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Die Zweite Republik begann vor 100 Jahren, Gdingen zu ihrem Tor zur Welt auszubauen – Große Jubiläumsfeier der Dritten Republik
Eine rund einen Kilometer lange Festtafel entlang der „Aleja Marszałka Piłsudskiego“ wird einer der Höhepunkte sein, mit denen die Republik Polen in diesem Jahr den hundertsten Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte an die Hafenstadt Gdingen [Gdynia] feiern wird. Angekündigt ist die Mega-Festtafel für ein Stadtfest im August. Welchen Stellenwert das Jubiläum hat, macht der Beschluss des polnischen Senats deutlich, 2026 zum „Jahr der Stadt Gdynia“ zu erklären. Die Hauptfeier zum Jubiläum hat bereits am 10. Februar stattgefunden. Genau hundert Jahre zuvor hatte Polens Ministerrat „am sechsten Jahrestag der ‚Vermählung Polens mit dem Meer'“ dem vormaligen kleinen Küstenort Gdingen das Stadtrecht verliehen.
Die symbolische „Hochzeit Polens mit dem Meer“ hatte der polnische General Józef Haller am 10. Februar 1920 vollzogen, als er im damals kleinen Ostseeort Putzig einen Platinring in die Ostsee warf. Formell hatte Polen das Gebiet bereits am 10. Januar 1920 mit dem Inkrafttreten des Versailler Diktats übernommen. Gdingen selbst ging damit Anfang 1920 aus deutscher Verwaltung in polnische Kontrolle über. Der Ort hatte bis dahin zum Landkreis Putzig in der preußischen Provinz Westpreußen gehört. Nach der Angliederung verließen viele Deutsche die Region – entweder freiwillig oder unter wirtschaftlichem und politischem Druck. Gleichzeitig zogen zehntausende Polen aus anderen Landesteilen in die neu entstehende Hafenstadt. Um 1921 hatte Gdingen nur etwa tausend Einwohner – bis 1939 war die Zahl bereits auf über hunderttausend angestiegen.
Bis Anfang der 1920er Jahre war Gdingen lediglich ein kleiner Ort am Rand der Danziger Bucht gewesen – bewohnt von einigen hundert Einwohnern, Deutschen und Kaschuben. Im Kaiserreich war die Bedeutung des Ortes leicht gestiegen, als er 1906 Anschluss an die Bahnstrecke Danzig–Stolp erhielt. Die eigentliche Hafenmetropole der Region war jedoch Danzig.
Erteilung der Stadtrechte
Genau diese Situation wollte die junge Republik Polen nach dem Ersten Weltkrieg grundlegend verändern. Zwar erhielt Warschau durch das Versailler Diktat einen Zugang zur Ostsee, der wichtigste Hafen blieb jedoch die nun „Freie Stadt Danzig“, die unter Aufsicht des Völkerbundes stand und deren Bevölkerung mit großer Mehrheit deutsch war. Für die polnische Führung bedeutete dies eine sicherheitspolitische Unsicherheit. Warschau wollte einen eigenen Hafen unter vollständiger polnischer Kontrolle schaffen – militärisch, wirtschaftlich und symbolisch. Der Ort Gdingen – ab 1920 unter polnischer Verwaltung offiziell „Gdynia“ – besaß zwar nur wenige hundert Einwohner, verfügte aber über günstige natürliche Bedingungen für einen Tiefwasserhafen.
Neben dem wirtschaftlichen Ausbau spielte auch die militärische Bedeutung eine Rolle. Da die Nutzung Danzigs für militärische Zwecke durch den Völkerbund stark eingeschränkt war und Polen dort nur ein Munitionsdepot auf der Westerplatte unterhielt, fiel die Wahl auf die geschützte Lage von Oxhöft [Oksywie]. Hier entstand nicht nur ein Kriegshafen für die polnische Marine, sondern ein integriertes Verteidigungssystem mit Küstenbatterien, die den Zugang zur Putziger Wiek, dem westlichen Teil der Danziger Bucht, kontrollierten. Mit Marineanlagen, Kasernen und Befestigungen erhielt der 1926 eingeweihte polnische Kriegshafen geopolitisches Gewicht im Ostseeraum.
Antideutsche Tradition bis heute
Das Hafenprojekt Gdingen wurde von der polnischen Regierung mit enormen staatlichen Mitteln gefördert. Dies war auch eine Lehre aus dem Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920, als Danziger Hafenarbeiter die Entladung von Militärgütern für Polen blockiert hatten. Während Danzig jahrhundertelang der natürliche Handels- und Hafenplatz der Region gewesen war, entwickelte Polen nun gezielt einen Konkurrenzhafen auf vormals eher unbedeutendem Gebiet.
Gdingen wurde damit zu weit mehr als einem Infrastrukturprojekt. Der neue Hafen sollte Polens „Fenster zur Welt“ werden und zugleich die wirtschaftliche Abhängigkeit von Danzig beenden. Aus deutscher Sicht erschien der Aufstieg Gdingens dagegen als sichtbare Folge der Versailler Ordnung und als bewusster Versuch, Danzig wirtschaftlich zurückzudrängen. Dies gelang Polen tatsächlich erstaunlich schnell. Das Land verlagerte seine Handelsströme zunehmend nach Gdingen. 1924 wurden erst wenige hunderttausend Tonnen Güter umgeschlagen; Mitte der 1930er Jahre gehörte Gdingen bereits zu den größten Häfen an der Ostsee. Zeitweise übertraf der Güterumschlag sogar jenen von Danzig. Vor allem Kohleexporte, Holz, Getreide und industrielle Produkte spielten eine wichtige Rolle. Die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den Häfen Danzig und Gdingen wurde damit zu einem politischen Konfliktthema der Zwischenkriegszeit. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 hatte sich Gdingen bereits in eine moderne Großstadt mit über hunderttausend Einwohnern verwandelt.
Durch das enorme Wachstum der Stadt entstand eine völlig neue Bevölkerungsstruktur. Hunderttausende neue Einwohner kamen hinzu, überwiegend Polen und Kaschuben. Mit dem Aufbau des Hafens entwickelte die polnische Regierung Gdingen gezielt zu einer polnischen Muster- und Hafenstadt und trieb die Polonisierung in Verwaltung, Schule, Militär und Wirtschaft voran. Für viele Deutsche verschlechterten sich dadurch – wie in anderen Teilen Westpreußens – die beruflichen und gesellschaftlichen Perspektiven.
Ausbau mit EU-Mitteln
Der Hafen war zu einem der zentralen Wirtschaftsstandorte Polens geworden. Strategischer Kopf hinter dem Hafenbau war der Industrie- und Handelsminister der Zweiten Polnischen Republik, Eugeniusz Kwiatkowski. Der als „Vater von Gdynia“ bezeichnete Ökonom sah in der Küstenstadt die einzige Überlebenschance für die polnische Wirtschaft. Ohne die Hartnäckigkeit Kwiatkowskis wäre das Hafenprojekt gegen die Widerstände im Sejm und die Konkurrenz Danzigs gescheitert.
Hundert Jahre nach dem Aufbau des Hafens von Gdingen erlebt der südliche Ostseeraum erneut einen Konkurrenzkampf. Heute ist es nicht Danzig, sondern es sind Hamburg, Bremerhaven und Rostock, welche die Auswirkungen der aktuellen Ostseestrategie Polens fürchten müssen. Polen baut seine Häfen in Gdingen, Danzig und Swinemünde massiv aus. Beim Ausbau nutzt Warschau in erheblichem Umfang EU-Mittel. Brüssel finanziert sowohl Hafenanlagen selbst als auch Zufahrten, Bahnverbindungen, Fahrrinnen, Energieinfrastruktur und Digitalisierungsprojekte. Ziel der polnischen Regierung ist es, Polen durch neue Containerterminals, Energieprojekte und Bahnverbindungen zum primären Logistik-Drehkreuz für Mittel- und Osteuropa – einschließlich Tschechiens, der Slowakei und der Ukraine – auszubauen.
Die polnische Seite hat ihre Ambitionen, besonders während der Regierungszeit der PiS, immer sehr deutlich kommuniziert. So sprach etwa der PiS-Politiker Marek Gróbarczyk 2023 im Rahmen der Vorbereitungen für das neue Tiefwasser-Containerterminal in Swinemünde vom Ende der „Vorherrschaft deutscher Häfen“ und der Beendigung der Rolle Polens als bloßer „Klient“ von Hamburg oder Bremen.