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Wie die WM alte Wunden aufreißt, und wofür Lars Klingbeil demnächst eine Ausrede brauchen könnte
Die Fußball-WM ließ sich ja schon mal gut an mit dem 7 : 1, die Deutschen kommen langsam in Feierlaune. Allerdings dürfen wir auch die Schattenseiten dieses Wettbewerbs nicht verdrängen. Seit 2006 reißt das Sportereignis alle vier Jahre alte Wunden auf bei empfindsamen Linken, die das deutsche „Sommermärchen“ auch 20 Jahre danach noch immer nicht verwunden haben.
Der Sender arte ließ sie dankenswerterweise kurz vor dem laufenden Turnier noch einmal öffentlich in ihre Kissen weinen. Wir erfahren dabei Sachen, von denen wir bislang gar keine Ahnung hatten. So sei es 2006 nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien zu pogromartigen Szenen gekommen, Menschen seien „durch die Straßen gejagt“ und Pizzerien angegriffen worden.
Zwar gibt es zu den gespenstischen Berichten weder Augenzeugen noch steht davon irgendetwas in Polizeiberichten. Aber das macht nichts. Die Deutschen sind böse, und deshalb muss es so gewesen sein. Ein Rapper, der bei arte zu Wort kommt, fand selbst die schönen Szenen schrecklich. Bilder von fröhlich und friedlich feiernden Deutschen seien „unangenehm“ und „gefährlich“ wegen der „marginalisierten Gruppen“ im Land.
Wir müssen nichts davon verstehen. Es ist halt so: Ein fröhliches, friedliches Deutschland in einem Meer von Schwarz-Rot-Gold und Heerscharen von ausländischen Gästen, die ganz aus dem Häuschen gewesen sind über die gastfreundlichen und verblüffend lockeren Germanen, widersprechen dem Deutschlandbild des Deutschenhassers in so aufreizender Weise, dass es ihn unweigerlich in fiebrige Wahnbilder stürzt. Das Fieber war derart heftig, dass die Temperatur selbst zwei Jahrzehnte später noch nicht wieder auf Normalniveau sinken konnte.
Der Rapper führt übrigens den Künstlernamen „Pimf“. Pimf? Weiß der nicht, dass das Wort in nur minimal anderer Schreibweise früher einmal ...? Ach, lassen wir das! Diesen Sommer wird er ohnehin nicht so viel zu leiden haben. Erstens ist die WM ja nicht bei uns und zweitens haben die Deutschen vielleicht auch nicht mehr ganz so gute Lane wie im Jahr 2006. Daran sind vor allem die Nachrichten schuld.
Selbst wer wirklich gerne lacht, kommt da mittlerweile ins Stocken. Über die tausend Kilometer falsch verlegter Kabel beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 hätten wir uns früher ausgeschüttet. In den Zeiten nämlich, in denen unser Land für perfekte Planung und effizientes Bauen berühmt war und solche Meldungen daher komplett aus dem Rahmen fielen. Tun sie aber nicht mehr. Sie decken sich komplett mit dem Bild, das die Deutschen heutzutage von ihrem Staat besitzen und das wir hier nicht näher beschreiben können, weil die dafür üblichen Wörter in einer Zeitung wie der PAZ aus sprachhygienischen Gründen nicht gedruckt werden.
Wie ist das überhaupt passiert? Haben die das mit den Kabeln nicht früher bemerkt? Kaum zu glauben. Der Verdacht: Jeder „Verantwortliche“, der von dem Mist Wind bekam, hat die Angelegenheit so rasch wie möglich an einen anderen „Verantwortlichen“ weitergemeldet, nur um die heiße Kartoffel von seinem Schreibtisch zu bekommen. Getan hat keiner was. Bis es nicht mehr ging und der Kladderadatsch vor den Füßen von Bahnchefin Evelyn Palla auf den Boden knallte. Die resolute Südtirolerin setzte daraufhin die Hälfte der Projektleitung an die Luft.
Die neue Rente kommt – nicht?
Nun warten wir mal ab. Fertigwerden sollte der 2010 angefangenen Bau ja schon 2019, dann hieß es 2026 und nun ist von 2031 die Rede. Wie man es heute wohl bereut, dem Vorhaben mit der „21“ hinter dem Stadtnamen eine Jahreszahl ins Wappen gebrannt zu haben, wo sie jetzt nicht mehr rausgeht? Dass es obendrein ausgerechnet ein rundes Jahrzehnt später werden soll mit der Fertigstellung und nicht mal das als sicher erscheint, macht die Peinlichkeit perfekt.
Was können diese Pfeifen eigentlich noch? Alles, was Politik oder staatliche Stellen und Unternehmen (wie die Deutsche Bahn) anfassen, scheint sich in Schrott zu verwandeln. Der nächste Bauchklatscher lauert schon. Mit großem Tamtam hatte Schwarz-Rot einen Nachfolger für die lausige Riesterrente angekündigt, der zum 1. Januar 2027 starten soll. Das ist nur noch ein halbes Jahr hin, und in Lars Klingbeils Finanzministerium breitet sich leise Panik aus.
Warum? Man hat wohl etwas übersehen: Dem Ministerium fehlen die Kompetenzen, um jedem Bürger ein günstiges Standard-Depot einzurichten und die Millionen Rentensparer entsprechend zu beraten. Bis 2013 hatte man so eine Stelle noch, da konnte jeder Bürger ein Konto eröffnen mit Staatsanleihen und ähnlichen Schuldpapieren des Bundes. Dann aber lohnte sich der Kram für den Bund nicht mehr wegen der damaligen Mini-Zinsen, also löste man den Laden auf.
Ihn wieder aufzubauen, sei teuer und zeitaufwendig, heißt es aus informierten Kreisen. Wenn man dagegen private Anbieter (von denen es mehr als genug gäbe) beauftrage, müsse man den Auftrag dagegen erst einmal ordnungsgemäß ausschreiben. Geht auch nicht über Nacht. So fressen sich Zweifel in die Köpfe der Ministerialen, ob jener 1. Januar als Starttermin für die neue Kapitalrente überhaupt zu halten sei. Wir sind neugierig, wie uns Minister Klingbeil das Desaster erklären wird, wenn er den Termin reißt.
Früher konnten Politiker über all das Versagen hinweg wenigstens schöne Reden schwingen. Neuerdings ist ja selbst das nicht mehr gesichert, seit wir erfahren haben, dass Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt sogar eine Buchenwald-Gedenkrede gewissermaßen aus dem Kaugummi-Automaten gezogen hat.
Klappt in diesem Land denn gar nichts mehr? Oh doch, und wie. Bundesweit für Schlagzeilen sorgte der Fall eines Hamburger Sozialrentners, der den Fehler beging, die Einkünfte aus dem Sammeln von Pfandflaschen beim Amt zu melden. Daraufhin zog ihm die Behörde die 58,25 Euro von der Grundsicherung ab.
Empörung war die Folge, die Bezirksversammlung von Hamburg-Altona schaltete sich ein, und – na also! – das Amt übte Nachsicht. 50 Euro dürfe er künftig abzugsfrei behalten, mehr jedoch nicht. Dafür müsse er aber brav die Kassenbons beibringen. Das bereits abgezogene Geld soll er trotzdem nicht zurückbekommen, wogegen sich der 75-Jährigen jetzt ans Landesparlament der Hansestadt gewendet hat.
Was hat der arme Mann bloß falsch gemacht? Ganz einfach: Er hat sich an die Regeln gehalten, in diesem Falle an die Meldepflicht über Zusatzeinkünfte. Hätte er das gelassen, wie es so gut wie alle anderen Flaschensammler tun, wäre ihm der Ärger erspart geblieben. Denn merke: In einem verrottenden Staat ist derjenige, der sich strikt an die Gesetze hält, für gewöhnlich der Dumme. Blöd nur, dass es die „Dummen“ sind, auf denen der ganze Zirkus ruht, ohne die er gar nicht existieren könnte. Hoffentlich erkennen die das nicht irgendwann.