Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Nicht nur Mozart und die Jedermänner unter Denkmalschutz – Salzburg feiert 30 Jahre Unesco-Welterbe
Immer, wenn der „Jedermann“-Ruf über den Dächern der Stadt erschallt, ist klar, dass in Salzburg die Festspielzeit angebrochen ist. In diesem Jahr spielt der Wiener Schauspieler Philipp Hochmair den Jedermann in Hugo von Hofmannsthals Theaterstück, für das man vor dem Domportal eigens eine Publikumstribüne errichtet hat.
Schon seit 1920 finden auf dem Domplatz die Theateraufführungen unter freiem Himmel statt. Die Opern- und Musikaufführungen der aktuell noch bis zum 30. August laufenden Festspiele, die Salzburg – neben Bayreuth – in diesen Tagen zum Nabel der Musikwelt machen, finden wie gewohnt in den Festspielhäusern unterhalb des Mönchsbergs statt. Noch! Denn die Bühnen sollen saniert, neue Werkstätten gebaut und ein umstrittener Tunnel in den Fels gehauen werden. Im Jahr 2032 sollen die auf 600 Millionen Euro veranschlagten Arbeiten abgeschlossen sein. Von einem Ausweichquartier in einem Zelt ab übernächstem Jahr ist für die Festspiele die Rede.
So etwas durchzusetzen ist in Salzburg nicht immer ganz einfach, denn das gesamte historische Zentrum der Stadt mit rund 1.000 Gebäuden hat die UNESCO vor 30 Jahren zur Welterbestätte erklärt. Schon ein einziges Sonnenpaneel auf dem Dach eines der mittelalterlichen Häuser könnte das Gütesiegel in Gefahr bringen. Die Stadt Dresden hat das 2009 erleben müssen, als ihr mit dem Bau einer Elbbrücke der Welterbetitel für die Kulturlandschaft Elbtal wieder entzogen wurde.
Immerhin: Kurz vor Festspielbeginn hat die UNESCO ihre Genehmigung für den Umbau der Festspielhäuser erteilt. Das war wenigstens eine gute Nachricht für die durch eine Führungskrise gebeutelten Festspiele, die seit März von Karin Bergmann interimistisch geleitet werden, nachdem Intendant Markus Hinterhäuser wegen Verstoßes gegen eine „Wohlverhaltensklausel“ beurlaubt wurde.
So ist es nun einmal: Von Mozart abgesehen steht in Salzburg keine Person unter Denkmalschutz. Individuen kommen und gehen, Gebäude nicht. Sie bleiben hier dauerhaft erhalten. Damit Salzburg nicht zu einer vom Massentourismus überlaufenen Museumsstadt wird wie Venedig oder Florenz, arbeiten die Bewohner unter dem Motto „Schützen, Bewahren, Leben“ daran, ihre Stadt für kommende Generationen durch behutsame Modernisierungen attraktiv zu halten bei gleichzeitiger Erhaltung der Bausubstanz.
Wenn die Wandfarbe abblättert
Der Welterbetitel kann dabei zugleich Fluch und Segen sein. Ein Fluch deshalb, weil den Hausbesitzern zum Beispiel bei energetischen Sanierungen nahezu die Hände gebunden sind; und ein Segen, weil keine modernistischen Architektur-Experimente die einheitliche Ensemblestruktur der Altstadt verschandeln.
Bereits die Zusammensetzung der Farbe für Außenwandfassaden ruft das Denkmalschutzamt auf den Plan, wie Hoteldirektorin Margot Weindorfer zu berichten weiß. Sie betreibt das Hotel Stein am rechten Ufer der Salzach, dessen Historie bis ins späte 14. Jahrhundert zurückreicht. Da die Rückseite des Hauses beschattet am Kapuzinerberg liegt, blättert die hier schneller von Feuchtigkeit angegriffene Farbe an der Fassade regelmäßig ab. Eine spezielle Farbmischung könnte helfen, damit die Fassade nicht alle paar Jahre für einen neuen Farbauftrag eingerüstet werden muss. „Doch das widerspricht allen Denkmalschutzregeln des Altstadterhaltungsgesetzes“, erklärt Weindorfer. Dieses bereits seit 1967 bestehende Gesetz war die Basis für die Aufnahme der Stadt in die UNESCO-Liste.
Man muss also einfallsreich sein, um hier alte Bausubstanz zu retten. Denn generell gilt: Je älter ein Gebäude, desto teurer wird eine spätere Sanierung. Dabei hilft wiederum der Welterbetitel. Denn der spült Bundesmittel und Touristengelder in die Stadt, mit deren Hilfe Bausanierungen gefördert werden.
Beim Gang durch die Altstadt erklärt Kurt Luger, womit Salzburg als Welterbestätte punkten will. Luger ist als Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg auch Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls „Kulturelles Erbe und Tourismus“, also der Welterbe-Fachmann schlechthin. „Salzburg“, sagt er, „ist der Ort, an dem sich die italienische und die deutsche Kultur trafen und der eine entscheidende Rolle im Austausch zwischen den beiden Kulturen spielte.“ Im Ergebnis heißt das, dass die Bürgerhäuser und Plätze der Stadt ihren Ursprung in der deutschen Gotik haben, die Kirchenbauten wiederum im italienischen Barock.
Bis zu der durch den Zweiten Napoleonischen Krieg ausgelösten Auflösung des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806 war Salzburg ein eigenständiges Staatsgebilde, das nicht der Habsburgischen Erbmonarchie angehörte und in dem die Fürsterzbischöfe sowohl die weltlichen als auch geistlichen Oberhäupter waren. Das strenge katholische Regiment führte dazu, dass 1731 Zehntausende Bewohner protestantischen Glaubens aus Stadt und Land auswanderten und als „Salzburger Exulanten“ in Ostpreußen eine neue Heimat fanden. Zugleich förderten die Erzbischöfe die Künste und führten mithilfe des aus den umliegenden Bergen geförderten Goldes und Salzes die Stadt zu einer Blüte, von der sie bis heute profitiert.
Neues Welterbemuseum
Und die Salzburger machen etwas aus dem Erbe, das ihre Vorfahren ihnen hinterlassen haben und das ihnen den Welterbetitel eingebracht hat. Vor dem Schloss Mirabell, das Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau ab 1606 errichten ließ, hat man im Juni das Welterbemuseum „Orangerie Salzburg – Panorama | Welterbe“ eröffnet. „Das Unesco-Welterbe ist nicht nur ein Titel, sondern auch eine Verpflichtung zur Vermittlung, was es mit diesem Gütesiegel überhaupt auf sich hat“, sagt Museumsdirektor Martin Hochleitner, der aktuell die bis Februar kommenden Jahres laufende Ausstellung „Wer kümmert sich um die Stadt?!“ kuratiert.
An interaktiven digitalen Mitmach-Stationen kann man sich individuell und in mehreren Sprachen über die drei Schwerpunkte informieren, mit denen Salzburg als Welterbestadt punktet: die barocke Architektur der erzbischöflichen Bauten, die aus deutschen und italienischen Einflüssen geprägte Kultur und natürlich die Musikstadt, die mit dem hier geborenen Mozart und den Festspielen eine internationale Kultur-Hochburg ist.
Neben der Unesco-Urkunde vom 7. Dezember 1996 ist im Welterbemuseum ein historisches Rundgemälde auf Leinwand zu sehen, das vor genau 200 Jahren entstanden ist. Es handelt sich um das sogenannte Sattler-Panorama, eine 25 Meter lange und knapp fünf Meter hohe detailgenaue Stadtansicht von Salzburg mit Sicht von der Festung Hohensalzburg. Der Maler Johann Michael Sattler ging damit auf Tour und präsentierte es in ganz Europa. „Es war so etwas wie Salzburgs erste Tourismus-Maßnahme“, sagt Direktor Hochleitner. In dessen Museum betritt man das altertümliche Sattler-Panorama durch eine in die Leinwand eingearbeitete Tür und hat dann eine Rundumsicht auf Salzburg und die Berge, und zwar so, als würde man heute auf der Festung Hohensalzburg mit der Handykamera eine 360-Grad-Aufnahme machen.
Nimmt man einen Vorher-Nachher-Vergleich vor, stellt man fest: In den 200 Jahren hat sich im Zentrum der Stadt nicht viel verändert. Klar, Salzburg ist größer geworden und die Salzach in ein engeres Flussbett gezwängt worden. Und Autos gab es auch noch nicht. Die stellen heute die größte Herausforderung für die Denkmalpfleger dar. „Das Welterbe ist nicht für Autos gebaut“, stellt Hochleitner fest, „aus Sicht des Denkmalschutzes ist es wichtig, Salzburg autofrei zu machen.“
Schaut man auf die vielen Radfahrer, die sich in den Fußgängerzonen den Weg freiklingeln – was erlaubt ist –, dann scheinen die Salzburger diesen radikalen Schritt zu einer urbanen Landschaft ohne Motorlärm mitzugehen. Wer heute durch die engen Gassen der Altstadt schlendert, spürt immer wieder, wie lebendig Geschichte hier ist. Die markante Silhouette aus Festung Hohensalzburg, barocken Domkuppeln und Kirchtürmen hat sich über Jahrhunderte kaum verändert. Es ist die perfekte Kulisse für Kulturreisende und Jedermänner aus aller Welt, die wegen Mozart oder den Salzburger Festspielen in die Stadt strömen.
• Welterbemuseum mit Sattler-Panorama: Orangerie Salzburg – Panorama | Welterbe, Mirabellplatz 3, geöffnet täglich von 9 bis 17 Uhr, Eintritt 8 Euro
www.salzburgmuseum.at