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Von alten Erzählungen im Hinduismus über die Antike und das Mittelalter bis zum „New Age“ der Neuzeit: Schon immer waren die Menschen davon überzeugt, dass das Beste bereits hinter ihnen liegt
Weltuntergangspropheten haben derzeit Hochkonjunktur. Geht es nach ihnen, werden die „Erderhitzung“, Atomkriege, Pandemien oder die Künstliche Intelligenz unserer Spezies demnächst den Garaus bereiten. Dabei ist das Grundmuster eigentlich uralt: Apokalyptische Erzählungen machten sicher schon während der letzten Eiszeit in den Höhlen der Steinzeitmenschen die Runde, als die Gletscher bedrohlich nach Süden vorrückten. Später nahm der Siegeszug der Niedergangsmythen seinen Lauf, die dadurch gekennzeichnet waren, dass sie von einem stufenweisen Abstieg der Menschheit ausgingen. Interessanterweise kursierten diese Mythen genau wie die allgemeinen Weltuntergangsängste in unterschiedlichsten Regionen und Kulturen der Erde.
Allerdings war der Hinduismus wohl der Wegbereiter aller Niedergangsmythen, wobei unklar ist, in welcher Phase der jahrtausendelangen Geschichte dieser Weltreligion die Lehre von den vier Weltaltern entstand, in deren Verlauf die Menschheit materiell und moralisch verkam. Auf jeden Fall soll am Anfang der Entwicklung das Zeitalter der Wahrheit namens Satya Yuga gestanden haben. Diese Epoche sei von reiner Tugend, Spiritualität und Frieden sowie Harmonie zwischen Mensch, Natur und Götterwelt geprägt gewesen. Und da man dem Hindu-Glauben zufolge in dieser goldenen Zeit weder Krankheiten noch Kriege kannte, betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen angeblich 100.000 Jahre.
Am Anfang war alles rein
Das weitere Geschehen verlief nach der hinduistischen Lehre wenig ermutigend: Durch den Niedergang der Moral und Spiritualität sowie die Fixierung auf weltliche Dinge nahm die Reinheit der Menschen nach und nach ab, womit erst das Zeitalter der Dreiheit Treta Yuga und dann das Zeitalter der Zweiheit Dvapara Yuga anbrach. Beide waren geprägt durch ein immer stärkeres Konkurrenzverhalten und kriegerisches Denken. Daraus resultierten unter anderem die im Epos „Mahabharata“ geschilderten gigantischen Schlachten, während die Lebenserwartung auf tausend Jahre sank und die Menschen zusammenschrumpften, bis sie „nur noch“ zehn Meter maßen.
Am Ende kehrte der Gott der Liebe und Freude, Krishna, im Februar des Jahres 3102 v. Chr. in den Himmel zurück, was den Beginn des vierten und letzten Zeitalters Kali Yuga markierte. Das ist das Zeitalter des Streits, welches bis zum Jahr 428.899 n. Chr. andauern wird. Im Kali Yuga grassieren der Materialismus sowie Zwietracht und Laster schlimmer als je zuvor, weil der Verstand der Menschen unter den Geistesgiften Hass, Gier und Verwirrung leidet. Daher gelingt es kaum noch jemandem, zur Erleuchtung zu gelangen.
Diese hinduistischen Vorstellungen inspirierten nachfolgend nicht nur die Buddhisten jeglicher Couleur, sondern auch antike europäische Denker – beginnend mit dem griechischen Dichter Hesiod, der irgendwann vor 700 v. Chr. in der Region Böotien lebte. Hesiod verfasste das didaktische Epos „Werke und Tage“, in dem er zunächst die Mythen von Prometheus und der Büchse der Pandora überlieferte, bevor er die fünf Geschlechter beschrieb, welche angeblich die fünf Zeitalter in der Geschichte der Menschheit geprägt haben, nämlich das goldene, silberne, bronzene, heroische und eiserne Geschlecht.
Dabei soll das Zeitalter des goldenen Geschlechts genau wie das Satya Yuga der Hindus paradiesisch gewesen sein: Die Menschen „lebten wie Götter, von Sorgen befreit das Gemüt, fern von Mühen und fern von Trübsal; lastendes Alter traf sie nimmer.“ Im Anschluss an die friedliche Urphase ging es Hesiod zufolge zunehmend bergab, bis mit dem Anbruch des Zeitalters des eisernen Geschlechts die gegenwärtige Epoche begann, über die der Grieche nichts Gutes zu berichten wusste. Nachdem es schon mit Beginn des bronzenen Zeitalters zu Krieg und Gewalt gekommen sei, habe sich im eisernen Verkommenheit und Gottlosigkeit breit gemacht.
Ein Amerikaner funkt dazwischen
Hesiods Ideen wurden später von anderen griechischen Denkern wie den Orphikern aus Thrakien, dem Vorsokratiker Empedokles und dann auch Platon aufgegriffen, bevor die Lehre von den Weltaltern schließlich zum Thema des römischen Dichters Publius Ovid wurde. Ebenso führte der Weg von ähnlich gearteten Aussagen im Buch Daniel des Alten Testaments hin zum Inhalt mittelalterlicher Weltchroniken, wie der des Nürnberger Historikers Hartmann Schedel aus dem Jahre 1493. Und zuletzt kultivierte auch die esoterische New-Age-Bewegung, die vor allem in den 1960er Jahren einen massiven Zulauf erlebte, den Glauben an aufeinanderfolgende Zeitalter, in denen es zum stufenweisen geistig-kulturellen Niedergang gekommen sei.
Angesichts der heute weitverbreiteten Zukunftsängste finden die Abstiegsmythen wieder verstärkt Beachtung, weil sie eben nicht nur eine uralte Erzählung darstellen, die in Krisenzeiten gern aufgewärmt wird und Verbreiter findet. Vielmehr dient die wie auch immer im Detail strukturierte Behauptung, dass es in der Geschichte unserer Spezies schon deutlich bessere Zeiten gegeben habe, gleichermaßen als Ansporn. Wenn der Mensch erneut in einem goldenen Zeitalter leben wolle, müsse er sich auf die alten moralischen Werte besinnen. Allerdings wird diese erzieherische Botschaft neuerdings durch die sogenannte Optimistische Risikobereitschaft durchkreuzt. Diese Lehre steht für eine radikale Herangehensweise, wie sie beispielsweise der US-amerikanische Großinvestor Marc Andreessen 2023 in seinem Essay „Techno-Optimistisches Manifest“ propagiert hat: Durch den technologischen Fortschritt lasse sich der Niedergang der Menschheit ohne Weiteres aufhalten beziehungsweise gar ins Gegenteil verkehren – man dürfe hier nur nicht mehr so zögerlich vorgehen wie bisher.
Vielmehr gelte es, die Technologie ohne jegliche Einschränkung als positive Kraft zu akzeptieren und entsprechend zu handeln. Ob der Weg am Ende tatsächlich in diese Richtung geht oder sich stattdessen die Idee der Rückbesinnung auf Früheres durchsetzt, bleibt abzuwarten. Wobei das jetzige Zeitalter am Ende natürlich doch auch das letzte sein könnte, wenn die Pessimisten recht behalten.