01.04.2026

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Vor allem die irrsinnig anmutende Bürokratie stoppt den notwendigen Geld- und damit den Investitionskreislauf in Deutschland
Bild: ipicture alliance / CHROMORANGE | MICHAEL BIHLMAYERVor allem die irrsinnig anmutende Bürokratie stoppt den notwendigen Geld- und damit den Investitionskreislauf in Deutschland

Paradox: An Geld mangelt es nicht

Dramatischer Tiefstand-Alarm bei Investitionen aller Art

Peter Entinger
01.04.2026

Es ist eine paradoxe Situation: Die Steuereinnahmen sprudeln, doch die Nettoanlageinvestitionsquote – das sind die Anlageninvestitionen abzüglich Abschreibungen – rutschte letztes Jahr auf minus 0,23 Prozent. So wenig wurde seit der deutschen Vereinigung nicht mehr investiert. In früheren Jahrzehnten lag die Quote um ein Vielfaches höher. Unternehmen, Privathaushalte und der Staat gaben zwar hunderte Milliarden Euro für Gebäude, Maschinen und Infrastruktur aus, doch weil vor allem die Unternehmen ihre Ausgaben kürzten und sich vieles schneller abnutzte als Neues hinzukam, blieb unterm Strich ein Minus. Der Linken‑Bundestagsabgeordnete Cem Ince kommentierte: „Deutschland fährt auf Verschleiß. Marode Schulen, kaputte Straßen, eine Infrastruktur im Niedergang. Was viele Menschen längst im Alltag spüren, belegen auch die Zahlen.“

Die negativen Nettoinvestitionen bedeuten, dass mehr Kapital abgeschrieben wird als neu geschaffen. Das ist nicht nur eine statistische Größe, sondern spiegelt abblätternde Fassaden, defekte Heizungskeller und gesperrte Brücken wider. Von 2020 bis 2025 lag die Quote im Schnitt nur noch knapp über einem Prozent; der Bestand verschleißt schneller, als er modernisiert werden kann. An Geld mangelt es dem Staat also nicht – vielmehr stocken viele Vorhaben in den Verwaltungen.

Die Förderbank KfW analysierte, dass Kommunen 2024 zwar 47 Milliarden Euro an Investitionen einplanten, aber nur gut 30 Milliarden ausgeben konnten. Überforderte Bauämter, komplizierte Dokumentationspflichten und lange Genehmigungswege verzögern Projekte. Dazu kommen Lieferengpässe in der Bauwirtschaft. Der Investitionsstau resultiert weniger aus knappen Haushalten als aus überforderten Strukturen. Kritiker machen auch die Schuldenbremse verantwortlich. Die Böckler‑Stiftung plädiert für eine „goldene Regel“ und schätzt, dass der Bund jährlich rund 60 Milliarden Euro mehr investieren müsste, um den Rückstand aufzuholen. Ohne zusätzlichen Spielraum werden viele Projekte weiter aufgeschoben.

Investition in immaterielle Anlagen

Die Investitionsschwäche liegt vor allem bei der Privatwirtschaft. Nach KfW‑Daten lagen die realen Unternehmensinvestitionen 2024 gut sechs Prozent unter dem Vor‑Corona‑Niveau von 2019, obwohl Firmen den größten Teil der Investitionen tragen. Befragte Unternehmer nennen hohe Energie‑ und Arbeitskosten, Fachkräftemangel, Bürokratie und eine schwache Auftragslage als Bremsklötze. Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beobachtet wachsende Skepsis: „Die Unternehmen sind nicht optimistisch. Wer jetzt investiert, kümmert sich um reine Ersatzinvestitionen.“

Der demografische Wandel verstärkt die Zurückhaltung: Viele mittelständische Eigentümer gehen in den Ruhestand, während der Umbau zu einer klimaneutralen und digitalen Wirtschaft zusätzliche Milliarden erfordert. „Bei den Bruttoanlageinvestitionen sehen wir schon seit Jahren preisbereinigt einen negativen Effekt“, sagte IW-Geschäftsführer Bardt und fügte hinzu: „Gerade beim Bau gab es auch im vergangenen Jahr eine reale Reduktion, die nicht ausgeglichen wurde durch die ersten Tropfen aus dem Sondervermögen.“

Hinzu kommt, dass viele Firmen inzwischen mehr Geld für Software, Forschung oder Daten ausgeben – sogenannte immaterielle Anlagen. Diese tauchen in der offiziellen Statistik kaum auf, obwohl sie entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit sind. Der Modernisierungsbedarf bei Maschinen, Anlagen und Gebäuden bleibt dennoch hoch.

Deutschland verpasst die Zukunft

Die Folgen dieser Zurückhaltung sind überall sichtbar: bröckelnde Brücken, marode Schulen und langsames Internet. Ohne Investitionen sinken Produktivität und Energieeffizienz und der Umstieg auf klimafreundliche Technologien wird erschwert. Das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 erfordert Investitionen in Billionenhöhe, auch aus der Privatwirtschaft. Doch bereits heute müssen Projekte verschoben werden, weil Planer, Bagger und Material fehlen. Die Verzögerungen verteuern Bauvorhaben und schwächen den Standort weiter – ein Teufelskreis aus Stau und Verschleiß. Deutschland droht damit, wichtige Zukunftsfelder wie Künstliche Intelligenz, Batterietechnik und Wasserstoff zu verpassen, wenn das Investitionstempo nicht steigt.

Doch wie könnte sich dieser Trend drehen lassen? Beschleunigte Planung und Genehmigungen, digitalisierte Prozesse und mehr Personal in Bauämtern sind unerlässlich. Kommunen brauchen zudem mehr Fachkräfte, damit Gelder nicht liegenbleiben.

Auf Bundesebene könnte eine Reform der Schuldenbremse größere Kreditspielräume schaffen. Für Unternehmen sind verlässliche Energiepreise, weniger Bürokratie und eine aktive Fachkräftepolitik wichtig. Der Staat sollte endlich vorangehen und in Infrastruktur, Bildung und Wohnungsbau investieren, um private Ausgaben anzuregen. Strategische Fonds und steuerliche Anreize für Klimaschutz und Digitalisierung könnten zusätzlichen Schub geben. Aber ob Deutschland den Investitionsstau wirklich noch überwindet, hängt letztlich vor allem davon ab, ob Politik und Wirtschaft gemeinsam den Mut finden, in ihre Zukunft zu investieren. Denn der Investitionsmangel gefährdet die Zukunftsfähigkeit.


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