aus. Außerdem erhielt er im Juni 2023 auch noch die Aufsicht über die Meta-Abteilung, welche die Moderation von Nachrichten über Wahlen in den USA koordiniert.
Jacqueline Lopour wiederum gehörte der CIA zehn Jahre lang als „multidisziplinäre“ Analytikerin an und wechselte dann zu dem IT-Giganten Google, wo sie seither die Position einer Leitenden Managerin für Vertrauen und Sicherheit bekleidet. So kann sie ähnlich stark auf den Unternehmenskurs einwirken wie Berman bei Meta. Parallel dazu sitzen in den Führungsetagen von Google noch etliche weitere ehemalige CIA-Mitarbeiter, was möglicherweise einen Hinweis darauf enthält, warum der Internet-Konzern systematisch mehrere hunderttausend Nutzerkonten in Russland, China und dem Iran gelöscht hat und der YouTube-Kanal des jetzt von den USA gestürzten und inhaftierten venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro schon sehr viel früher auf Betreiben Googles verschwand.
Dass all dies durch Enthüllungen von „MintPress News“ aufflog und nachfolgend sogar Thema einer offiziellen Anhörung im US-Kongress wurde, war sowohl den IT-Firmen als auch der CIA sichtlich unangenehm. Ex-Agenten wie Berman und Lopour mussten ihre Präsenz in den sozialen Medien massiv einschränken und wichtige Informationen aus ihren im Netz verfügbaren Lebensläufen entfernen. Dabei ist davon auszugehen, dass die publik gewordenen Delegierungen von CIA-Leuten lediglich die Spitze eines deutlich größeren Eisbergs darstellen.