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Vor fünf Jahren wurde das Humboldt-Forum im Berliner Schloss eröffnet – Dazu gibt es fünf multikulturell angehauchte Aktionstage
Hätte es den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs und die Abrissorgie der SED-Machthaber nicht gegeben, dann wäre das Berliner Schloss ein Methusalem von fast 600 Jahren. Tatsächlich aber feiert das von 2013 bis 2020 rekonstruierte ehemalige Gebäude der Hohenzollernherrscher am 20. Juli einen Kindergeburtstag. Vor fünf Jahren wurde es – nach coronabedingten Verzögerungen – für die Öffentlichkeit eröffnet. Seitdem sind die im Schloss beheimateten Ausstellungssäle des Humboldt-Forums mit seinen ethnologischen Sammlungen zu besichtigen.
Wenn aber die neuen Schlossherren unter dem Motto „Fünf Jahre offen“ vom 27. Juni bis 19. Juli dazu einladen, die Vielfalt des Hauses zu erleben, werden diejenigen, die an der Wiederrichtung des Schlosses einen maßgeblichen Anteil hatten, nur Zaungäste bleiben. Anfang des Jahres hatte man den Förderverein Berliner Schloss unter dem umtriebigen Vorsitzenden Wilhelm von Boddien, der Millionensummen an Spendengeldern für den Wiederaufbau eintrieb, quasi vor die Tür gesetzt (die PAZ berichtete). Da sich auch Großspender unter den Förderern befanden, die man einem politisch nicht zeitgeistgemäßen Spektrum zurechnete, wollte die Leitung des Humboldt-Forums unter der Intendanz von Hartmut Dorgerloh den Verein loswerden.
So gibt es zum fünften Geburtstag nun fünf Aktionstage, welche die ganze queerfeministische, regenbogenfarbene und multikulturelle „Vielfalt“ feiern, die unsere Gesellschaft zu bieten hat. Damit lässt sich leicht ein postkolonialer Kontrapunkt setzen zu den angeblich historisch kontaminierten völkerkundlichen Objekten, welche die preußischen „Sklaventreiber“ früher aus den deutschen Kolonien nach Berlin gebracht hätten. Dieses antirassistische Mindset herrscht jedenfalls aktuell im Schloss vor.
Von Beginn an verstand sich das Humboldt-Forum nicht als fertig durchkonzipiertes Gebäude, sondern als Ort, der auch der alten DDR-Herrlichkeit nachtrauert. So gab es ein Ausstellungsforum rund um den Palast der Republik, also jenen abgetragenen sozialistischen Architektur-Ungetüms, an dessen Stelle das wiederaufgebaute Schloss steht.
Nach der ersten Fünfjahresbilanz wird deutlich, dass sich das klassenkämpferische Potenzial des Hauses erst im laufenden Betrieb vollständig entfaltet. Es lebt von der Interaktion mit dem Publikum und dem internationalen Dialog, auch in Hinsicht auf die willfährige Rückerstattung des kolonialen Erbes. Dabei gilt es auch, ein kompliziertes Interessensgeflecht unter einen Hut zu bringen. Denn im Humboldt-Forum kooperieren die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Humboldt-Labor sowie das Stadtmuseum Berlin mit der Berlin-Ausstellung.
Der Erfolg dieser Zusammenarbeit lässt sich nicht abstreiten. Mit über2.500 Veranstaltungen seit dem Start, die von Ausstellungen bis hin zu Konzerten, Tanz, Kino und Community-Festen reichen, hat das Humboldt-Forum im zweiten Jahr in Folge rund 3,3 Millionen Menschen anlocken können. Das Jubiläumsprogramm spiegelt den Anspruch wider, das Haus aus neuen, diversen und multiplen Blickwinkeln erfahrbar zu machen.
Palast der Republik feiert Urständ
Den Auftakt bildet am 27. Juni ein Tag der Sonderführungen, organisiert von der Schlossstiftung. Dabei öffnen sich Türen zu Bereichen, die der Öffentlichkeit regulär verschlossen bleiben. Insgesamt fünf verschiedene Touren führen interessierte Besucher beispielsweise vom historischen Schlosskeller tief in das Untergeschoss oder gewähren Einblicke in die hochmoderne technische Infrastruktur des Gebäudekomplexes. Ein Rundgang begibt sich – wieder einmal – auf die Spuren des Palasts der Republik, des Vorgängerbaus des Forums. Zudem führen Mitarbeiter des Besucherservice das Publikum zu ihren Lieblingsorten.
Am 4. Juli folgt ein Höhepunkt unter dem Titel „Fünf Jahre Berlin Global“. Das Stadtmuseum Berlin feiert das fünfjährige Bestehen seiner im Humboldt-Forum etablierten Ausstellung mit einem ganztägigen Festival bei komplett freiem Eintritt. Neben zahlreichen Spezialführungen zeigt sich das Geschehen auch unter freiem Himmel. Auf der Bühne im Schlüterhof wird ein abwechslungsreiches Musikprogramm präsentiert. Das multikulturelle Spektrum reicht vom Romani Weiss Swingtett über Anthony Hüseyin und Güner Künier bis hin zu Sigrid Grajek.
Eine Woche später, am 11. Juli, rückt die Wissenschaft in den Mittelpunkt. Das Humboldt-Labor veranstaltet einen kostenfreien öffentlichen Aktionstag, der Forschung, Poesie, Ausstellungspraxis und Mitmachangebote miteinander verbindet. Unter dem unausweichlich englischen Motto „Meet the Scientist“ bekommen die Besucher die Gelegenheit, direkt mit Forschern ins Gespräch zu kommen. Formate wie der Poetry-Slam des Logoskops sowie begleitete Rundgänge eröffnen neue Zugänge zur aktuellen Ausstellung über das „WasserWissen in Berlin“.
Das festliche Programm setzt sich direkt am Folgetag fort. Unter dem Namen „Funkeln und Feiern“ lädt die Akademie am 12. Juli zu einem bunten Familienfest in den Werkräumen ein. Dieser Tag markiert gleichzeitig die feierliche Finissage der Patchwork-Ausstellung „Beziehungsweise Familie“. Mit interaktiven Aktionen und offenen Drop-in-Angeboten wie der Schatzkiste oder dem kreativen Format „In Glitter we trust“ wird das Thema Familie spielerisch beleuchtet. Verschiedene Spiele, gemeinsames Tischkickern sowie Mehrgenerationenführungen garantieren ein Erlebnis für alle Altersgruppen.
Den Abschluss bildet am 19. Juli das große Offene Haus. An diesem Sonntag sind sämtliche Ausstellungen komplett kostenfrei zugänglich. Dieser Aktionstag soll Hürden abbauen und die Berliner dazu einladen, die Institution unkompliziert kennenzulernen.
Ergänzend dazu bieten die Kuratoren des Ethnologischen Museums sowie des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin kostenfreie Sonderführungen an. Sie präsentieren faszinierende Objekte und erläutern die wichtigsten Themen der weltberühmten Sammlungen direkt vor Ort. Damit schließt sich der Kreis eines Jubiläums, das die heutzutage so angestrengt angesagte Vielfalt feiert.