19.03.2026

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Wilhelm Liebknecht: Fotografie aus den 1870er Jahren
unbekannt / WikimediaWilhelm Liebknecht: Fotografie aus den 1870er Jahren

Man fragt sich immer öfter

Was hätte wohl Wilhelm Liebknecht gesagt?

Dass die SPD zu Zeiten ihres vor 200 Jahren geborenen Gründervaters erfolgreicher war als jetzt, hat gleich mehrere Gründe

Bernhard Knapstein
19.03.2026

Als Wilhelm Liebknecht am 7. August 1900 in Berlin starb, folgten Zehntausende seinem Sarg. Für viele Arbeiter war er mehr als ein Politiker. Er war Lehrer, Agitator, Organisator – einer der Männer, die aus einer zersplitterten Bewegung eine der mächtigsten politischen Kräfte Europas formten: die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Zum 200. Geburtstag des am 29. März 1826 in Gießen geborenen Revolutionärs ist die SPD erneut zur Splitterbewegung geworden, die, wie die jüngsten Wahlen in Baden-Württemberg erwiesen haben, zusehen muss, überhaupt noch in die Parlamente einziehen zu können.

Liebknecht verlor früh seine Eltern und wuchs bei Verwandten auf. Als Student beschäftigte er sich mit Philologie, Philosophie und Theologie in Gießen, Berlin und Marburg, doch entscheidend war für ihn weniger das Studium als die politische Atmosphäre seiner Zeit. Europa war in Bewegung, und als 1848 die Revolution ausbrach, stand Liebknecht mittendrin. Der Aufstand gegen die Fürsten sollte Freiheit, Verfassung und nationale Einheit bringen. Liebknecht kämpfte auf der Seite der Republikaner, unter anderem in Baden. Die Revolution scheiterte, viele ihrer Anhänger mussten fliehen. Auch Liebknecht selbst ging ins Exil.

Lehrer, Agitator, Organisator

Die entscheidenden Jahre verbrachte er in London. Dort traf er auf zwei Männer, die sein Denken nachhaltig prägen sollten: Karl Marx und Friedrich Engels. Aus dem jungen republikanischen Idealisten wurde ein überzeugter Sozialist. Er übernahm ihre Analyse des Kapitalismus und die Vorstellung, dass die Arbeiterklasse selbst zur politischen Kraft werden müsse. Rückblickend beschrieb er seine Rolle einmal mit ironischer Nüchternheit: „Ich bin kein professioneller Verschwörer ... aber nennen Sie mich ruhig einen Soldaten der Revolution.“ Als Liebknecht nach Deutschland zurückkehrte, begann er gemeinsam mit August Bebel mit dem Aufbau einer sozialistischen Partei. 1869 gründeten sie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, aus der später die SPD hervorging. Es war ein Experiment: eine Partei, die sich ausdrücklich als politische Organisation der Arbeiter verstand und zugleich den parlamentarischen Weg nutzte. Im Reichstag des Kaiserreichs entwickelte sich Liebknecht schnell zu einem der schärfsten Kritiker der Regierung von Otto von Bismarck.

Seine bekannteste politische Geste war der Widerstand gegen den Krieg von 1870. Während die Mehrheit der Abgeordneten die nationale Begeisterung mit trug, stellte sich Liebknecht gegen den französisch-preußischen Krieg. Seine Parole wurde zum Symbol des sozialdemokratischen Antimilitarismus: „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!“ Für diese Haltung wurden er und Bebel zwar wegen Hochverrats zu Haftstrafen verurteilt, aber politisch stärkte der Prozess ihren Ruf als konsequente Opposition.
Liebknechts bildungspolitisches Credo lautete „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen.“ Für ihn war Politik nicht nur ein Kampf um Mandate, sondern ein Hebel, über eine staatlich geförderte Bildungspolitik die Arbeiter dazu zu befähigen, ihre Lage zu verstehen und politisch zu handeln. Vor diesem Hintergrund ist die frühe Gründung sozialdemokratischer Zeitungen, Bildungsvereine und kultureller Organisationen zu sehen. Die SPD sollte mehr als Partei, sie sollte ein ganzes Milieu sein. „Er war der Lehrer der deutschen Arbeiterbewegung“, konstatierte Historiker Franz Mehring später über Liebknecht.

Dass die Sozialdemokratie im späten 19. Jahrhundert so erfolgreich wurde, hatte mehrere Gründe. Die Partei traf auf eine Gesellschaft, die sich durch Industrialisierung rasch veränderte. Millionen Arbeiter entstanden als neue soziale Klasse, deren Interessen politisch kaum vertreten waren. Die Sozialdemokratie gab ihnen eine Stimme. Gleichzeitig bot sie eine klare Weltanschauung. In einer Zeit sozialer Unsicherheit versprach der Sozialismus nicht nur Reformen, sondern eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft.

Paradoxerweise trugen auch staatliche Repressionen zum Erfolg bei. Unter den Sozialistengesetzen Bismarcks zwischen 1878 und 1890 wurden sozialistische Organisationen zwar verboten. Doch die Bewegung verschwand nicht, sie organisierte sich im Untergrund und blieb über Reichstagswahlen präsent. Die von Bismarck provozierte Opferrolle der SPD schuf Loyalität und Zusammenhalt.

Unterschiede zu heute

Trotz wachsender Wahlerfolge blieb vieles von Liebknechts Vision unerfüllt. Die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft blieb aus, die SPD entwickelte sich zunehmend zu einer parlamentarischen Reformpartei. Dieser Wandel begann bereits zu Liebknechts Lebzeiten und führte zu innerparteilichen Konflikten, bis hin zu Abspaltungen. Auch sein Sohn Karl Liebknecht wandte sich von der bürgerlich gewordenen SPD ab.

Die heutige SPD unterscheidet sich stark von der Partei des 19. Jahrhunderts. Sie versteht sich nicht mehr als Klassenpartei der Arbeiter, sondern als breite Volkspartei. Liebknecht hätte diese Entwicklung wohl mit Skepsis betrachtet. Die frühe Sozialdemokratie war erfolgreich, weil sie eine eindeutige politische Identität hatte und eine wachsende gesellschaftliche Gruppe organisierte.

Die Gruppe der Arbeiter ist heute kaum noch präsent – und sie orientiert sich zu den politischen Rändern hin. Die programmatische Unschärfe der gegenwärtigen SPD geht zudem deutlich an den politischen Herausforderungen vorbei. „Wer nicht weiß, wohin er will“, schrieb Liebknecht einmal, „wird auch den Weg nicht finden.“ Liebknecht war nie Regierungschef, nie Minister oder Staatsgründer. Sein Einfluss lag woanders. Er half, eine Bewegung aufzubauen, die Millionen Menschen politisierte und die deutsche Politik dauerhaft veränderte. Dass die Sozialdemokratie einmal zur größten Partei des Reichstags werden sollte, war ohne ihn kaum vorstellbar. Dass sie sich heute selbst marginalisiert, liegt nicht daran, dass es keine sozialpolitischen Verwerfungen gäbe, denen die SPD sich hinwenden könnte.

Doch diejenigen, die auf dieser Welt für Orientierung sorgen, sind Die Linke und auch die AfD. Und so könnte der 200. Geburtstag Liebknechts ein Weckruf für die Partei sein, der allerdings die Fähigkeit zur Analyse abhandengekommen zu sein scheint. Und so wird von Liebknecht wohl doch nicht mehr als ein Kassandraruf aus der Geschichte bleiben.


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