Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Das vor langer Zeit in London erschienene epochale Hauptwerk von Adam Smith ist heute aktueller denn je
Vor 40 Jahren begann Michail Gorbatschows Versuch, durch Glasnost, Perestroika und marktwirtschaftliche Elemente den Sowjetkommunismus zu reformieren. Der Versuch misslang. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, das „Vaterland aller Werktätigen“, brach zusammen. Der marktwirtschaftlich organisierte Westen hatte den Kalten Krieg der Systeme gewonnen.
Rund dreieinhalb Jahrzehnte später jedoch scheint die Marktwirtschaft in Deutschland wie der Welt zunehmend in die Defensive gedrängt durch Linke und Protektionisten – als wenn der real existierende Sozialismus nicht gescheitert wäre und der Markt seine Vorzüge gegenüber jeglicher Form von Staatswirtschaft nicht hinlänglich bewiesen hätte, seit Adam Smith vor immerhin einem Vierteljahrtausend mit seinem Hauptwerk an die Öffentlichkeit ging.
„Der Wohlstand der Nationen“, so der Titel des Werks, war sofort ein großer Erfolg und wurde in viele Sprachen übersetzt. Es entstand vor dem Hintergrund großer Umbrüche: der beginnenden Industrialisierung, der Ausdehnung des Welthandels und der Kritik am merkantilistischen Wirtschaftssystem. Der geistige Vater der modernen Marktwirtschaft, des Wirtschaftsliberalismus und der klassischen Nationalökonomie analysierte die Entstehung von Wohlstand nicht als Ergebnis staatlicher Lenkung oder angehäufter Goldreserven, sondern als Resultat produktiver Arbeit, Arbeitsteilung und freier Austauschbeziehungen.
„Unsichtbare Hand“
Besonders bekannt wurde seine Metapher von der „unsichtbaren Hand“, die beschreibt, wie individuelles Eigeninteresse zugleich den allgemeinen Nutzen fördern kann. Merkwürdigerweise findet sich dieser Begriff, für den Smith bis heute so berühmt ist, in seinem Hauptwerk nur an einer einzigen und sogar ziemlich unwichtigen Stelle, an der es um die Handelspolitik geht. Erst später – und nicht einmal von Smith selbst – wurde das Bild auf den marktwirtschaftlichen Wettbewerb insgesamt bezogen. Dieser Prozess fördert, obwohl die Beteiligten aus reinem Eigeninteresse handeln, in den meisten Fällen den allgemeinen Wohlstand weitaus mehr als beispielsweise staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und auch mehr als Appelle zu gemeinnützigem Verhalten. Warum das so ist, hat Adam Smith klar erkannt und genauer als alle Denker vor ihm begründet. Nur das treffende Bild von der „unsichtbaren Hand“ hat er noch nicht auf dieses Phänomen bezogen.
Wirkung und Reaktionen
Aus heutiger Sicht völlig zu Recht betont Smith auch, warum Märkte einen stabilen institutionellen und moralischen Rahmen benötigen, um zu funktionieren. Er war ein scharfer Kritiker von Monopolen, Zunftprivilegien und staatlich begünstigten Handelsgesellschaften. Der Staat hat bei Smith wichtige Aufgaben: Er soll zuerst die Landesverteidigung organisieren, außerdem Rechtssicherheit gewährleisten, öffentliche Güter wie etwa das Verkehrsnetz oder die Wasserversorgung bereitstellen, Bildung fördern und auch sonst dort eingreifen, wo die Märkte versagen. Smiths Liberalismus war daher – seiner Zeit in vielem voraus – kein reiner Marktglaube, sondern ein pragmatisches Plädoyer für Freiheit innerhalb klarer Regeln. Damit war er auch ein Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, und die Ähnlichkeit des Titels des Hauptwerks von Ludwig Erhard („Wohlstand für alle“) mit dem von Smith („Der Wohlstand der Nationen“) ist kein Zufall.
Die Wirkung von Adam Smiths Denken war auch sonst enorm. Seine Ideen beeinflussten nicht nur die klassische Ökonomie von David Ricardo und John Stuart Mill, sondern prägten auch politische Strömungen des Liberalismus. Nur die Sozialisten konnten nichts mit ihm anfangen: Karl Marx würdigte Smith zwar als den Grundleger der politischen Ökonomie. Er bescheinigte ihm dann aber ein „Ideenchaos“, methodisch habe er sich „mit großer Naivität in einem fortwährenden Widerspruch“ bewegt. Natürlich sagen solche Einschätzungen mehr über Marx als über Smith, umso mehr, als Marx diesen ausgerechnet für seine Theorie zur produktiven und unproduktiven Arbeit gelobt hat, die heute als einer der schwächsten Teile im Œuvre des Schotten gilt. In sehr vielem grundlegend, lag Smith allerdings auch sonst nicht in allen Punkten richtig. So kritisierte er pointiert die Aktiengesellschaften, die doch bald eine Schlüsselrolle bei der Industrialisierung spielen sollten – etwa zur Finanzierung des Eisenbahnbaus. Auch sah er die stürmische industrielle Entwicklung des 19.Jahrhunderts keineswegs voraus; in seiner Wahrnehmung lebte er bereits in dem ganz großen Aufschwung der Weltwirtschaft, der tatsächlich erst bevorstand.