Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Wenn langsam die Nacht hereinbricht, wird an der Neiße traditionell schlesisch gelesen
Im April steht die Neißestadt Görlitz ganz im Fokus schlesischer Literatur. Im Wechsel richten das Festival „Literatur an der Neiße“ und das „Schlesische Nachtlesen“ den Blick auf Schlesien – jedoch mit unterschiedlichem Ansatz: Während „Literatur an der Neiße“ als grenzüberschreitendes Literaturfestival mit Lesungen und Gesprächen auftritt, findet das „Schlesische Nachtlesen“ am deutschen Neißeufer statt und bindet lokale Akteure als Vorleser ein. Die Inhalte der deutschsprachigen Lesungen indes nehmen vorwiegend Bezug auf die polnische Seite.
Unter dem Motto „Arbeit, Freizeit, Schichtwechsel“ wird das „Nachtlese-Event“ am 18. April an 15 Orten von 17 bis 22 Uhr zur Lesebühne. Das Publikum macht so eine literarische Zeitreise von der Niederschlesischen Oberlausitz über das niederschlesische Kernland bis nach Oberschlesien und Tschechisch-Schlesien. Die Texte sollen diverse Lebens- und Arbeitswelten zeigen und Zugänge zur Region eröffnen, verspricht Organisatorin Agnieszka Bormann vom Schlesischen Museum Görlitz.
Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Berufsgruppen und Milieus. Vorgestellt werden u. a. Glasmacher in „Aus Salz und Asche“ von Ivonne Hübner, Bergleute in „Die schiefe Kirche“ von Karin Lednická, Weinbauern in „Grünberger Schattenseite“ von Heinrich Lee sowie Weber und Spinner in „Friedrich Sadebeck, ein schlesischer Baumwollspinner“ von Brigitte Weiß-Kobayashi. Auch Unternehmer wie in „Horn und Söhne“ von Carl Hoinkes, Wissenschaftler in „Die vier Prinzipien wissenschaftlicher Kreativität“ mit Itai Yanai und Martin Lercher sowie Künstlerwelten, Polizei und Zirkus werden thematisiert.
Zum zentralen Veranstaltungsort wählte Bormann die Rabryka, das linke sozialkulturelle Kulturzentrum auf dem Gelände des ehemaligen Waggonbaus in Görlitz. In den umgenutzten Industriehallen befinden sich heute Werkstätten und Veranstaltungsräume. So wird in der Rabryka aus „Das Spiel meines Lebens“ von Paula Busch gelesen. „Die Autorin entstammt der Zirkusfamilie Busch. Sie hatten Dependenzen unter anderem in Breslau, in Hamburg, Berlin und Wien. In dem Buch schildert sie auch die Flucht aus Breslau mit dem Zirkus, den Tieren und der Mannschaft. Der Weg führte auch durch Görlitz“, sagt Bormann.
„Ich habe mich für das Thema Zirkus auch deshalb entschieden, weil das Nachtlesen in der Rabryka stattfindet. Dort gibt es ein deutsch-polnisches Kinder-Zirkusprojekt. Ich suche immer nach Anknüpfungspunkten zwischen Orten und Themen.“
Aus einem Krimi wird in der Polizeidirektion gelesen. Der Leiter der Stabsstelle Kommunikation, Tobias Sprunk, liest aus „Glatz“ von Tomasz Duszyński. Der Autor, 1976 in Strehlen [Strzelin] geboren, ist Journalist und hat sich als Drehbuchautor des Computerspiels „Dead Island Riptide“ einen Namen gemacht. Bekannt wurde er mit historischen Krimis, die in Niederschlesien spielen. Seit 2020 leitet er Strehlens Stadtbibliothek.
In einem Naturkostladen der einstigen Energiefabrik liest Stephan Aderhold von der Stiftung evangelisches Schlesien Erzählungen, Anekdoten und kurze Prosatexte bekannter Schlesier, wie Gerhart Hauptmann, Hugo Hartung oder Horst Bienek. Das Buch „Sommer gab es nur in Schlesien – Heiteres und Besinnliches von schlesischen Erzählern“ wirft den Blick auf den Alltag in Schlesien.
In der alten Hefefabrik wird der Schlesier und Stadtführer Daniel Breutmann vom Landesverband Industriekultur Sachsen aus einer Neuerscheinung lesen. Das Buch „Grünberg in Schlesien in Reise- und Presseberichten aus dem 18.–20. Jahrhundert“ schafft einen Überblick über 150 Jahre Grünberg, Hauptstadt der östlichsten deutschen Weinbauregionen.
Die Auftaktveranstaltung „Schichtwechsel – Gespräche und Kulinarisches aus der Kantine“ in der Rabryka um 14 Uhr verbindet Geschichte und Gegenwart des Görlitzer Waggonbaus mit einem Menü nach dem Vorbild einer Betriebskantine. Zwischen Vorspeise, Hauptgang und Dessert gibt es Lesungen, Gespräche und Austausch am Tisch.
Eintrittskarten für das „Schlesische Nachtlesen“ gibt's beim Schlesischen Museum Görlitz und in der Rabryka. Weitere Infos unter www.schlesisches-museum.de/kulturreferat/schlesisches-nachtlesen-