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Auch Rechts ist man sich untereinander nicht wirklich grün – Alice Weidel freut‘s
Man muss der AfD eines lassen: Die Rechtspartei ist auch 13 Jahre nach ihrer Gründung immer wieder für Überraschungen gut. Noch wenige Wochen vor dem Bundesparteitag in Erfurt war in zahlreichen Hintergrundgesprächen suggeriert worden, Alice Weidel werde abgestraft, ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla dagegen gestärkt. Am Ende kam es ganz anders. Weidel erzielte bei ihrer Wiederwahl mehr als 80 Prozent, Chrupalla musste sich dagegen mit zehn Punkten weniger begnügen. Zwei Jahre zuvor hatte er noch 82 Prozent geholt.
Erklärungen dafür gibt's gleich mehrere. Weidels Rede kam besser an, das zeigte schon der Beifall. Zudem hatte Chrupalla in seiner Rede eine Spitze gegen den thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke eingebaut. Dessen Anhänger straften den Sachsen dafür ab. Und es gibt weitere Punkte, die Chrupalla negativ ausgelegt wurden. So hatte er sich kritisch zur sogenannten Verwandtschaftsaffäre geäußert. Aber zur Wahrheit gehört: In der AfD wird Selbstkritik nicht gern gehört.
Hier ein Putsch, da ein Dolchstoß
Es ist paradox. Lange Zeit galten Weidel und Chrupalla als politisches Traumpaar. Hier die kühle Ökonomin, die außerhalb der Sitzungswochen in der Schweiz weilt, aber in Interviews stets eine recht gute Figur macht. Dort der hemdsärmelige Malermeister, der durch die Verbände fährt und Hände schüttelt. „Weidel und Pinsel“ nennen manche in der Partei das Duo. Doch viele sagen nun, Chrupalla habe taktisch ungeschickt agiert. Zu dem einstigen „Flügel“ ging er auf Distanz, um Zuspruch im Westen zu bekommen. Die Folge: Die Landesvorsitzenden der gespaltenen Verbände Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen hat er auf seiner Seite, die einflussreichen Minderheiten laufen jedoch Sturm. Weidel agiert mittlerweile geschickter. Sie hält sich aus den regionalen Kabalen zunehmend heraus. Den heimischen Verband Baden-Württemberg hat sie an ihren politischen Ziehsohn Markus Frohnmaier delegiert. In Rheinland-Pfalz wurde ihr engster Vertrauter Sebastian Münzenmaier kürzlich Landeschef. Der 37-Jährige gilt als wichtigster Strippenzieher in der Partei. Ihm ist es wohl auch zu verdanken, dass Weidel auf Abstand zu Politberater Tom Rohrböck ging. Der wird „das Phantom“ genannt. Er hantiert mit Geldquellen dubioser Herkunft, sein Einfluss ist umstritten. Manche halten ihn für einen Königsmacher, andere für einen Aufschneider. Alexander Gauland, Parteigründer und Ehrenvorsitzender, nennt ihn klipp und klar „halbseiden“.
Im Vorfeld des Parteitags in Bayern war Rohrböck an einer Intrige gegen Landeschef Stephan Protschka beteiligt. Doch der geplante Putsch wurde zum Rohrkrepierer. Weidel-Mann Protschka wurde im Amt bestätigt. Auch weil die Fraktionsvorsitzende Katrin Steiner-Ebner für ihn agierte. Sie gilt als Vertraute Höckes. „Bayern hat eine Lawine ausgelöst“, sagt ein Bundestagsabgeordneter. Prominentestes Opfer war der bisherige Parteivize Peter Boehringer, ein versierter Haushaltspolitiker. Der Bayer galt eigentlich als gesetzt, seine Nähe zu Chrupalla wurde ihm jedoch zum Problem. Steiner-Ebner, selbst im Freistaat nicht unumstritten, wurde im Handstreich zur Stellvertreterin des Spitzenduos durchgepeitscht.
Eiskönigin Weidel zieht Strippen
Das Zusammenspiel zwischen Höcke und Weidel funktionierte nicht nur dort. Dass der thüringische Landesvorsitzende Stefan Möller seinen Landsmann Stephan Brandner als stellvertretenden Bundesvorsitzenden ablösen würde, war abgesprochen. Als Dank halfen Höckes Leute dabei, den Nordrhein-Westfalen und Weidel-Intimus Sven Tritschler als weiteren Stellvertreter durchzuprügeln. Er setzte sich gegen Amtsinhaber Kay Gottschalk durch. Der stammt ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen, ist ein Gefolgsmann des Landesvorsitzenden Martin Vincentz und eng mit Chrupalla verbunden.
Der größte Coup gelang Weidel aber, als sie ihren Wunschkandidaten Hannes Gnauck als Bundesschatzmeister durchsetzte. Amtsinhaber Carsten Hütter aus Sachsen, selbstredend ein Chrupalla-Mann, kämpfte verbissen in drei Wahlgängen und unterlag doch. Die weiteren Posten wurden nach Proporz vergeben. Die Parteispitze ist nun nahezu vollständig auf Weidel ausgerichtet. Mehrere ihrer engen Vertrauten arbeiten bereits auf eine Einzelspitze der 47-Jährigen hin. Münzenmaier soll dann Generalsekretär werden.
Chrupalla, der in der vergangenen Woche seine Autobiografie „Handwerk – Meister – Politik“ vorstellte, gibt sich gelassen. Und er hat einen Punkt: Die Lager würden ohnehin „niemals“ so bleiben, wie sie jetzt seien, sagte er der „Welt“. Man sollte Chrupalla nicht vorschnell abschreiben. Er vermeidet einen öffentlichen Bruch mit Weidel und ihren Anhängern – und das aus gutem Grund. 2029 findet in seiner sächsischen Heimat die Landtagswahl statt. Landeschef Jörg Urban hat seinen Verband zwar im Griff, gilt aber wahrlich nicht als ein charismatischer Wahlkämpfer.
In der Partei heißt es, Stratege Münzenmaier plane, Chrupalla nach Sachsen „wegzuloben“. Dass der Parteivorsitzende dort die größten Chancen auf einen Wahlsieg 2029 haben wird, sehen auch Weidel und Höcke so. Der blieb beim Heimspiel in Erfurt übrigens merkwürdig blass. Er hat sich mit Weidel und ihrem Netzwerk arrangiert – nicht umgekehrt.