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Thomas-Mann-Historienfilm macht sich den Verfall der schlesischen Region zum Freund
Der Warschauer Filmemacher Paweł Pawlikowski widmet sich in seinem neuesten Film „Vaterland“ dem Literaten Thomas Mann und dessen Rückkehr in das nach dem Zweiten Weltkrieg geteilte Deutschland. Bereits in einer der ersten Szenen reflektiert der Nobelpreisträger (Hannes Zischler) über das Thema Heimat. Pawlikowski lässt die Geschichte an Orten spielen, die für Millionen Deutsche zur verlorenen Heimat wurden. Doch der Grund, warum die Szenenbildner Katarzyna Sobańska und Marcel Sławiński Schlesien als Kulisse wählten, war pragmatischer Natur. Sie suchten nach Orten mit einem „deutschen Charakter“ der Architektur, die nicht durch Nachkriegsbauten verändert wurde. Fündig wurde das Team für das Schwarz-Weiß-Drama in Schlesien.
In Liegnitz [Legnica] etwa wurde eine Straße nicht digital erzeugt, sondern mit vorhandener Bebauung und zusätzlicher Ausstattung zur zerstörten Nachkriegsstadt umgestaltet. Gleich am Anfang sehen wir, wie der schwarze Buick mit Mann und seiner Tochter Erika [Sandra Hüller] durch den Liegnitzer Stadtteil Kartause [Kartuzy] fährt. Diese Szene ist im Film aber die Kulisse von Frankfurt am Main. Nach Frankfurt war der Schriftsteller im August 1949 zur 200. Geburtstagsfeier Goethes eingeladen worden. Nachdem er über 15 Jahre im Exil verbracht hatte, erhielt er in Frankfurt und in Weimar den Goethepreis. So führt den Nobelpreisträger nebst Tochter die Reise von der westdeutschen Trizone durch das zerstörte Land in die sowjetisch besetzte Ostzone.
Auch Penzig [Pieńsk] mit seiner 1869 gegründeten Glashütte der Gebrüder Putzler ist dabei. Sie war bekannt für Beleuchtungsglas, hochwertige Lampenschirme und dreischichtiges Opalglas. Vor dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte das Werk rund 850 Mitarbeiter. Nach dem Krieg wurde die Hütte verstaatlicht. Der Großbetrieb wurde nach „der Wende“ schrittweise abgewickelt; die große Fabrikanlage stellte ihren Betrieb 2008 ein. Eine kleinere Nachfolgerin produziert bis heute unter dem Namen „Luzyce“ [Lausitz]. Als Frankfurt-Kulisse diente auch die 1785 bis 1788 nach dem Entwurf von Carl Gotthard Langhans errichtete evangelische Erlöserkirche in Waldenburg [Wałbrzych], in der Zischler alias Mann seine Dankesrede für die Goethe-Auszeichnung hielt.
Auch die evangelische Kirche von 1749 in Goschütz [Goszcz] bei Oels [Oleśnica] ist dabei. Da das Gotteshaus seit 1945 ungenutzt verfällt, passte es in das Bild des zerstörten Deutschlands, ebenso wie die Ruine des Eichendorffschlosses im oberschlesischen Slawikau [Sławików], die im Film ebenfalls zu sehen ist.
Im Adam-Mickiewicz-Theater in Teschen [Cieszyn] spielt die Weimarer Szene, in der Mann seine durch die Zensur umgeschriebene Ansprache verliest. Der Namenspatron des Teschner Theaters, der polnische Romantiker Adam Mickiewicz, war mit Goethe befreundet und seine Skulptur steht seit 1956 auf dem Weimarer Kegelplatz. Der Verehrer der Weimarer Klassik studierte intensiv Goethes Werke und fühlte sich auch Schillers Freiheitsgedanken eng verbunden. Er wird oft als „polnischer Goethe“ bezeichnet. Seine Weimarer Büste wurde 101 Jahre nach Mickiewicz' Tod errichtet. Die Stadt Weimar wollte damit an den historischen Besuch Mickiewicz' im August 1829 anlässlich von Goethes 80. Geburtstag erinnern.
Als Hotel Amalia in Weimar fungiert Schloss Klitschdorf [Kliczków]. Das Schloss, 45 Kilometer ostnordöstlich von Görlitz, überstand den Krieg fast unbeschadet, bis auf die geplünderten Innenräume. 1949 zerstörte ein Brand die Wagenhalle und die Gesindestuben. In den 50er-Jahren befand sich im Schloss die örtliche Forstbehörde, die die restliche Innenausstattung, die Stuckaturen und Kachelöfen zugrunde richtete. 1971 erwarb die Technische Hochschule Breslau das Schloss und versuchte vergeblich, Schloss Klitschdorf zu retten. Bis nach der politischen Wende eine Breslauer Firma das Gebäude übernahm und zum Konferenz- und Erholungszentrum umbaute.
Die deutsche Kaiserzeit- und Zwischenkriegsarchitektur gepaart mit Industrieruinen und sozialistischer Nachkriegsarchitektur - die Mischung brauchte Pawlikowski für seine Story über einen Menschen, der in eine zerstörte und fremd gewordene Heimat zurückkehrt. Schlesien, das nach 1945 selbst einen gewaltigen Wandel erlebe, wird zu Kulisse für Manns verlorenes Deutschland.
Pawlikowskis Film erhielt in Cannes den Preis für die beste Regie. „Vaterland“ kommt ab dem 3. September in die deutschen Kinos.