30.08.2026

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Manche verlieren schlicht den Überblick über ihre Finanzen: Digitales Bezahlen kann zum Leichtsinn verführen
Bild: ShutterstockManche verlieren schlicht den Überblick über ihre Finanzen: Digitales Bezahlen kann zum Leichtsinn verführen

Der Fortschritt in der Geldbörse

Warum Bargeld auch für soziales Gleichgewicht steht

Digitales Bezahlen geht schnell und ist bequem – Doch gerade für Einkommensschwache birgt die Technik auch finanzielle Nachteile und Gefahren – Forscherin Barbara Brandl warnt

Wolfgang Kaufmann
30.08.2026

Digitale Bezahlsysteme sind schon lange Teil unseres Alltags. Gleichzeitig geht der Gebrauch von Bargeld immer mehr zurück: Im deutschen Einzelhandel lag der Bargeldanteil 2025 nur noch bei mageren 32 Prozent.

Die Ausbreitung der digitalen Bezahlsysteme erfolgte in drei Wellen. Das Ganze begann mit den Kredit- und Debitkarten, welche in Deutschland schon 1958 beziehungsweise 1968 eingeführt wurden und dann während der 1970er Jahre zu einem Massenartikel aufstiegen. In der zweiten Welle kamen ab dem Ende der 1990er Jahre internetbasierte Lösungen für digitale Zahlungen zum Einsatz. Und in den 2010er Jahren breiteten sich im Zuge der dritten Welle App-gestützte Verfahren aus, die eine regelmäßige und intensive Smartphone-Nutzung erforderten. Mittlerweile rollt nun bereits auch die vierte Welle heran, deren Kennzeichen innovative Echtzeitzahlungssysteme auf der Basis digitaler Währungen sind. Momentan besonders populär ist Pix aus Brasilien für elektronische Sofortüberweisungen in der dortigen Währung Real.

Dieser Siegeszug der digitalen Bezahlsysteme bringt Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehören Komfort und Schnelligkeit des bargeldlosen Begleichens von finanziellen Verbindlichkeiten. Andererseits lassen der Datenschutz und die Datensicherheit enorm zu wünschen übrig – der Kunde wird über weite Strecken gläsern. Darüber hinaus fällt es den meisten Menschen im Digitalen schwerer, die Übersicht über getätigte Ausgaben zu bewahren und keine ungeplanten Käufe zu tätigen.

Nicht zuletzt deshalb gehen Experten davon aus, dass die neuartigen Bezahlsysteme die bereits bestehenden sozialen Ungleichheiten noch weiter verstärken. Das ist beispielsweise die Ansicht von Barbara Brandl, Professorin für Wirtschafts- und Organisationssoziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Sprecherin des Forschungsprojektes „Die normativen Dimensionen des Digitalen Euro“. Brandl meint klipp und klar: Je digitaler es werde, desto häufiger komme es zu Nachteilen für jene, die auf der sozialen Leiter weiter unten stehen. Ihre These begründet sie vor allem mit mehreren Fakten und Überlegungen.

In der Falle der Konsumkredite

Als die ersten Kreditkarten auftauchten, sollten diese vorrangig die Bedürfnisse der Mittelschicht befriedigen. Deshalb fand von Anbeginn an eine systematische Benachteiligung niedriger Einkommensgruppen mit schlechter Bonität statt. Dafür stehen beispielsweise die hohen Zinsen für Risikokunden in Höhe von bis zu 30 Prozent. Auch solche Konditionen tragen dazu bei, dass in den USA die einkommensschwächsten Gruppen einen immer größeren Teil ihrer Mittel nur für die Tilgung von Kreditkartenschulden aufwenden müssen.

Kritiker monieren ebenso Cashback-Programme, weil sie für eine unfaire Umverteilung zwischen Arm und Reich sorgten. Das Prinzip: Wer viel kauft, bekommt reichlich Punkte gutgeschrieben, die dann zu Rückzahlungen, Prämien oder anderen Vergünstigungen führen. Das System wird von den Händlern durch Preisaufschläge finanziert, die letztlich alle treffen – also auch jene, welche gar keine Kreditkarten besitzen, aber dennoch die milliardenschweren Ausschüttungen an die finanziell Bessergestellten sponsern müssen.

Banken und andere Finanzunternehmen wollen mit den digitalen Zahlungsmitteln natürlich Geld verdienen. Deshalb legen sie Geschäftspraktiken an den Tag, die auf eine geschickte Nutzung menschlicher Schwächen hinauslaufen. Am wichtigsten ist dabei die immer stärkere Verknüpfung von digitalen Zahlungen mit Konsumkrediten.

Viele Menschen haben noch gar nicht richtig begriffen, dass sich hinter solch scheinbar großzügigen Angeboten wie „Kaufe jetzt, bezahle später“ oftmals Kredite verbergen, die dann schnell zur Guthabenüberziehung und dem Auflaufen von entsprechenden Zinsen führen können. Das alles wiederum hat negativen Einfluss auf die Bonität, was dann beispielsweise den persönlichen Schufa-Score verschlechtert. Somit trügen die digitalen Bezahlsysteme zur weiteren Prekarisierung bestimmter Bevölkerungsschichten bei, wie Skeptiker einwenden. Oder anders ausgedrückt: Je öfter die Leute digital bezahlen, umso mehr Geld geben sie aus und umso schneller verschulden sie sich dadurch. Im Falle des brasilianischen Pix-Systems liegen hierzu auch konkrete Daten vor: Auf ein Prozent mehr Pix-Nutzer kommen demnach 0,8 Prozent mehr Konsumkredite.

Letztendlich profitieren von der Digitalisierung des Geldes also nicht so sehr die Massen, als vielmehr der Handel sowie die Banken und Zahlungsdienstleister. Insofern ist Bargeld für viele nach wie vor die bessere Alternative, wenn man nicht nur die Bequemlichkeit während des Bezahlens im Auge hat. Beim Einsatz von Bargeld sind alle gleich, weil es keine verdeckte Diskriminierung der weniger Vermögenden gibt. Die Bargeldnutzung ist zwar etwas umständlicher, frisst aber keine Zeit für die Online-Überprüfung oder -Durchführung des digitalen Zahlungsverkehrs – ganz abgesehen von der Nichtnotwendigkeit der Anschaffung entsprechender Technik. Darüber hinaus können Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln ihr Budget besser verwalten, beispielsweise mit der bewährten Briefumschlagmethode. Und noch etwas spricht für das „altmodische“ Bargeld.

Der Staat könnte eingreifen

Münzen und Scheine sind quasi eine öffentliche Infrastruktur: Der Staat in Gestalt der Zentralbank sorgt für deren Herstellung und Ausgabe. Dagegen basieren bargeldlose Zahlungen auf einem Netzwerk privater Unternehmen, die nicht im öffentlichen, sondern im eigenen Interesse handeln. Außerdem wälzen sie ihre Kosten eher auf die Einkommensschwächeren ab, während die Geldausgabe im Dienste der Zentralbanken über Steuern finanziert wird, die hauptsächlich von den Einkommensstärkeren getragen werden.

Allerdings sind Experten wie Barbara Brandl der festen Überzeugung, dass der Staat durchaus in der Lage wäre, die trotz aller negativer sozioökonomischer Folgen nicht mehr aufzuhaltende digitale Transformation des Zahlungsverkehrs menschenfreundlicher zu gestalten. Dazu brauche es lediglich den Willen, der privaten Zahlungsindustrie die nötigen engen gesetzgeberischen Fesseln anzulegen.


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