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War mal die erste Adresse der Gleiwitzer Gastronomielandschaft: Das Haus Oberschlesien, heute Bürgermeisteramt
Bild: WagnerWar mal die erste Adresse der Gleiwitzer Gastronomielandschaft: Das Haus Oberschlesien, heute Bürgermeisteramt

Östlich von Oder und Neiße

Altes Preußen contra Junges Polen

Das Gleiwitzer Museum macht bei einer Kaffeehausschau leider wieder einen Schritt zurück

Chris W. Wagner
31.03.2026

Wenn das Museum zu Gleiwitz am 27. März seine neue Ausstellung eröffnet, geht es um jene verschwundene Welt der Cafés, in denen vor mehr als 100 Jahren die Städter diskutierten und über Gott und die Welt sinnierten. Unter dem Titel „Gleiwitz à la carte“ lädt die Schau zu einer Zeitreise in die Jahre zwischen 1900 und 1930 ein – in eine Epoche, in der auch in der oberschlesischen Industriestadt Gleiwitz die Kaffeehäuser zu Bühnen des städtischen Lebens wurden. Denn Kaffeehäuser waren damals keine bloßen Lokale, sondern soziale Knotenpunkte.

Die Gleiwitzer Präsentation zeigt dabei Porzellantassen aus dem „Haus Oberschlesien“ – dem Gleiwitzer Vorzeigehotel, auch Fundstücke aus dem „Café Schnapka“ oder dem „Theater-Café“. So lasse sich aus zeitgenössischen Inseraten und Anzeigen schließen, dass es vom Theatervolk und dem Publikum gerne besucht wurde, heißt es seitens der Kuratorinnen, Katarzyna Podniesińska und Magdalena Laskowska vom Krakauer Nationalmuseum sowie Patrycja Gwoździewicz vom Gleiwitzer Museum.

In der Zwischenkriegszeit gab es in dem nach der Volksabstimmung von 1921 in Oberschlesien beim Deutschland verbliebenen Gleiwitz bis 240 gastronomische Betriebe. Die Conditorei & Café Eduard Schnapka auf dem Wilhelmsplatz Nr. 3 [Plac Piastów] war der beliebteste Begegnungsort lokaler Intelligenz und der künstlerischen Szene. Das repräsentativste Gleiwitzer Etablissement war jedoch das „Haus Oberschlesien“, das 1945 stark beschädigt wurde und heute als Sitz der Stadtverwaltung dient. Dieses 1928 eröffnete Luxushotel avancierte schnell zum gesellschaftlichen Zentrum der Stadt. Im „HO“, wie es damals im Volksmund hieß, verkehrten Geschäftsleute, Reisende aber auch Künstler. Den Krieg und die Nachkriegszeit überdauerten nur wenige Gegenstände, die von der einstigen Pracht der Gleiwitzer Kaffeehäuser erzählen. Eine Tortenbox oder auch einfache Aschenbecher sind stille Überreste.

Durch Originalmöbel der Firma Thonet, Inbegriff deutscher Kaffeehausästhetik um 1900, will die Schau die Atmosphäre der Belle Époque wiedergeben und durch die klareren Formen des Art déco den Charme der 20er Jahre zurückholen.

Die Präsentation spannt jedoch den Bogen weit: von Lemberg [Lwów] über Krakau bis nach Gleiwitz und setzt einen deutlichen Krakauer Schwerpunkt. Dies ist wohl den beiden Krakauer Kuratorinnen Podniesińska und Laskowska geschuldet. Sie rücken die in Krakau um 1900 entstandene Bewegung des „Jungen Polen“ und dessen Bohème in den Mittelpunkt. Namen wie Stanisław Wyspiański, Witold Wojtkiewicz, Jacek Malczewski oder der in Lemberg und später in Warschau wirkende Leon Wyczółkowski stehen für die Kunst des „Jungen Polen“, die eng mit dem Kaffeehausmilieu verbunden war. Gezeigt werden jedoch nicht ihre Gemälde, sondern Einladungen, Plakate und Karikaturen aus dem Umfeld des Krakauer Kabaretts „Zielony Balonik“ [Grüner Luftballon]. Dieser war von 1905 bis 1912 im Restaurant „Jama Michalikowa“ (Michaliks Höhle) tätig.

Gleiwitz in die „Junges Polen“-Bewegung zu rücken stimmt befremdlich, weil hier nicht aus dem naheliegenden preußischen Bezug heraus – also Berlin und Breslau – erzählt wird. Anstatt auf die Krakauer Bohème zurückzugreifen, hätte man auf die lokale Szene setzen sollen. Beispiele für Gleiwitzer Künstler gibt es genug. Zu ihnen gehörte der Bildhauer Hanns Breitenbach, der hier seit den späten 20er-Jahren arbeitete. Auch der Gleiwitzer Architekt der klassischen Moderne, Wilhelm Haller, verweist auf die Bedeutung von Architektur und Gestaltung im städtischen Milieu der Zeit.

Musikalische Impulse kamen auch von jungen Komponisten wie dem aus dem benachbarten Laurahütte [Siemianowice Śląskie] stammenden Michael Jary. Er war einer der bekanntesten deutschen Komponisten für Film- und Unterhaltungsmusik, schrieb Schlager und Filmmelodien und prägte das deutsche Musik- und Filmgeschehen der 30er- und 40er-Jahre. Des Weiteren kamen aus Schlesiens Metropole Breslau sowie aus Berlin über das Theaterleben und seine Gastspiele Schauspieler und Ensembles regelmäßig nach Gleiwitz. All diese Geschichten werden in der Schau nicht erzählt.

Das Gleiwitzer Museum, das 1905 als „Oberschlesisches Museum“ gegründet wurde, hatte sich zum 120. Jahresjubiläum in einer Ausstellung umfassend auch der preußischen Geschichte gewidmet. Mit der Schau „Gleiwitz à la carte“ scheint das Museum in alte Muster zu verfallen, indem die preußisch-deutschen Prägungen zwar nicht offen negiert, aber überlagert oder an den Rand gedrängt werden.


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