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In Lüneburg ist das Kant-Museum im Ostpreußischen Landesmuseum eröffnet worden
Immanuel Kant hat eine neue Heimat. Davon ist Joachim Mähnert überzeugt. Der Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg hat dem Königsberger Philosophen ein neues Haus bauen lassen, oder besser: ein Gedankengebäude. Als Teil des Landesmuseums mit Deutschbaltischer Abteilung nennt es sich Kant-Museum. Dafür hat man einen Gebäudetrakt geschaffen, der sich mit seiner kubenartigen Architektur und roten Ziegelwänden in die denkmalgeschützte Umgebung der Lüneburger Altstadt unaufgeregt einfügt.
„Außer uns gibt es meines Wissens kein anderes Museum über einen Philosophen, oder kennen Sie ein Platon-Museum?“, fragt Mähnert, während er die Besucher vom Foyer des Landesmuseums aus rechts in den neuen Anbau lenkt. Nein, keine Frage: Mähnert kann stolz darauf sein, etwas so Einmaliges geschaffen zu haben, das Ostpreußen mit Philosophie verbindet und somit ganz neue Besuchergruppen ins Landesmuseum lockt. Wer bislang nicht viel für ostpreußische Geschichte übrig hatte, wird nach dem Aufenthalt im Kant-Museum bestimmt die Gelegenheit nutzen, sich auch die Dauerausstellung im Landesmuseum anzuschauen, um sich mit den Vertriebenenschicksalen der Ostpreußen vertraut zu machen. Denn besonders in der jungen Generation gerät dieses Thema in Vergessenheit, während Kant ewig aktuell bleibt.
Für Mähnert muss sich der neue Museumsteil anfühlen wie ein Geschenk des Himmels. Dieser ist sinnbildlich an der obersten Decke des Kant-Museums zu sehen. Denn über den Ausstellungssälen funkelt in der baulich Kants Gedankengebäude nachempfundenen „Architektur der Erkenntnis“ ein künstlicher Sternenhimmel. Der Besucher wird dabei behutsam auf diesem Weg zur Erkenntnis geleitet. Ehe man perspektivisch nach den Sternen greift, begegnet man draußen im Innenhof Kant „auf Augenhöhe“, wie Mähnert betont. Eine Bronzeplastik mit dem Kant-Spruch, wonach der „bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ das Gemüt erfüllen, ist genauso groß wie Kant klein war: 1,58 Meter.
Um die Besucher vom abstrakten Thema Philosophie nicht abzuschrecken, sind die musealen Ausstellungshürden zunächst niedrig eingestellt. Es beginnt mit einem Forum, auf dem Ideen ausgetauscht und Vorträge gehalten werden können. Auf einer Leinwand läuft in Endlosschleife ein Film mit rekonstruierten Bildern Königsbergs, wie es in Kants Zeit ausgesehen haben könnte. Kant-Porträts und Medaillen mit seinem Konterfei vervollständigen das Bild. Aber auch die zeitgenössische Rezeption kommt nicht zu kurz. Dass die Russen in ihrer Exklave Königsberg den deutschen Denker heute verehren, ist kein Geheimnis. Dass sie seine Philosophie umdeuten und sie sogar als Rechtfertigung für ihren Angriff auf die Ukraine missbrauchen, wird zumindest angedeutet.
Ein Stockwerk höher wird Kants Leben vorgestellt. Von Kuriositäten abgesehen wie einer Haarlocke des Aufklärers aus eigenem und einer seiner Spazierstöcke aus privatem Besitz, stammen die meisten Exponate aus dem 2016 geschlossenen Museum Stadt Königsberg in Duisburg. Es handelt sich in erster Linie um Kant-Büsten, Folianten und Alltagsgegenstände aus dem Haus des Philosophen. Darunter ist ein „Mäßigungsbecher“, der bei Überfüllung gemäß archimedischem Prinzip ausläuft und scherzhaft gegen Trunksucht vorbeugen soll.
Trotzdem wird man nicht mit Exponaten und Erklärtexten „erschlagen“. Im Kant-Museum herrscht eine ausgewogene Mischung aus Text, Bild und Stationen zum Selbstentdecken. An einem der hellen Wandtische kann man an einem Rad drehen und so Kants alltägliche Routine ablesen, die wie ein Uhrwerk ablief:
4.45 Uhr Aufstehen, 13 Uhr die einzige Mahlzeit des Asketen am Tag, 22 Uhr Bettruhe. Dazwischen Uni-Vorbereitungen und Spaziergänge. Wer mehr über Kants Gewohnheiten in Erfahrung bringen will, kann eine Schublade aufziehen und sich in einen Text vertiefen.
Als Besucher kann man auch ganz praktisch an Kants legendärer Tischgesellschaft Platz nehmen. Dazu ist im Museum ein großer Tisch mit Stühlen und Audiostationen aufgebaut. Hier lauscht man nachgesprochenen Gesprächen zwischen Kant und seinen Königsberger Freunden mit. Der Ostpreuße Kant berlinert dabei allerdings ein bisschen, denn die Berliner Schauspielerin Katharina Thalbach leiht ihm ihre Stimme.
Der Ideengeber Kant, dessen Denken unser Verständnis von Wissen, Moral, Politik und Freiheit prägt, steht im Mittelpunkt des letzten Ausstellungsteils. Aber wie führt man in seine Philosophie ein, ohne dass es für den interessierten Laien zu kompliziert und für den vorgebildeten Experten zu banal wird? Dazu lädt die Ausstellung ganz im Sinne Kants zum „Selberdenken“ ein. Die zentralen Themenbereiche Erkenntnis, Moral und Politik oder auch Kants „kategorischer Imperativ“ lassen sich dabei spielerisch erfassen. Kants Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“, die teuerste Anschaffung für dieses Museum, ist hier eines von wenigen ausgestellten Exponaten. Stattdessen steht das haptische Erlebnis im Vordergrund. Man kann Kugeln rollen lassen, um Kants Freiheitsbegriff erfassen zu können, und sich die Frage stellen: Sind wir wirklich frei in der Entscheidung, welche Kugel wir zum Rollen bringen?
Ein UN-Blauhelm symbolisiert Kants Ideal einer Friedenssicherung. Dass der Titel seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ einem Königsberger Gasthaus gleichen Namens entlehnt ist, das an einem Friedhof lag, ist die anekdotische Schlusspointe dieser Ausstellung.
„Wir wollen keine Hagiografie schaffen, sondern auf die Aktualität von Kants Denken gerade in heutigen Zeiten hinweisen“, sagt Mähnert zum Abschluss. In Zeiten der Polarisierung werde besonders den Museen vertraut, hier eine Brücke der Vernunft zu schlagen.
Martin Diestelhorst am 29.03.26, 20:23 Uhr
Vielen Dank für den interessanten Beitrag zur Eröffnung des Kant-Museums in Lüneburg. Die Frage des Direktors nach einem weiteren Museum über einen Philosophen beantworte ich wie folgt: Ich habe im September 2024 zwei Kant-Museen besucht, eins im Dom in Königsberg/Kaliningrad, seinem Hauptwirkunggsort, und eins in Judtschen/Kanthausen/Veselovka, wo er einige Jahre die Kinder des Pfarrers unterrichtete. Beide Museen waren sehr beeindruckend, sehr sachlich. Die von Herrn Tews erwähnte Umdeutung zur Rechtfertigung des Ukrainekriegs konnte ich an keiner Stelle erkennen, auch nicht in den russischsprachigen Texten. Sie klang auch in keiner der uns gebotenen deutschsprachigen Führungen und Präsentationen an. Unser Reisebegleiter war ein ehemaliger Dolmetscher für Herrn Gorbatschow, der auch wesentlich an der Gestaltung der Festveranstaltung zum 300. Kant-Geburtstag in Königsberg beteiligt war. Wir hatten nach meiner Reise noch sehr schöne Kontakte, als ich ihm mitteilen konnte, dass in Halle ein Abguss des Kantschädels wiedererntdeckt wurde, und er mir daraufhin eine Kopie der Broschüre zum 200. Kant-Geburtstag aus dem Jahre 1924 schickte, die einen Nachdruck der Arbeit zur Vermessung des Kant-Schädels von 1804 und Fotos des Schädels nach der Ausgrabung 1880 enthält. Diese Broschüre übersetzte er gerade im Auftrag des Königsberger Kant-Museums (sicher ohne "Umdeutungen"). Es war für mich und die übrigen Teilnehmer der Reise ein erhebendes Gefühl, an der Kranzniederlegung am Kant-Grab teilzunehmen und die echte, tiefe Verehrung zu fühlen, die Kant auch von den Russen entgegengebracht wird.