Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung
Mit sportlich-ehrgeiziger Leistung kämpfte ein ostpreußischer Flüchtlingsjunge in Lübeck um Anerkennung und Integration
Nach Osten fuhr keiner mehr, nur die Gedanken gingen immer wieder dorthin zurück, die vielen Gedanken und Träume.“
Es mag noch Februar gewesen sein, als ich zusammen mit meiner Mutter und meiner Großmutter in einem der restlos überfüllten Züge am Lübecker Hauptbahnhof eintraf. Die vielen Passagiere auf den Sitzen und Gängen waren während unserer Fahrt von Stettin weitgehend still, gar in scheinbar schicksalhafte Ergebenheit vertieft gewesen. Gut möglich, dass auch meine Gedanken in mancher Stunde nach Ostpreußen zurückwanderten, etwa zu meinen Großvätern, die in Königsberg verblieben waren, zu den vielen Verwandten und Freunden, die sich ebenfalls auf der Flucht befinden mussten, und zu der Frage, wann wir wieder heimkehren würden. Doch die Tagträumerei wurde stets rasch unterbrochen, zu groß war die Furcht vor den Folgen eigener Unachtsamkeit. Unter allen Umständen Lübeck erreichen, das war das Gebot der letzten Wochen gewesen.
Freude spürten wir nicht
Nun, da wir dort waren, waren wir erleichtert, doch Freude, wahre Freude spürten wir nicht. In jenen Tagen fühlte man kaum etwas, man funktionierte. Die anderen Ankommenden drängten mit uns aus dem Waggon, hinaus zu einer der zahlreichen DRK-Sammelstellen, die uns schon an manch anderer Etappe unserer Route mit warmer Suppe und Brot versorgt hatten und welche uns nun auch hier unsere Ankunft ein wenig erträglicher machten. Unsere Verwandten, die Schiwecks, wohnten in der Triftstraße im Westen der Stadt. Der harte Winter hatte noch immer seine kalte Hand auf die lädierte Stadt gelegt und verbarg mit seiner Schneedecke nach wie vor manche kleine und große Wunde in den Mauerwerken, stumme Zeugen der Bombenangriffe in der Märznacht 1942, die auf unserem Weg links und rechts an uns vorbeizogen. Abseits davon war vom Krieg auch hier kaum etwas zu bemerken; die wichtige Infrastruktur, die medizinische Versorgung und die Nahrungsmittelzuteilung mit Lebensmittelkarten funktionierten. Man schaffte notdürftiges Mobiliar in die kleine Parterrewohnung: ein paar Decken, wenige Betten, die es – meine Tante war nach wenigen Tagen nachgekommen – nun unter sieben statt drei Menschen aufzuteilen galt. Für uns Kinder wollte man die neue Situation möglichst normal und den ausgehenden Lübecker Winter annehmbar gestalten. So näherten wir uns dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seinen Folgen rasch, haltlos und ungewiss: mit einer Schlittenfahrt.
Anfang Mai kamen die Engländer. Gegenüber unserer Wohnung in der Triftstraße befand sich die Pionier-Kaserne. Durch die Fenster bekamen wir die Besetzung der Stadt und die Inhaftierung kapitulierender deutscher Soldaten mit. Den Beginn der englischen Besatzungszeit erlebte ich als recht chaotisch – Konsumgüter wurden beschlagnahmt, stark rationiert und durch die weiterhin stetig nach Lübeck strömenden Vertriebenen zusätzlich knapp. Der Hunger zog dann erneut ein.
An einem Tag schellte die Hausklingel laut, ein dumpfes Klopfen dröhnte durch die Wohnung. Meine Mutter öffnete einen Türspalt, und einen Moment später standen zwei bewaffnete Tommies bereits in der Küche, durchsuchten Schränke und Kammern und verlangten nach Fleisch und Eingewecktem. Nachdem sie das Gefundene nicht zufriedengestellt hatte, zogen sie ab.
Ein anderes Mal stand ich mit einer Handvoll Nachbarskinder am Kasernenzaun unten an der Straße, so wie wir es oft taten, als wir beobachteten, wie die Engländer Reste frischer Brotlaibe aus der Kasernenbäckerei auf den Hof brachten und sie neben anderen Lebensmitteln mit hämischem Grinsen unter den Augen der Inhaftierten und uns Kindern in einen Graben warfen und anzündeten.
Mit dem Mut der Verzweiflung
Mit zunehmendem Hunger wuchs der Mut zu Verzweiflungstaten. Dreimal schlichen wir Kinder zu zweit über den Kasernenzaun, in die Backstube und zurück – dreimal volle Mägen in unseren beiden Elternhäusern. Doch das Glück ist flüchtig, das sollten wir noch lernen – ein viertes Mal war Fortuna nicht mit uns. Die Strafe der Engländer war grausig und machte mich noch einige Tage lang bettlägerig. „Nur eine Erkältung“, überzeugte ich meine Mutter später.
Die prekären Bedingungen boten dem Schwarzmarkt, insbesondere beiderseits der Drehbrücke und in der altstädtischen Beckergrube, den nötigen Nährboden. Durchgeführte Razzien hatten höchstens eine kurzzeitige Dämmungswirkung inmitten einer gestauten Inflation, welche die Mark jeglicher Kaufkraft beraubt hatte. Kaufen bedeutete Tauschen und war für viele die einzige Möglichkeit, an Lebensmittel und Brennstoff abseits der politisch rationierten Mengen zu gelangen. Zigaretten waren ein gefragtes Gut, und wer die nicht hatte, musste andere Angebote machen. Der materielle Wert geliebter Kleidungsstücke und persönlicher Gegenstände entsprach vielfach nicht dem der Ware, der ideelle Verlust jedoch erschien so manchem Träger nicht selten gar unmöglich zu zahlen.
Auch Körperlichkeit wurden täglich offeriert. Noch oft sah ich in jenem Sommer Scharen deutscher Frauen auf den grünen Wallanlagen sitzen, die die Nähe zu den Besatzern suchten. Für manche eine Chance auf persönliche Vorzüge, für andere eine alternativlose Investition.
Auf Initiative der Quäker versuchte man, der Lebensmittelknappheit unter anderem durch die Einfuhr von Mais zu trotzen. Meine Großmutter, die in ihrer Königsberger Küche zeitlebens wohl kaum jemals ein Stück davon verarbeitet hatte, schaute schon ein wenig ratlos auf die gelben Kolben, die nun vor uns lagen: „Jungche', es kommen mal wieder andere Zeiten.“ Am Ende waren wir einmal mehr satt – und dankbar.
Gleichwohl: Ohne Selbsthilfe ging es nicht. Ich erinnere mich an rollende Fischfässer am nächtlichen Hafen, geplünderte Getreidesilos und das Stoppeln von Ernteresten auf den Kartoffelfeldern draußen im herbstlichen Schönböcken.
Ein Jahr nach Kriegsende wich der große Hunger einer zähen Besserung unserer Lebenssituation. Ein Bekannter namens Groß aus Königsberg hatte in der Innenstadt die „Manteletage“ eröffnet, in der meine Mutter erste feste Arbeit fand. Zudem war uns Vieren einige Monate zuvor eine kleine Wohnung in der Warendorpstraße durch das Quartieramt vermittelt worden. Große Glücksfälle angesichts des vollkommen überlasteten Arbeits- und Wohnungsmarktes. Auch die Rationen wurden schrittweise erhöht. Lebensmittelkarten reichten nun etwa für ein großes Stück Fleisch, doppelt so viel Fisch, ein paar Pfund Mehl und zehn Brote monatlich für jeden von uns. Als Sprössling bekam ich etwas mehr zugeteilt. Davon konnte man leben – wie, war nicht zu fragen.
„Nun haben sie sie aufgeknöpft“
In der Warendorpstraße besuchte uns einige Male Ronny, ein englischer Soldat, mit dem meine Tante durch ihre Dolmetschertätigkeiten in der Kaserne bekannt war. Er konnte gut mit uns Kindern und brachte jedes Mal ein Präsent. Ein paar unbeschwerte Momente und ein heller Stein im großen Mosaik all der prägenden Erfahrungen, die wir mit den Alliierten gemacht haben: ausgebombt, besetzt, bestraft, ... befreit?
„Nun haben sie sie aufgeknöpft.“ – Worte meiner Mutter an einem Oktoberabend 1946. Die Beiläufigkeit in ihrem Wortklang über das Urteil von Nürnberg wirkt in der Rückschau wie ein persönliches Verdikt. Die dicke Staubschicht eines Jahres, die sich auf all die Enttäuschung, Scham und Bestürzung über die Verantwortlichen des NS-Staates gelegt hatte, die allen vieles versprochen und am Ende vielen alles genommen hatten. Blass und grau konnte dieser Staub darunter Liegendes doch nicht verbergen. Weite Teile der Lübecker Innenstadt zeigten noch immer ein ähnlich graues Gesicht, der Neuaufbau war in aller Munde.
Unsere Nachbarn waren die Moreikes aus Allenstein, der Vater Trümmermann – einer der wenigen unter all den Frauen, die täglich an der Schuttbahn standen.
Die Nutzung vieler städtischer Schulen als Lazarette verhinderte noch lange Zeit über das Kriegsende hinaus die Wiederaufnahme des Schullebens. Die letzte reguläre Schulstunde hatte ich 1942, fast vier Jahre zuvor, in der Königsberger Grundschule verlebt. Während der Umquartierung nach Krokau in den zwei Folgejahren war der Unterricht zu oft ausgefallen, als dass man von einer tatsächlichen Bildungsstätte hätte sprechen können, und die Zeit ab 1944 hatte ihr Übriges getan.
So fand ich mich zu Beginn des Winters 1946 plötzlich in einem Zimmer der Brockes-Schule wieder, in der dritten Klasse mit nunmehr elf Jahren. So brüchig wie mein Wissensstand war auch mein Antrieb, dem Unterricht zu folgen oder gar beizuwohnen. Zu Hhause, in stillen Gesprächen, gab man mir Motive, Mut zu fassen: Bildung als Chance aus der Mittellosigkeit, ein Weg aus den Trümmern. Ich sah es ein. Trotzdem – einladend blieb die Schulbank vorerst nicht.
Das Festhalten an Bekanntem, an Kultur und Geschichten, war in jenen Zeiten ein Anker für die Verlustreichen. Die Zeilen Agnes Miegels waren ein unerschöpfliches Bilderbuch, das viele Vertriebene durch manche Stunde trug und aus dem auch meine Mutter herrlich zu zitieren liebte. Für manche die symbolische Figur eines alten Lebens, im Zweifel Trost und Halt in unsicheren Zeiten. Im Rückblick vielleicht auch unterbewusst identitätsstiftend und ein kleines Kissen, das mich auf der harten Schulbank inmitten von Vorurteilen ein wenig aufrechter sitzen ließ.
Im Laufe des Jahres 1947 stand mein Großvater plötzlich vor der Tür. Durch den am 1. August 1945 gegründeten Kirchlichen Suchdienst (KSD) waren bereits nach gut einem Jahr viele tausend zerrissene Familien aus allen ehemaligen Provinzen zusammengeführt worden – Väter, Ehemänner, Söhne kamen aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Mein Großvater erzählte mir später Geschichten vom Untergang Königsbergs, vom unmenschlichen Hunger und dessen Folgen, von Gewalt und Überfällen zwischen der Roten Armee und deutschen Zivilisten, aber auch unter Deutschen selbst, von seiner Ausweisung, seinem Leben und Überleben als Landarbeiter in Litauen und von Wolfskindern. Diese und ähnliche Erlebnisse drangen langsam, aber stetig auch in die hintersten Stuben – und mit der Festigung der geopolitischen Absichten der Siegermächte wurde unsere Hoffnung auf eine Wiederkehr nach Ostpreußen verschwindend klein. Was dies für die Generation meiner Mutter, aber insbesondere für meine Großeltern bedeutet haben musste, die mit der Landschaft, den Menschen und der Kultur tief verwurzelt und gewachsen waren, das wurde mir erst später als jungem Erwachsenen bewusst. Der kindliche Erfahrungsmangel verzeiht oft noch manch großen Lebensbruch, sich von Vertrautem zu lösen und neu zu beginnen, doch ein ganzes Leben wiegt schwer auf dieser Waage. Wir sprachen in jenen Jahren zu Hause selten darüber. Über die Erinnerungen an die Heimat, ja, wir lachten beim Betrachten der wenigen Fotos, aber der Schmerz über den Verlust und was er mit uns gemacht hatte, wurde durch Schweigen vielfach betäubt. Wenn er sich zeigte, dann in unterschwelliger Eigenart.
„Fast wie bei uns in Nidden, nich'?“
Ich erinnere mich an einen Familienausflug an den Strand von Travemünde einige Jahre später. „Fast wie bei uns in Nidden, nich'?“ Verhaltenes Summen, Nicken, Verstummen. Da war es wieder, dieses dumpfe Gefühl in der Magengegend. „Wann wir da mal wieder hinkommen?“
Den drei Älteren schenkte diese marginale Hoffnung offenbar den nötigen Lebensmut – menschliche Ansätze für einen bejahenden Neuanfang. Das Gefühl eines wirtschaftlichen Neuanfangs wuchs mit der Währungsreform von 1948. Die Kaufkraft war erhöht, und es füllten sich langsam Geschäfte und Märkte. Konkret vollzog sich dieser Wandel aber vor allem in den kleinen Dingen. Auf unserem Besuchsweg in die Triftstraße sah ich einmal von Weitem ein junges Mädchen versonnen auf der Mauer vor ihrem Elternhaus sitzen. Mit zunehmender Nähe wurde deutlich, dass sie etwas in der Hand hatte, das ich zunächst für ein Spielzeug hielt, bis ich sie hineinbeißen sah und staunte. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen und fragte, was das denn sei, aber ihre Befangenheit erlaubte nur ein Schulterzucken. Erst, als ich mich wieder umdrehte und schon ein paar Schritte gegangen war, vernahm ich hinter mir zögerlich: „Banana ... heißt Banana.“
Eine entscheidende Unterstützung für viele Elternhäuser war die kostenfreie Schulspeisung, die ich während meiner drei Jahre auf der Marquardt-Mittelschule genoss. Die stabileren Bedingungen ermöglichten es der Stadt, abseits der Armeebestände, welche unmittelbar nach Kriegsende die Grundlage für die Schulküchen gebildet hatten, uns Schülern eine warme Mahlzeit anzubieten. Gekocht wurde, was in großer Menge zu verarbeiten war: Bohnensuppe, Milchsuppe, Grießbrei – eine angenehme Abwechslung zu den oft kalten Speisen, die zu Hause auf den Tisch kamen. Vor dem leeren Kochtopf kam es nicht selten zu Reibereien zwischen uns Jungen, nachdem entschieden wurde, wer zum Auslöffeln der Töpfe bleiben durfte. Die Chance bekam meist der Klassenbeste; eine gewisse Makaberkeit kann man diesem Ansporn rückblickend wohl nicht absprechen.
Deutliche wirtschaftliche Entlastungen erfuhr die Stadt Lübeck durch das Gesetz zur Umsiedlung von Heimatvertriebenen von 1951. Von den rund eine Million Menschen aus den deutschen Ostgebieten, die nach dem Krieg im kapazitätsarmen Schleswig-Holstein ankamen, konnten 150.000 in die restlichen Bundesländer, vor allem ins Ruhrgebiet, umgesiedelt werden. Sie hinterließen uns, die wir blieben, Raum zum Existenzaufbau. Die Erschließung neuer Flächen an den Stadträndern stärkte den sozialen Wohnungsmarkt zusätzlich. Die Neubausiedlung Marli-Brandenbaum im Osten der Stadt sollte für unzählige Lübecker moderne Heimstätten bieten und formte ihr Wesen mit der Zeit doch vor allem als Ballungs- und Gemeinschaftsraum für Vertriebene. Unsere Auszahlung des Lastenausgleichs reichte für einen neuen Tisch, Stühle und Schränke. Ecke Fridtjof-Nansen-Straße/Knud-Rasmussen-Straße – für mich fünf weitere Jahre Zuhause, für meine Mutter Schauplatz eines halben Lebens. Sich einer stigmatisierten Rolle als Flüchtlingskind zu entledigen, dauerte lange Jahre und verlangte Durchhaltevermögen. Zu tief waren die Bilder nicht enden wollender Trecks, die die Notlage des Kriegsendes zu einer Katastrophe gemacht hatten, in den Köpfen vieler Altlübecker manifestiert. Vorurteile und Schuldzuweisungen hatte man oft genug auf der Straße gehört. Gegen diese Widerstände Leistung in der Schule zu zeigen, war Protest und Geltungsdrang zugleich.
Stigmatisierung als Flüchtlingskind
Zu Beginn des Jahres waren diese Bemühungen so wirkungsvoll geworden, dass mir ein Wechsel auf das Katharineum ermöglicht wurde. Zu den Stigmata gesellte sich nun ein soziales Gefälle. Anzuführen ist hier eine bemerkenswerte Initiative unseres Klassenlehrers Otto, der eine Patenschaft gut situierter Familien für jedes von uns fünf Flüchtlingskindern arrangierte. So kam ich tagsüber in der Unternehmerfamilie Robert unter, den Inhabern des Musikhauses in der Breiten Straße. Ein wohlgemeinter Exkurs ins Bürgertum; am Ende blieb ein Gefühl des Fremdseins und vertiefter innerer Gräben auf beiden Seiten. Nachhilfeunterricht war ein Privileg der vielen Arztsöhne, das mich neidisch machte, und die elterliche Tendenz zur Korruption eines, das mich ungehalten machen konnte.
Im Lateinunterricht und im Sport fand ich meine Art der Kompensation, bekam regelmäßig Bestnoten und damit erste respektvolle Blicke. Mit einer Affinität zum Sprint wurde ich mit der Zeit ein gefragter Startläufer beim Staffellauf auf dem Buniamshof, einem Fußballstadion mit Leichtathletikanlage in Lübeck.
Viermalhundert Meter, Startaufstellung: Mit geneigtem Blick auf die Aschenbahn, Erinnerungen, Komplexe, Selbstzweifel – dann der Knall. Die Startklappe ließ mit einem Mal alles verschwinden. Jeder Meter auf der Laufbahn ein Meter mehr entfernt von dem, was einmal war. Am Ende warteten Anerkennung, Integration und Freundschaften, die ein Dreivierteljahrhundert umreißen sollten.
Sie wuchsen beim Viererrudern auf dem Kanal, an Filmsonnabenden in dem Kino an der Hüxtertorallee „Lichtspiele Hoffnung“ und bei Auftritten als Gesangstrio „Die Mohammeds“ – heute sicherlich nicht nur musikalisch streitbar. Unvergessen blieben die Tanzabende auf dem „River Boat“ und der Sturz ins Nachtleben. Heute sind diese Zeiten eingefangen auf rauem Fotopapier, konserviert in stummen Farbfilmen: Momente mit Freunden, Abitur, Hochzeiten, Umzüge, Leben.
Start in das Berufsleben
Dazwischen meine Mutter, ihre Gestalt verwoben im milchig-trüben Grün des Super-8-Filters, im Stadtpark Marli der späten 1960er Jahre. Leicht verschwommen, doch unverkennbar ihr lebensleichtes Lächeln, das dem Mann hinter der Kamera gilt. Und so merke ich etwas, das erst in der Distanz deutlich wird: Wir waren so etwas wie angekommen.
Nach dem Studium trat ich meine erste Stelle als Schulleiter in Staberdorf auf Fehmarn an, einem abgeschiedenen, kleinen Ort weit draußen nahe der Steilküste. Zu Beginn, als meine inzwischen eigene Familie berufsbedingt noch in Lübeck blieb, war es meine liebe Großmutter, die hier auf ihre alten Tage den Haushalt für mich organisierte, kochte und Milch einholte. Nie hat sie es wohl zu träumen gewagt, dass das Leben sie zum Ende hin ausgerechnet einmal an diesen Ort führen würde, und sie fand doch genau in ihm Urvertrautes: in den Höfen und den Alleen, dem Glanz der winddurchkämmten Felder, dem Duft der Obstbäume, ein Spiegel ihrer Kindertage im ländlichen Glauthienen.
Die Großmutter führte noch lange Gespräche mit der Wirtschafterin und dem Dorfschmied, die der Krieg ebenfalls aus der alten Heimat hierhin verweht hatte, und teilte mit ihnen noch manche Geschichten, manche Gedanken an ein Land, das nicht mehr war.
„Nach Osten fuhr keiner mehr, nur die Gedanken gingen immer wieder dorthin zurück, die vielen Gedanken und Träume.“ So enden die handschriftlichen Erinnerungen meiner Mutter an unsere Flucht, die sie später bei einem ihrer Besuche hinterließ, darunter eine Ergänzung: „Nur damals? Auch heute noch, und morgen wird es nicht anders sein.“ Ein tröstendes Versprechen an sich selbst und ein unweigerliches Erbe.
Doch sind diese Gedanken und Träume keineswegs Gefangene der Zeit; sie können geteilt und erzählt werden, sich auf das Gegebene legen, mit ihm verschränken und bleiben, nicht immer gleich sichtbar und doch immerzu ein Teil der Tinte für kommende Biografien. Vielleicht dachte meine Mutter beim Schreiben der Zeilen daran, sah ihre zwei Enkeltöchter, die auf Fehmarn damals gerade ihre ersten eigenen Schritte ins Leben machten und die diesen Ort einmal Heimat nennen sollten.
Die Dorfschmiede von Staberdorf ist heute verstummt, ihre Fenster sind zerborsten, die Wände mit Efeu bedeckt – und von der Straße aus ist darunter doch etwas zu erkennen: eine Eisenplatte, die den Eingang schmückt, handgeschmiedet, auf ihr eine Elchschaufel. Und wenn ich an manchem Tag einmal den Weg weiterfahre, weit bis an die Küste, und auf das Meer schaue, dann denke ich noch gern an unsere alten Tage in Nidden zurück, doch ein dumpfes Gefühl, das spüre ich nicht mehr.
• Edmund Ferner, Jahrgang 1935, lebt als pensionierter Lehrer mit seiner Familie in Burg auf Fehmarn. Neben seinem Beruf hat er sich zeitlebens für eine Erinnerungskultur bezüglich seiner Heimat Ostpreußen, aber auch für die deutsch-russische sowie deutsch-französische Völkerverständigung eingesetzt und dafür 1983 das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Innerhalb der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) in Schleswig-Holstein hat Ferner fast 40 Jahre als Landeskulturreferent gewirkt und ist Träger des Goldenen Ehrenzeichens der LO sowie des Bundes der Vertriebenen. Auf kommunaler Ebene war er bis zur Auflösung der Ortsgruppe Ost- und Westpreußen auf Fehmarn aktives Mitglied. Ein bleibendes Symbol für sein Lebenswerk zeigt sich in der von ihm initiierten Gedenkstätte für die Vertriebenen der ostdeutschen Provinzen im Stadtpark Burg auf Fehmarn.