20.07.2026

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Ankündigung einer Rückkehr der Bahn: Eine Tafel unweit des zum Park umgestalteten Reichenauer Bahnhofsgeländes weckt Hoffnungen
Bild: Scholtz-KnoblochAnkündigung einer Rückkehr der Bahn: Eine Tafel unweit des zum Park umgestalteten Reichenauer Bahnhofsgeländes weckt Hoffnungen

Östlich von Oder und Neiße

Das Warten auf den Zug hat bald ein Ende

Reichenau hofft auf die Rückkehr des Personenverkehrs – Über Streckenfragmente soll es in den „Reichenauer Zipfel“ gehen

Till Scholtz-Knobloch
20.07.2026

Seit mehr als 25 Jahren wartet die einst sächsische und heute polnische Stadt Reichenau [Bogatynia] im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien auf die Rückkehr des Personenverkehrs auf der Schiene. Gestiegene Baukosten, langwierige Genehmigungsverfahren und eine Neubewertung des Projekts durch die polnische Regierung haben die ursprünglichen Pläne verzögert. Nun will die Woiwodschaft Niederschlesien, in deren Grenzen sich Reichenau mit seinen knapp 27.000 Einwohnern befindet, die Sache in die eigenen Hände nehmen.

Vor dem Krieg bildete der nur 77 Quadratkilometer große Reichenauer Zipfel den östlichsten Teil Sachsens. Ohnehin besitzt die Reichenauer Bahnstrecke eine Besonderheit, die sie in Kreisen von Bahnfans weit über Polen bekannt gemacht hat. Die Strecke am Ostufer der Lausitzer Neiße verläuft teils über deutsches Staatsgebiet bei Rosenthal nördlich von Zittau. Diese bereits in der Vorkriegszeit entstandene Trasse durchschnitt nach 1945 die neue deutsch-polnische Grenze.

Der Personenverkehr wurde auf der schwach frequentierten Trasse am 3. April 2000 eingestellt. Ganz still wurde es auf den Gleisen jedoch nie. Für den Güterverkehr – insbesondere im Zusammenhang mit dem Braunkohletagebau und dem Kraftwerk in Türchau [Turów] – blieb die Strecke teilweise weiterhin in Betrieb.

Der polnische Streckenverlauf hat Fragmente merkwürdig zusammengefügt. Der Streckenverlauf folgt östlich der Neiße zunächst der alten Strecke Görlitz–Lauban [Lubań], um dann auf die frühere Privatbahn Nikolausdorf [Mikułowa]–Schönberg [Sulików] abzubiegen. Von Schönberg aus wurde ein kurzes Verbindungsstück in südwestlicher Richtung geschlossen, um an die von der Strecke Görlitz-Zittau abzweigende Strecke über Hagenwerder und Tschernhausen [Černousy] ins böhmische Friedland [Frýdlant v Čechách] anzuschließen. Von dieser Strecke wurden nur wenige Kilometer genutzt, da eine südlich von Radmeritz [Radomierzyce] errichtete Kurve zur hier östlich der Neiße verlaufenden und somit in polnischem Besitz befindlichen Strecke (West-)Görlitz-Zittau führte, auf der man bis auf Höhe Rohnau [Trzciniec] weiter auf polnischem Gebiet bleibt.

Während deutsche Züge bis heute nach Zittau weiterfahren, befahren die polnischen Züge hier nun einen Streckenneubau über das für die Kohlezüge wichtige Türchau bis nach Reichenau.

Reichenau, das vor dem Krieg nur über die den ost-westlichen Verlauf nehmende Schmalspurstrecke Zittau–Friedland ans Isergebirge angeschlossen war, sah sich nun auf einmal alleinig von Norden her angebunden. Um die Kuriosa zu vervollständigen – angesichts der unausgegorenen Gesamtkonzeption des polnischen Streckennetzes, die die Folge der historisch anderweitigen Ausrichtungen ist, wurde Reichenau in der Volksrepublik Polen sogar von Kurs-Schlafwagen aus Warschau angesteuert.

Hoffnung auf die Reaktivierung des Personenverkehrs entstand 2023 mit der Aufnahme der Strecke in das nationale Programm „Kolej Plus“ (Bahn Plus). Vorgesehen war eine umfassende Modernisierung der rund 30 Kilometer langen Verbindung zwischen Nikolausdorf und Reichenau. Regionalzüge sollten künftig mit bis zu 120 Kilometern pro Stunde verkehren und die Stadt in rund 45 Minuten mit Ost-Görlitz [Zgorzelec] verbinden. Auch eine Direktanbindung nach Breslau in etwa zweieinhalb Stunden galt als realistisches Ziel. Geplant waren außerdem modernisierte Bahnhöfe und neue Haltepunkte.

Doch während die Planungen voranschritten, stiegen die kalkulierten Kosten erheblich. Waren zunächst Investitionen von rund 216 Millionen Złoty (50.392.800 Euro) vorgesehen, rechnen die Projektverantwortlichen inzwischen mit mehr als 320 Millionen Złoty (74.656.000 Euro). Das polnische Infrastrukturministerium und der Netzbetreiber PKP stellten deshalb die Wirtschaftlichkeit infrage. Nach ihrer Bewertung sei der finanzielle Aufwand ohne überregionale Durchgangsfunktion zu hoch.

Aufgegeben ist das Vorhaben dennoch nicht. Die Woiwodschaft Niederschlesien arbeitet derzeit an einem alternativen Konzept. Diskutiert wird unter anderem, die Strecke künftig durch die regionale Straßen- und Eisenbahnverwaltung KD (Niederschlesische Bahnen) verwalten zu lassen. Im Herbst 2026 wird eine Entscheidung erwartet.


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