19.03.2026

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
Das bunte, fröhliche Treiben in den Straßen von Irans Hauptstadt Teheran war einmal so unbeschwert und belegt mit dem alten Zauber des Orients. So könnte es wieder werden – ohne Gewalt, ohne Krieg, ohne Bombardements, ohne Atom-Gefahr ...
Shutterstock.comDas bunte, fröhliche Treiben in den Straßen von Irans Hauptstadt Teheran war einmal so unbeschwert und belegt mit dem alten Zauber des Orients. So könnte es wieder werden – ohne Gewalt, ohne Krieg, ohne Bombardements, ohne Atom-Gefahr ...

Der Iran steht am Scheideweg

Das kann der neue Iran sein

Vier mögliche Entwicklungspfade, wenn der Krieg vorbei wäre. Nicht perfekt, aber besser als je zuvor

Prof. Dr. Dr. Stefan Piasecki
19.03.2026

Der Iran nach dem Ende des gegenwärtigen Krieges wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht einfach in eine stabile Normalität zurückkehren. Vielmehr steht das Land vor einer tiefgreifenden sozialen und politischen Neuordnung. Die vergangenen Jahre haben eine Gesellschaft hervorgebracht, die zugleich hochgebildet, kulturell vielschichtig – aber auch politisch erschöpft ist. Jahrzehnte voller verzweifelter Hoffnungen auf Reformen, gefolgt von Enttäuschungen über zu enge politische Handlungsspielräume, haben ein kollektives Gefühl von Misstrauen und Müdigkeit kreiert. Diese Erfahrung wurde durch die jüngsten Ereignisse – Proteste, brutale Repression, äußere Interventionen und schließlich militärische Angriffe – weiter verschärft.

Die iranische Gesellschaft ist heute stärker polarisiert als je zuvor. Während Kritik an der Führung der Islamischen Republik lange in privaten Gesprächen relativ gelassen formuliert wurde, sind die Positionen heute deutlich verhärtet. Ein Teil der Bevölkerung sieht in äußeren Angriffen eine Bestätigung der fragwürdigen staatlichen Sicherheitslogik und rückt näher ans Mullah-Regime heran. Ein anderer Teil empfindet die unmenschlichen Repressionen des Staates als unüberwindbares Hindernis für politische Reformen. Diese doppelte Erfahrung – Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung und gleichzeitig gegenüber ausländischen Interventionsversuchen – prägt die politische Psychologie des Landes.

Hinzu kommt ein tiefgreifender kultureller Wandel. Viele sind zwar religiös sozialisiert worden, doch die jahrzehntelange politische Instrumentalisierung der Religion hat in weiten Teilen der Gesellschaft zu einer nachhaltigen Entfremdung geführt. Der Islam wird weniger als spirituelle Tradition denn als politisches Machtinstrument wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund lassen sich mehrere mögliche Entwicklungspfade für die iranische Nachkriegsgesellschaft erkennen.

l Erstes Szenario: Die Konsolidierung eines sicherheitsorientierten Staates. In dieser Entwicklung würde das bestehende politische System fortbestehen, allerdings unter stärkerer Kontrolle durch Sicherheitsapparate und Revolutionsgarden. Erneute äußere Angriffe könnten kurzfristig einen nationalen Zusammenhalt erzeugen und damit die politische Stabilität stärken. Zugleich bliebe die gesellschaftliche Polarisierung bestehen. Oppositionelle Gruppen gerieten stärker unter Druck, während der Staat neue Überwachungs- und Kontrollinstrumente einführt. Ein solches Modell könnte kurzfristig Stabilität schaffen, würde jedoch langfristig eine schleichende Erosion gesellschaftlicher Legitimität riskieren.

l Zweites Szenario: Eine vorsichtige politische Öffnung im Rahmen einer nationalen Versöhnung. Hierbei bliebe das politische System bestehen, würde sich jedoch reformieren. Denkbar wären Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, rechtliche Reformen, die Aufhebung ungerechter Urteile sowie eine Lockerung gesellschaftlicher Vorschriften. Ziel wäre eine Stabilisierung des Staates durch die Wiederherstellung gesellschaftlichen Vertrauens. Ein solcher Weg könnte politische Spannungen reduzieren, ohne den Staat selbst zu destabilisieren, und zugleich seine Widerstandsfähigkeit gegenüber ausländischen Einflussversuchen stärken.

l Drittes Szenario: Eine grundlegende Transformation des politischen Systems. Unter dem Eindruck militärischer Schwäche oder wirtschaftlicher Krise könnte sich der Iran langfristig in Richtung einer säkulareren Republik entwickeln. Ein solcher Wandel müsste jedoch mit großer Vorsicht erfolgen. Die vollständige Marginalisierung religiöser Institutionen könnte starke Gegenbewegungen auslösen. Ebenso die Installation eines neuen Schahs. Es ist nicht bekannt, dass der Sohn des letzten Herrschers oder seine amerikanischen sowie israelischen Unterstützer sich von den Gewaltexzessen von dessen Geheimpolizei Savak von 1953 bis 1979 distanziert hätten. Die Erfahrungen anderer Staaten zeigen, dass abrupte Systemwechsel häufig neue Instabilitäten hervorbringen.

l Viertes Szenario: Eine Fragmentierung des Staates – wohl das gefährlichste Modell. Wenn politische Konflikte, wirtschaftliche Probleme und äußere Einflussnahmen zusammenkommen, könnten regionale Spannungen eskalieren oder sogar in einen Bürgerkrieg münden. Der Iran ist ethnisch und regional vielfältig. So eine Entwicklung hätte daher weitreichende Folgen für die Stabilität des gesamten Nahen und Mittleren Ostens.

Staatlicher Gewalt abschwören

Die zweite Option erscheint als die stabilste Perspektive. Sie ließe sich als hybride Entwicklung beschreiben: Das politische System bliebe im Rahmen der gegenwärtigen Verfassung strukturiert und politische Macht konzentriert, während gleichzeitig kulturelle und gesellschaftliche Freiräume erweitert würden. Das Leben könnte liberaler werden. Genau das ist bereits längs bemerkbar. In Kunst und Publizistik, Mode und auf den Straßen werden mittlerweile Lebensformen toleriert, die noch vor 15 Jahren zu Verhaftungen geführt hätten. Bereits jetzt zeigen sogar iranische Staatsmedien Frauen ohne Hijab – Bilder, die noch vor kurzer Zeit undenkbar erschienen. Staatliche Vertreter rufen zur nationalen Einheit auf. Solche Darstellungen sind noch kein Ausdruck echter Liberalität, sondern angesichts der gegenwärtigen Bedrohung von außen erwünscht. Denn gleichzeitig wird Protestierenden gedroht, Basidsch-Milizen errichten Straßenkontrollen und verhaften Menschen. Und doch appelliert die politische Führung permanent an gesellschaftliche Solidarität.

In dieser Widersprüchlichkeit liegt eine Chance: Wenn das Regime erkennt, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und Loyalität eben nicht allein ideologisch oder mit Gewalt erzwungen werden können, dann wäre das zwar noch kein demokratischer Durchbruch im westlichen Sinne. Es könnte aber der Beginn einer graduellen Transformation sein. Historisch sind solche hybriden Modelle keineswegs ungewöhnlich.

Neue Bindung an alte Partner

In diesem Modell einer aussöhnenden Diskursfähigkeit liegt Irans gewaltige Chance, die massive Polarisierung abzubauen. Wenn die Islamische Republik Kritik aufgreift und nicht als Versündigung gegen Gott begreift, hat sie die Möglichkeit, auch Exiliraner und ihre teils erheblichen Vermögen zu bewegen, sich an Wiederaufbau und Weiterentwicklung des Landes zu beteiligen. Die Voraussetzung ist, dass auf Maximalforderungen aller Parteien, Angriffe und Verhaftungen verzichtet werden muss. Denn: Wird Transformation nicht langfristig moderiert, besteht die Gefahr, dass das Pendel umschlägt und neue Ungerechtigkeiten erzeugt werden. Es ist erwiesen: Integrität ist ein wirksamer Schutzschild. Staatliche Gewalt hingegen erzeugt permanent mehr Gegner, als feindliche Propaganda es jemals vermag.

Die nüchternste Prognose lautet daher: Das Schicksal der Islamischen Revolution, wie im Ausland häufig angekündigt, wird nicht als klarer Bruch eintreten. Es könnte sich vielmehr als langsamer Prozess der Erosion und Transformation vollziehen – begleitet von Gegenmobilisierungen, kulturellen Verschiebungen, möglicherweise auch politischer Härte oder einer gewissen staatlichen Elastizität. Der Iran nach dem Krieg wird kein freies Land im westlichen Sinne sein. Zerstörungen, Wiederaufbau und sicherheitspolitische Abhängigkeiten dürften neue Bindungen an bestehende Partner wie China oder Russland vertiefen. Dennoch könnte ein anderer Iran entstehen. Ob dieses Land stärker, milder und souveräner wird – oder härter, misstrauischer und stärker von Gewalt geprägt –, entscheidet sich jedoch nicht in Washington, Jerusalem oder Berlin. Entscheidend wird vielmehr sein, ob die iranische Gesellschaft selbst die Fähigkeit entwickelt, aus Erschöpfung nicht nur politische Handlungskraft zu gewinnen, sondern Stabilität und Resilienz dadurch zu erzeugen, dass Kritik als legitimer Bestandteil öffentlicher Debatte akzeptiert und in die Entwicklung integriert wird, statt sie als religiöse Verfehlung zu bestrafen. Das gegenwärtige Ausmaß von Angst und Hass seitens Befürwortern und Gegnern der Islamischen Republik hat einen Tiefpunkt erreicht. Und vielleicht einen Moment der Neubesinnung. Die Signale müssen von politischen Ebenen ausgehen.

Deutschland wäre prädestiniert

Ein bitterer Punkt bleibt: Von außen lässt sich ein solcher Prozess kaum erzwingen, wohl eher zerstören. Wenn Deutschland und Europa in dieser Situation überhaupt eine konstruktive Rolle spielen wollen, dann nicht als einseitige Kommentatoren militärischer Eskalation. Ihre mögliche Rolle läge vielmehr darin, inneriranische Befriedungsprozesse diplomatisch zu begleiten – vorausgesetzt, sie sind bereit, wieder mit allen Seiten zu sprechen.

Deutschland verfügte lange über ein besonderes Ansehen im Iran, das auf wirtschaftlicher Kooperation, wissenschaftlichem Austausch und diplomatischer Gesprächsfähigkeit beruhte. Diese Rolle ist heute weitgehend verloren gegangen. Gerade aufgrund seiner Erfahrungen mit der innerdeutschen Aufarbeitung von DDR-Unrecht und den osteuropäischen Aussöhnungsprozessen wäre Deutschland prädestiniert, Dialogräume zu eröffnen. Stattdessen sind es derzeit andere europäische Akteure, wie Frankreichs Präsident Macron, die versuchen, Gesprächskanäle offen zu halten. Deutsche Außenpolitik und Bundeskanzler Friedrich Merz jedoch wirken – wieder einmal – ziemlich orientierungslos.



Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ gern mit einer

Anerkennungszahlung


Kommentar hinzufügen

Captcha Image

*Pflichtfelder

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag. Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

powered by webEdition CMS