Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
So weit wie heute war Königsberg schon lange – und das vor 100 Jahren. Denn die Förderung des Wohnungsbaus hatte in der ostpreußischen Provinzhauptstadt eine lange Tradition. Zugleich stellte sie die Kommunalpolitik stets vor anspruchsvolle Aufgaben. Schon früh erkannte man dort die gesellschaftliche Bedeutung ausreichenden und bezahlbaren Wohnraums. Die Verantwortlichen wussten nämlich, dass hier ein wesentlicher Grundstein für den sozialen Frieden liegt. Bereits im Jahr 1861 – zu einer Zeit, als Berlin nach dem Hobrechtplan noch mit dem Bau der vielfach kritisierten Mietskasernen begann – wurde deshalb in Königsberg die Königsberger Gemeinnützige Aktienbaugesellschaft gegründet. 1904 stellte man sie dann als Stiftung für gemeinnützigen Wohnungsbau unter die Aufsicht des Magistrats.
Darüber hinaus entstanden zahlreiche weitere Wohnungsbaugesellschaften auf Initiative und mit finanzieller Beteiligung der Stadt. Zu ihnen gehörten der Allgemeine Wohnungsbauverein Königsberg (1895), die Königsberger Immobilien- und Baugesellschaft (1898) oder die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Königsberg (1914) sowie die Kleinsiedlungsgesellschaft Tannenwalde (1919). Hinzu kamen zahlreiche Werkssiedlungen und Dienstwohnungen, die etwa von Eisenbahn, Post oder Militär errichtet wurden.
Auch überregionale Reformideen fanden ihren Weg in die ostpreußische Metropole wie die Ideen der 1902 gegründeten Deutschen Gartenstadtgesellschaft, des 1905 gegründeten Deutschen Städtetages und des 1907 ins Leben gerufenen Deutschen Werkbundes. Ziel der kommunalen Politik war es, kostengünstigen Wohnraum für alle sozialen Schichten zu schaffen. In diesem Zusammenhang spielte auch die 1920 gegründete Ostpreußische Heimstätte GmbH Königsberg eine wichtige Rolle, die auf Grundlage des Preußischen Wohngesetzes von 1918 vor allem den Bau von Kleinsiedlungen förderte.
Historische Prägung vor 1914/18
In der Zeit der Weimarer Republik verschärfte sich dennoch der Wohnungsmangel dramatisch. Die Wohnungsnot führte zu erheblichen sozialen Spannungen und machte staatliche Eingriffe notwendig. Daher richtete die Stadt ein städtisches Wohnungsamt ein, zudem wurde beim Regierungsbezirk ein Wohnungsaufsichtsbeamter eingesetzt. Die Zahlen verdeutlichen die prekäre Lage: Im Jahr 1918 entstanden in der damals rund 250.000 Einwohner zählenden Stadt lediglich 46 neue Wohnungen. Um die Situation zu lindern, durfte die Stadtverwaltung Wohnungen beschlagnahmen, größere Wohnungen in kleinere Einheiten aufteilen oder sogar Kasernen zu Wohnzwecken umbauen. Gegen Ende der Weimarer Republik war die Bevölkerung Königsbergs bereits auf 316.000 Einwohner angewachsen. Dennoch ließ die schwierige Haushaltslage der Stadt kaum Spielraum für eine direkte finanzielle Förderung des Wohnungsbaus. Aus Gründen der Sparsamkeit erhielten Bauaufträge daher häufig die gewerkschaftsnahe Bauhütte G.m.b.H. Die planerische Verantwortung für Bebauungs- und Durchführungspläne lag beim städtischen Bauamt.
Vor dem Ersten Weltkrieg prägten mehrere Oberbürgermeister die Entwicklung der Stadt: Johann Carl Adolf Selke (1875–1893), Hermann Theodor Hoffmann (1893–1902), Paul Kunckel (1902–1903) und Siegfried Körte (1903–1918). In dieser Zeit achteten die Königsberger Magistrats- und Stadtbauräte Paul Naumann, Paul Mühlbach, Carl Worms und Karl Glage besonders auf hochwertige kommunale Bauwerke. Stilistisch orientierten sich diese Projekte zunächst an traditionellen Formen und entwickelten sich erst später vorsichtig in Richtung moderner Architektur.
Zu den bedeutenden Bauwerken jener Jahre zählen etwa die von Naumann errichteten städtischen Ingenieurbauten Honigbrücke (1879–1882), Hohe Brücke (1883) und Holzbrücke (1907). Ebenfalls hervorzuheben sind der damals modernste deutsche Schlachthof (Mühlbach, 1885), das Hospital Sankt Georg (Worms, 1897), das Städtische Krankenhaus Roßgarten (Mühlbach, 1895) sowie die Feuerwache Ost (Mühlbach, 1900). Weitere Beispiele sind das Brückenhaus Hohe Brücke (Worms, 1900), die Scheffnerschule (Friedrich Papendieck, 1909–1910), die Stadthalle am Schlossteich (Richard Seel, 1911–1912) und das Neue Schauspielhaus (Walter Kuckuck, 1911–1912; Modernisierung durch Oskar Kaufmann, 1925–1927). Auch das städtische Krematorium (Glage, 1912–1918), die Kunsthalle am Wrangelturm (Friedrich Lahrs, 1912–1913) sowie die Hindenburg-Oberrealschule (Papendieck, 1914–1917) und zahlreiche Volks- und Mittelschulen gehören zu den prägenden Bauwerken dieser Epoche.
Auch im Wohnungsbau dominierte vor dem Ersten Weltkrieg noch eine historistische Architektur. Typische Beispiele sind die Kolonie Amalienau (Friedrich Heitmann, 1899–1905), die Siedlung Maraunenhof (ab 1906) sowie die Gartenstädte Ratshof (Fritz Bleyer, 1907–1928) und Juditten (ab 1907).
Lohmeyer und Kutschke
Erst im Verlauf der 1920er Jahre wandelte sich die architektonische Auffassung spürbar. Ein herausragendes Beispiel dieser Reformbewegung ist die Gartenstadt Tannenwalde (Hermann Muthesius, 1919–1928). Der damalige Oberbürgermeister Hans Lohmeyer, dessen Amtszeit nahezu mit der Weimarer Republik zusammenfiel, unterstützte maßgeblich die Beteiligung des renommierten Berliner Architekten und Baubeamten Hermann Muthesius, der von 1904 bis 1926 hauptberuflich für die preußischen Kunstgewerbeschulen tätig war. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entstanden zudem einzelne Wohnungsbauprojekte mit deutlich modernerer, kantiger und schmuckloser Architektur, darunter Gebäude in der Stägemannstraße in Amalienau (1925), der Steinmetzstraße (1925), der Kapornerstraße (1927), der Jahnstraße (1928) sowie der Dornstraße (1934).
Zum eigentlichen Motor der Reformpolitik und des sogenannten Neuen Bauens in Königsberg wurde der bereits erwähnte, 1919 ins Amt gekommene linksliberale Oberbürgermeister Hans Lohmeyer. Zuvor hatte er als Stadtrat in Schöneberg den fortschrittlichen Stadtbaurat Martin Wagner kennengelernt und dort dessen großstädtisch geprägte Modernität erlebt. Vier Jahre vor Lohmeyer war bereits 1915 der hochqualifizierte Berliner Magistratsbaurat Cornelius Kutschke als Stadtbaurat nach Königsberg berufen worden.
Gemeinsam entwickelten Lohmeyer und Kutschke das vielbeachtete „Königsberger System“. Dabei wurden wichtige städtische Betriebe – darunter die Energieversorgungsunternehmen, die Ostmesse, der Hafenbetrieb, die Müllabfuhr und die Straßenbahn – organisatorisch ausgegliedert, während die Stadt weiterhin Einfluss auf deren Bautätigkeit behielt. Gleichzeitig blieb die Stadtverwaltung eng mit Einrichtungen wie dem Flughafen, der Kunsthalle, dem Neuen Schauspielhaus, der Stadthalle, dem Tiergarten sowie mehreren Wohnungsbaugesellschaften verbunden.
Die sozialen und zugleich unternehmerischen Zielsetzungen von Lohmeyer und Kutschke stießen bei den nationalsozialistischen Machthabern auf Ablehnung. Beide wurden 1933 aus ihren Ämtern entlassen. Dabei hatte vor allem der erfahrene Bauingenieur Kutschke Bedeutendes für die langfristige Stadtentwicklung geleistet. Unter seiner Leitung wurden die Königsberger Fortifikationsanlagen weitgehend abgetragen, wodurch große neue Bauflächen entstanden. Diese dienten unter anderem der Anlage eines öffentlichen Grüngürtels (1919–1930), dem Bau eines städtischen Hafens (1921–1924), eines neuen Hauptbahnhofs (1915–1929) sowie eines Nordbahnhofs (1930) und verschiedener repräsentativer Kommunal- und Staatsbauten. Ein Teil dieser Anlagen ist bis heute erhalten.
Für die umfangreichen Abriss- und Tiefbauarbeiten setzte Kutschke zeitweise bis zu 18.000 Arbeitslose ein. Auch beim Bau der drei gewaltigen Hafenbecken mit insgesamt acht Kilometern Kaimauern kamen sie zum Einsatz. Bestandteil des modernen Hafenkomplexes waren mehrere hochmechanisierte Getreidespeicher aus Stahlbeton (1924), die auf rund 6.000 Pfählen gegründet werden mussten. Insgesamt 30 Kräne sorgten für einen effizienten Hafenbetrieb, der damals als der modernste an der Ostsee galt.
In den 1920er Jahren prägten innerhalb des städtischen Bauamtes neben Kutschke vor allem Magistratsbaurat Friedrich Papendieck sowie der herausragende Architekt Hanns Hopp die architektonische Entwicklung der Stadt. Auf den Flächen der ehemaligen Fortifikationen entstanden zahlreiche kommunale Hochbauten, darunter die Ostmesse mit ihrem Restaurant (1921–1922), das Haus der Technik (1924–1925), der Handelshof beziehungsweise das Stadthaus (1923) sowie die Mädchengewerbeschule (1930).
Hopp und Papendieck
Viele dieser Gebäude wurden von dem ausgesprochen modernen Architekten Hanns Hopp entworfen, der bereits 1913 in das städtische Bauamt eingetreten war. Als Schüler von Theodor Fischer arbeitete Hopp bis etwa 1927 häufig in einer expressionistischen Formensprache und nutzte gern Ziegelsichtmauerwerk. Beispiele hierfür sind die Gebäude der Ostmesse, der Handelshof/Stadthaus, der Flughafen Königsberg-Devau (1921) sowie die Wassertürme von Pillau und Nikolaiken (1927). Vermutlich war er auch an der architektonischen Gestaltung der Hafenbauten und Getreidespeicher beteiligt.
Im Jahr 1926 verließ Hopp die Stadtverwaltung, da die kommunalen Bauaufgaben zunehmend zurückgingen, und machte sich als Architekt selbstständig. Damit begann eine rund 15 Jahre dauernde Phase privater Tätigkeit, in der er zum bedeutendsten Vertreter des Neuen Bauens in Königsberg wurde. Zu seinen wichtigsten Projekten zählen die Prisma-Lichtspiele (1928), das Rentnerinnenheim Maraunenhof (1928), die Mädchengewerbeschule (1930), das Parkhotel (1930–1931) sowie das Funkhaus Reichssender (1933).
In der Zeit des Nationalsozialismus hatte das Neue Bauen jedoch kaum noch eine Chance. Hopp sicherte seinen Lebensunterhalt überwiegend durch den Bau von Einfamilienhäusern. Während des Krieges arbeitete er schließlich noch in der Landesplanungsgemeinschaft und beim Bunkerbau. Nach 1945 entwickelte sich seine Karriere erneut weiter: In der DDR avancierte Hanns Hopp später zu einem der führenden Architekten des Landes.