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Die Revolutionsgarden haben ein Netz im Iran gespannt, das sie zum mächtigen Staat im Staate macht
Als die Islamische Republik Iran 1979 aus der Revolution hervorging, entstand neben der regulären Armee eine zweite militärische Macht: die Revolutionsgarden, auf Persisch „Sepah-e Pasdaran“. Ihr ursprünglicher Auftrag war klar umrissen – der Schutz der neuen islamischen Ordnung vor inneren und äußeren Feinden. In den Jahrzehnten seither haben sich die Revolutionsgarden jedoch in einer Art Eigendynamik zu weit mehr entwickelt: zu einer politischen, militärischen und auch wirtschaftlichen Eliten-struktur, die tief in alle Bereiche des iranischen Staates hineinreicht. Wer verstehen will, warum es Protestbewegungen im Iran so schwer haben, kommt an dieser Organisation nicht vorbei. Und noch schwerer wird es jetzt, wo die Zivilbevölkerung von den USA quasi aufgerufen wird, den Sturz des iranischen Systems von innen heraus zu initiieren. Hat jeder dort aufbegehrende Mensch doch eines klar vor Augen: den Tod!
Die Revolutionsgarden wurden kurz nach dem Sturz des Schahs gegründet, weil die neuen religiösen Machthaber der regulären Armee misstrauten. Viele Offiziere waren noch im alten System sozialisiert worden. Die Garden sollten dagegen ideologisch verlässlich sein. Von Anfang an war Loyalität zur islamischen Revolution wichtiger als klassische militärische Professionalität. Und dieses Prinzip prägt die Organisation bis heute.
Während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er Jahren wuchsen die Revolutionsgarden rasant. Hunderttausende Freiwillige wurden mobilisiert, viele von ihnen sehr jung. Der Krieg wurde zum Gründungsmythos der Organisation. Opferbereitschaft, Märtyrerkult und revolutionär-islamistische Ideologie verschmolzen zu einem Selbstbild, das bis heute gepflegt wird. In dieser Zeit entstanden auch die wichtigsten Strukturen der Garden.
Heute sind sie ein komplexes Geflecht aus verschiedenen Teilstreitkräften. Dazu gehören Bodentruppen, Marineeinheiten und eine eigene Luft- und Raketenstreitmacht. Parallel dazu existiert mit der Basidsch-Miliz ein riesiges Netz aus paramilitärischen Freiwilligen, das im ganzen Land präsent ist – in Universitäten, Behörden, Fabriken und Stadtvierteln. Schätzungen zufolge verfügen die Revolutionsgarden zusammen mit der Basidsch über mehrere hunderttausend Mitglieder und ein Vielfaches an Unterstützern. Ihre Macht beruht jedoch nicht nur auf Waffen. Die Organisation ist tief in die Wirtschaft eingedrungen. Baukonzerne, Energieprojekte, Telekommunikation und Teile des Handels stehen direkt oder indirekt unter ihrer Kontrolle. Diese wirtschaftliche Macht schafft Loyalitäten und versorgt die Garden mit enormen finanziellen Ressourcen.
Eine gefährliche Mischung
Politisch sind viele ehemalige Kommandeure inzwischen in Ministerien, im Parlament oder in regionalen Verwaltungen vertreten. Die Garden sind so zu einer Art Staat im Staate geworden. Formal unterstehen sie dem Obersten Führer des Iran, der zugleich ihr oberster Befehlshaber ist. Diese direkte Bindung an die höchste religiös-politische Autorität des Landes stärkt ihre Stellung gegenüber Regierung und Parlament.
Wer dient in dieser Organisation? Die Mitglieder stammen überwiegend aus konservativen, religiös geprägten Milieus. Viele kommen aus ländlichen Regionen oder aus den unteren sozialen Schichten. Für junge Männer kann der Dienst sozialen Aufstieg, Prestige und wirtschaftliche Chancen bedeuten. Gleichzeitig spielt ideologische Prägung eine große Rolle: Ausbildung und Propaganda betonen die Verteidigung der Revolution und den Kampf gegen äußere Bedrohungen.
Diese Mischung aus Ideologie, institutioneller Macht und wirtschaftlichen Interessen macht die Revolutionsgarden zu einer der stabilsten Säulen des iranischen Systems. Für Protestbewegungen bedeutet das eine enorme Herausforderung. Selbst wenn Millionen Menschen auf die Straße gehen, steht ihnen eine Organisation gegenüber, die militärisch ausgerüstet, landesweit organisiert und politisch eng mit der Staatsführung verflochten ist.
Die entscheidende Frage lautet: Haben die Iraner überhaupt eine Chance auf echte Veränderungen? Die Erfahrungen zeigen, dass autoritäre Systeme selten allein durch äußeren Druck oder Massenproteste fallen. Veränderungen entstehen eher, wenn sich innerhalb der Machtelite Brüche bilden – wenn Teile des Systems selbst Reformen unterstützen. Das aber ist nicht andeutungsweise sichtbar. Daher ist die iranische Zivilbevölkerung dem brutalen Fanatismus und der Feuerkraft der Revolutionsgarden hilf- und schutzlos ausgeliefert, was sie zugleich lähmt. Man gedenke der über 10.000 Opfern die bei den letzten Protesten von den Garden regelrecht niedergemäht wurden.
Verantwortung von außen
Wenn internationale Akteure jetzt offen zu Protesten aufrufen, entsteht eine moralische Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung. Jede Eskalation geopolitischer Konflikte erhöht das Risiko, dass nämlich dann gerade die Menschen die schwersten Konsequenzen tragen, die am wenigsten Einfluss auf politische Entscheidungen haben.
Für die internationale Gemeinschaft – und besonders für die im Konflikt mit dem Iran involvierten Staaten wie die USA und Israel – bedeutet das: Druck auf das autoritäre System des Irans kann politische Veränderungen bringen. Doch muss parallel alles darangesetzt werden, die Bevölkerung vor Gewalt, Repression und humanitären Folgen zu schützen.
IRANS VIELSCHICHTIGES sICHERHEITSNETZ
Ob uniformierte oder zivile Denunzianten – Jeder könnte es sein und den nächsten Regimekritiker ans Messer liefern
Wer verstehen will, warum Protestbewegungen im Iran immer wieder schnell eingedämmt werden, muss einen Blick auf das Sicherheitsgefüge der Islamischen Republik werfen. Anders als in vielen anderen Staaten verlässt sich das System nicht auf eine einzige Polizei oder Armee. Stattdessen hat sich über Jahrzehnte ein komplexes Netz verschiedener Kräfte entwickelt, die sich gegenseitig höchst effektiv ergänzen und überlappen.
An vorderster Front steht meist die reguläre Polizei. Sie ist im Alltag sichtbar, kontrolliert Demonstrationen und versucht zunächst, Versammlungen aufzulösen oder zu zerstreuen. Doch sobald Proteste größer oder politischer werden, treten weitere Akteure auf den Plan. Eine zentrale Rolle aber spielen die Basij-Milizen. Diese paramilitärische Freiwilligenorganisation wurde in den frühen Jahren der Islamischen Republik aufgebaut und ist eng mit den Revolutionsgarden verbunden. Die Basij sind in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent: an Universitäten, in Schulen, Behörden, Fabriken und Wohnvierteln. Im Konfliktfall können sie schnell mobilisiert werden und unterstützen sowohl Polizei als auch die Revolutionsgarden bei der Kontrolle von Demonstrationen.
Hinzu kommen spezielle Einheiten der Revolutionsgarden selbst. Während sie ursprünglich vor allem als militärische Schutztruppe der Revolution gegründet wurden, werden sie inzwischen bei schweren Unruhen im Inland eingesetzt. Ihre Präsenz signalisiert umgehend, dass das Regime die Situation als sicherheitspolitische Bedrohung einstuft.
Überlappung diverser Ebenen
Ergänzt wird dieses System durch spezialisierte Anti-Protest-Einheiten. Diese Kräfte sind gezielt für die Auflösung von Demonstrationen ausgebildet und verfügen über spezielle Ausrüstung für Straßenkontrollen, Barrikadenräumung und Massenfestnahmen.
Besonders schwer greifbar sind jedoch die informellen, regimefreundlichen Straßenmilizen. Dabei handelt es sich um lose organisierte Gruppen, die nicht immer sofort als Teil der Sicherheitsstruktur erkennbar sind. Genau darin liegt ein zentraler Bestandteil der Strategie. Denn viele der eingesetzten Kräfte sind keine klassischen Soldaten. Es können Studenten sein, religiöse Aktivisten, Veteranen des Iran-Irak-Krieges oder Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Diese lokale Verankerung macht das System für Protestbewegungen besonders schwer berechenbar. Aktivisten wissen oft nicht, wer tatsächlich Teil der Sicherheitsstruktur ist und wer nicht.
Gerade diese Überlappung mehrerer Ebenen – Polizei, paramilitärische Kräfte, Revolutionsgarden und lokale Milizen – sorgt dafür, dass Proteste gleichzeitig von verschiedenen Seiten unter Druck geraten können. Während eine Gruppe Demonstrationen auflöst, sichern andere wiederum Straßenzüge oder identifizieren Aktivisten. Das Ergebnis ist ein engmaschig aufgestellter Sicherheitsapparat, der nicht nur militärisch, sondern auch gesellschaftlich tief im Land verwurzelt ist. Für Protestbewegungen bedeutet das eine enorme Herausforderung: Sie stehen nicht nur einer staatlichen Institution gegenüber, sondern einem ganzen Netzwerk aus formellen und informellen Kräften, das schnell reagieren und lokal präsent sein kann.OES
Gefährlich & heimlich
SITTENWÄCHTER UND DIE NEUE CYBER-POLIZEI
Im Alltag der Islamischen Republik Iran wirkt gesellschaftliche Kontrolle nicht nur durch Gerichte oder Geheimdienste, sondern durch ein dichtes Geflecht religiöser und sicherheitspolitischer Institutionen. Dazu gehören Moralpolizei, religiöse Aufsichtsgremien, lokale Milizen und zunehmend auch digitale Überwachungseinheiten. Gemeinsam prägen sie den öffentlichen Raum ebenso wie den virtuellen. Eine zentrale Rolle spielte lange die „Gasht-e Ershad“, die Sittenpolizei. Sie kontrollieren Kleidung, öffentliches Verhalten und die Einhaltung religiöser Vorschriften wie der Hijab-Pflicht. Ihre Aufgabe besteht darin, islamische Normen sichtbar durchzusetzen und Verstöße zu ahnden. Neben diesen staatlichen Einheiten existieren religiöse Aufsichtskomitees und lokale Kontrollstrukturen. Sie berufen sich auf ein Prinzip der iranischen Verfassung, das die Gesellschaft verpflichtet, „Gutes zu gebieten und Schlechtes zu verhindern“. In der Praxis entstehen dadurch oft halbformelle Netzwerke aus Aktivisten, die in Stadtvierteln oder religiösen Einrichtungen präsent sind.
In den letzten Jahren ist eine weitere Ebene hinzugekommen: Cyber-Milizen und digitale Überwachungseinheiten. Parallel zur staatlichen Cyberpolizei (FATA) betreiben die Revolutionsgarden umfangreiche Online-Netzwerke. Tausende regimenahe Aktivisten wirken in sozialen Medien, verbreiten regierungsfreundliche Fake-News, greifen Kritiker an oder melden oppositionelle Inhalte. Zudem kontrolliert der Staat große Teile des Internetzugangs und blockiert viele internationale Plattformen.
Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Kontrollsystem. Die Moralpolizei prägt den öffentlichen Raum, während Cyber-Einheiten die digitale Kommunikation überwachen. Zusammen bilden sie ein Instrumentarium, mit dem der Staat nicht nur politische Opposition, sondern auch das alltägliche Verhalten der Gesellschaft beeinflussen und steuern kann.