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Zwischen der Reederei in Stettin, Spielbank-Sprengung, „Epstein-Files“ und Hollywood
Um es vorwegzunehmen: Die Geschichte dieser Familie würde ausreichend Stoff für einen Filmstreifen bieten. 1870 gründete der Stettiner Wilhelm Kunstmann (1844–1934) mit 25 Jahren seine eigene Firma – er war zunächst als Schiffsmakler, dann als Reeder tätig. Mit 24 Schiffen wird die Reederei Kunstmann 1911 zur Größten in Preußen.
Ab 1915 fahren nur noch Schiffe mit dem Namen „Kunstmann“ – wie die „Werner Kunstmann II“, die „Clara Kunstmann“ oder die „Gerda Kunstmann“. Letztere war benannt nach der Enkeltochter Wilhelm Kunstmanns. Gerda heiratete 1930 mit 21 Jahren den Stettiner Dermatologen Max Jarecki (1889–1975), der in Heidelberg promoviert hatte.
Nun wurden Richard Jarecki (1931–2018) und 1933 auch Heinrich Jarecki geboren. Kurz darauf ließ sich Gerda von Max Jarecki scheiden und zog zu ihren Eltern, Wilhelms Sohn Arthur Kunstmann (1871–1940) und Clara (1897–1973), ins Westend, in die Falkenwalder Straße 36 in Stettin. Arthur war seit 1895 Geschäftsführer, seit 1900 Teilhaber der Reederei.
Arthur, Honorarkonsul für Spanien, Peru und Japan sowie Präsident des Verbandes Deutscher Reeder, kam ab 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft und Konfession unter Druck. Daher entschloss man sich 1936 Schiffe und Subunternehmen für 2,5 Millionen Reichsmark zu verkaufen, bevor sich Bedingungen für Verkauf und Transfer der Summe verschlechterten.
Danach ging die Familie Kunstmann nach London. Allerdings wurden beide Vertragsparteien verhaftet. Käufer Jakobus Fritzen kam wegen Devisenvergehens einige Wochen in Untersuchungshaft und kam durch Zahlung einer Kaution von 700.000 Reichsmark frei. Arthur Kunstmann landete wegen „Kollaboration“ mit dem Feind in einem britischen Gefängnis.
1940 starb Kunstmann in London. Seine Enkel Richard und Heinrich Jarecki erlernten in Großbritannien die englische Sprache. Sie siedelten, nachdem ihre Mutter Gerda wieder geheiratet hatte, in die Vereinigten Staaten über, wo sich auch bereits ihr Vater Max Jarecki in Asbury Park, einer Küstenstadt am Atlantik, niedergelassen hatte. Richard und Henry (Heinrich) Jarecki schlugen nach ihrer Schulzeit zunächst eine ärztliche Laufbahn ein. Sie studierten beide, wie bereits ihr Vater Max Jarecki, an der Universität Heidelberg Medizin. Dann allerdings erlagen sie anderen Reizen: Richard Jarecki entwickelte eine Leidenschaft für das Glücksspiel Roulette.
Mit seiner Frau Carol besuchte er in den Vereinigten Staaten und Europa Casinos, nicht aus Glücksspielsucht, sondern aus der Besessenheit heraus, eine Strategie zu entwickeln, die Gewinne wahrscheinlich werden ließ, denn im Gegensatz zu Spielkarten und Würfeln, die getauscht wurden, blieb der Roulette-Kessel bei den Casinos im Spiel.
Nach Analyse tausender Spiele wurde er nun zum Albtraum der Casinobesitzer: 1968 erspielte er in drei Tagen 48.000 US-Dollar. Einige Monate später brachte er es an einem Wochenende auf 192.000 US-Dollar. Am Ende werden Jarecki durch die Nutzung der „Biased Wheel“ Methode Gewinne von 1,25 Millionen Dollar nachgesagt.
Sein Bruder Henry Jarecki soll sich bereits während des Studiums in Heidelberg ein Taschengeld durch den Ankauf von Münzen in der Schweiz und den Verkauf mit einem Aufschlag von zehn Prozent verdient haben. Nach dem Studium kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück, heiratete Gloria Friedland und war als Psychiater tätig.
Doch die Arbitrage – also die Gewinnerzielung durch Ausnutzung von Preisunterschieden für gleiche Waren auf verschiedenen Märkten oder zu anderen Zeiten, um risikolos Gewinn zu erzielen – ließen ihn nicht mehr los. So begann er sich 1967 unter anderem mit dem Handel von Silber und Silberzertifikaten (vor der Spekulation durch die Brüder Hunt) zu befassen.
Umtriebige Geschäftsmodelle
1969 gründete Henry Jarecki Mocatta Metals Corporation, die mit Computern an den Rohstoffmärkten handelte. 1971 gründete er dann Brody White & Co. Mocatta verkaufte er 1986 an die Großbank Standard Chartered, Brody 1995 an die Geschäftsbank Société Générale. Eine weitere Unternehmung, Moviefone, veräußerte er 1999 an AOL für 388 Millionen US-Dollar in Aktien.
In Heidelberg verbindet sich mit Henry Jarecki die Förderung wissenschaftlicher und sozialer Projekte, wofür er zum Ehrensenator der Universität Heidelberg ernannt wurde und 2016 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Mit der nach seinem Vater benannten Max-Jarecki-Stiftung brachte er sich auch in Heidelbergs Stadtentwicklung ein.
Dass der mittlerweile 92-Jährige und an Demenz erkrankte Jarecki nun mit dem früheren US-Investmentbanker und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein – nach der Veröffentlichung der „Epstein-Files“ durch das amerikanische Justizministerium – in Verbindung gebracht wird, kommentierte ein Sprecher der Max-Jarecki-Stiftung in Heidelberg am 27. Februar so: „Dr. Jarecki hat Epstein nie bei missbräuchlichem oder illegalem Verhalten beobachtet und war sich der Art und des Ausmaßes der allgemein bekannten Verbrechen Epsteins nicht bewusst.“
Jarecki hat vier Kinder, von denen Andrew, Eugene und Nicholas im Filmgeschäft tätig sind. Nicholas Jarecki schrieb unter anderem das Drehbuch zu „Arbitrage – Macht ist das beste Alibi“ (2012), prominent besetzt mit den Hollywoodstars Richard Gere und Susan Sarandon. Und Andrew Jarecki ist mit der Dokumentation „Hölle hinter Gittern“ (2025) für den diesjährigen Oscar nominiert.