11.06.2026

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Das Hamburger „76er Denkmal“ von Richard Kuöhl
Bild: Quasimodogeniti/WikimediaDas Hamburger „76er Denkmal“ von Richard Kuöhl

Im 9. Teil der PAZ-Serie ist man anderer Meinung

Auch ein Denkmal ist mal komplett dagegen ...

Lautlose Kontrahenten, die sich konträre Botschaften zurufen – aber mit vorbildlich stiller Eleganz und Eloquenz

Prof. Ingo von Münch
12.05.2026

Denkmäler werden geschaffen, um eine Botschaft zu transportieren. Im Laufe der Zeit kann diese Botschaft nicht nur ihren Reiz verlieren, sondern sogar negative Gedanken provozieren. Kommt es zu einer intensiven Kritik, so kann diese sich in verschiedenen Aktionen gegen das Denkmal manifestieren, etwa als dessen Beseitigung, Beschädigung, Verschandelung, Verbringung an einen anderen Ort (z.B. Musealisierung) oder auch nur in Form einer Kontextualisierung mit erläuternden Tafeln. Eine besonders intensive und sehr spezifische Gestaltung der Kontextualisierung ist dann sogar die Errichtung eines Gegendenkmals.

Die Wirkung oder sogar die Wucht eines Gegendenkmals beruht zunächst auf seiner unmittelbaren räumlichen Nähe (als Gegenüber) zum kritisierten Denkmal. Vor allem aber auf seiner konträren inhaltlichen Aussage. Mehr als ein herkömmliches Denkmal soll das Gegendenkmal zum Diskurs einladen oder auffordern: Das Gegendenkmal braucht für seine konterkarierende Existenzberechtigung geradezu einen (= seinen) Kontrahenten. Was den Ausdruck „Gegendenkmal“ betrifft, so hat dieser Begriff sich inzwischen in der Gedenkkultur fest etabliert. In der englischen Sprache ist von „Counter-Monument“ die Rede; in Deutschland war das von Alfred Hrdlicka 1982 in Hamburg als Gegenstück zu einem Kriegerdenkmal geschaffene „Gegendenkmal“ in gewisser Weise bahnbrechend. Zutreffend ist vermutlich die Feststellung der an der Hebrew University of Jerusalem lehrenden (und später hier noch einmal zu Wort kommenden) Professorin Galit Noga-Banai, dass das Hamburger „Gegendenkmal“ von 1982 „dieser Bewegung in der Gedenkkultur den Namen gab.“

Vorzeitiges Ende aus Geldgier

Anlass für das Hamburger „Gegendenkmal“ war ein noch in der Zeit der Weimarer Republik an zentraler Lage von Richard Kuöhl geschaffenes Denkmal zum Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des Hamburger 76. Infanterieregiments („76er Denkmal“). Stein des Anstoßes war, dass das aus einem Muschelkalkblock bestehende großformatige Monument in einem umlaufenden Reliefband marschierende deutsche Soldaten zeigt, vor allem aber der das Denkmal zierende Spruch „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“. Die weniger von der Mehrheit der Hamburger Bevölkerung als von politisch Engagierten geäußerte Kritik an dem Kriegerdenkmal führte zu etlichen Vorschlägen, den Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen: Angeregt wurde z.B., das (tonnenschwere) Monument auf den städtischen Hauptfriedhof abzutransportieren oder, so der Wille des Bezirksamtes Hamburg-Mitte, die umstrittene Inschrift zu entfernen.

Die weitere Entwicklung von Abräumplänen hin zum „Gegendenkmal“ schildert der Hamburger Politikwissenschaftler Peter Reichel in seinem Beitrag „Amnesie und Mythe“ in dem von Winfried Nerdinger herausgegebenen Sammelband „Stadt und Erinnerung“ (2017) wie folgt: „Der Streit eskalierte. Für eine Befriedung sollte ein Gegendenkmal sorgen. Und der renommierte österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka dem überlebten, aber anstößigen Monument eine kraftvolle Mahnung entgegensetzen – mit zeitgemäßen Weltkriegsbildern. 1985 wurde der erste Teil, „Feuersturm“ aufgestellt: eine brüchig wirkende, schwarze Bronzewand, die eine ausgeglühte Hausfassade mit verkohlten Menschenresten visualisiert. Darüber, teils Symbol, teils statisches Element, ein Hakenkreuzteil. Darunter eine, so der Künstler, „zerschmetterte Karyatide“ eine weibliche Gestalt, die in der Antike anstelle einer Säule dem Bauwerk als Stütze diente. Und auf der anderen Seite „ein herabstürzender Atlant – Bauelement und Mensch zugleich“, der in der griechischen Mythologie das Himmelsgewölbe trug.“ Peter Reichel weist darauf hin, dass von den ursprünglich geplanten vier Teilen des Gegendenkmals 1986 nur noch der zweite Teil („Fluchtgruppe – Cap Arcona“) eingeweiht wurde, während die beiden restlichen Teile („Soldatentod“ und „Verfolgung und Widerstand“) nicht mehr zur Ausführung gelangten. Dies hatte finanzielle Gründe: Hrdlicka verlangte über das mit der Stadt Hamburg vereinbarte und gezahlte Gesamthonorar hinaus noch ein zusätzliches Honorar für die restlichen beiden noch zu schaffenden Teile des Gegendenkmals, was die Stadt zu Recht ablehnte.

Kirchlicher Antisemitismus

Die Akzeptanz dieses Gegendenkmals ist umstritten, wie auch der Bildhauer Alfred Hrdlicka selbst und andere seiner Werke wie das „Denkmal gegen Krieg und Faschismus“ und „Der schrubbende Jude“ in Wien. Bemerkenswert ist, dass dem „Gegendenkmal“ in Hamburg einige Jahre später eine Kontextualisierung mit Informationstafeln beigefügt wurde, also eher eine Kontextualisierung der durch das „Gegendenkmal“ selbst erfolgten Kontextualisierung des Kriegerdenkmals.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine, den Bestrebungen zur Etablierung einer Veteranenkultur für ehemalige Bundeswehrsoldaten und der Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht dürften Kriegerdenkmäler in Deutschland aus der „Schusslinie“ geraten sein. Antimilitarismus ist nicht mehr so „in“ wie früher. Intensive, auch juristische Diskussionen haben sich dagegen zum Umgang mit antisemitischen Schmähskulpturen entzündet. Wie in anderen problematischen Fällen geht es auch hier um die Frage, ob der Stein des Anstoßes beseitigt oder nur kontextualisiert werden soll, wobei die Kontextualisierung eben auch in Form eines Gegendenkmals erfolgen kann.

Beispiele aus neueren Diskussionen sind Zeugnisse von kirchlichem Antisemitismus, das heißt von Schmähungen im Zusammenhang mit kirchlichen Bauwerken wie im Dom in Brandenburg/Havel und im Dom in Regensburg. Bekanntestes Beispiel ist das um 1280 oder 1290 geschaffene sogenannte „Judensau“-Relief an der Außenwand der Stadtkirche zu Wittenberg: Das Sandsteinrelief zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei an ihrer Kleidung erkennbare Juden saugen, und einen Rabbiner, der den Schwanz des Tieres lüftet (der für das Relief ständig gebrauchte Ausdruck ist m.E. unglücklich; besser wäre es – wenn überhaupt – von „Sau mit Juden“ zu sprechen). Die Bedeutung des Reliefs zeigt sich auch daran, dass seine Darstellung in Martin Luthers antijudaistische Schriften Eingang gefunden hat.

Dass es sich bei dem Relief an der Wittenberger Stadtkirche um eine eindeutige und drastische antisemitische Schmähdarstellung handelt, unterliegt keinem Zweifel – aber wie damit umgehen? Der damalige Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein forderte nachdrücklich ihre Beseitigung, sicherlich nicht als einziger kritischer Betrachter. Von besonderem Interesse und von Gewicht sind Stimmen aus dem Kreis der direkt Betroffenen, also von Juden.

Juden mit starker Meinung

Der prominente Historiker und Vorstandsvorsitzende der Moses Mendelssohn Stiftung Julius H. Schoeps schreibt in der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung“: „Dass man die Skulptur in der Wittenberger Kirche abnimmt und diese in ein Museum bringt oder in ein von der Kirche zu errichtendes Denk- bzw. Mahnmal integriert, darüber kann man sicherlich diskutieren. Aber was erreicht man mit einer solchen Maßnahme? Meines Erachtens sollten die Schmähskulpturen an den Wänden der Kirchen bleiben, und zwar dort wo sie sind. Denn ihre Entfernung löst die damit verbundenen Probleme nicht. Im Gegenteil.“ Der jüdische Autor zitiert dazu zustimmend die Erklärung des Pfarrers der Stadtkirche zu Wittenberg: „Geschichte zeigen, nicht verbergen, sondern mit dem Negativen so umgehen, dass etwas Positives daraus wird.“

Die bereits erwähnte Historikerin Galit Noga-Banai berichtet in ihrem detaillierten und beeindruckenden Artikel „Die Mauern sprechen, und das Pflaster antwortet. Warum das „Judensau“-Relief an der Wittenberger Stadtkirche nicht verschwinden darf: Bemerkungen zu einer aktuellen Debatte um Antisemitismus und deutsche Erinnerungskultur“: „Im August 2022 richtete ich gemeinsam mit mehr als fünfzig israelischen Wissenschaftlern und Studenten, zumeist Kunsthistorikern, eine Petition an die Evangelische Stadtkirchengemeinde, in der wir uns dafür einsetzten, das mittelalterliche Relief an seinem ursprünglichen Platz zu belassen.“

Beibehaltung oder Demontage?

Der Gemeindekirchenrat der Stadtkirche stimmte, möglicherweise auch unter dem Eindruck jener ungewöhnlichen und bemerkenswerten Petition israelischer Wissenschaftler, für einen Verbleib des Reliefs, zumal dieses seit 1988 Teil eines Mahnmals für die ermordeten Juden auf einem kleinen Platz unterhalb der Kirchenmauer ist. Die „Stätte der Mahnung“ wird visualisiert von einem Gegendenkmal: vier aus dem Boden leicht hervorstehende Bronzeplatten, umgeben von einem schwarzen Rahmen, der von einem Davidstern und einem Kreuz flankiert ist. Galit Noga-Bonai, die über die Gestaltung dieses Gegendenkmals noch ausführlicher informiert, schreibt nach einem Besuch des Mahnmals: „Mein Blick wanderte immer wieder hin und her, von der Judensau zu den vier Bronzeplatten zu meinen Füßen. Ich stand wie angewurzelt da, unfähig, mich zu rühren. Mir wurde klar, dass ich in ganz Deutschland bisher kein einziges Mahnmal gesehen hatte, auf das die Bezeichnung Gegendenkmal so gut passte wie auf dieses Werk – nicht einmal Alfred Hrdlickas Hamburger „Gegendenkmal“ von 1982...“.

Die Schmähskulptur an der Stadtkirche zu Wittenberg ist nicht das einzige Zeugnis von kirchlichem Antisemitismus; die Debatte in Wittenberg hat über den Ort hinaus Wirkung gezeigt. Über einen sehr ähnlichen Fall berichtet ein Beitrag „Umgang mit Schmähskulpturen. Kirchlicher Antisemitismus: Die „Zerbster Judensau“ hat jetzt ein Gegendenkmal“: Am Chor der im Zweiten Weltkrieg zur Ruine gewordenen Kirche St. Nikolai der Stadt Zerbst im heutigen Sachsen-Anhalt befindet sich eine der Schmähskulptur in Wittenberg sehr ähnliche, um 1440 geschaffene Darstellung. Wie in Wittenberg so entschied man sich auch in Zerbst gegen eine Demontage. Der Bürgermeister von Zerbst wird mit der Äußerung zitiert, eine Verbringung in's Museum „würde der Notwendigkeit, sich mit der antijüdischen und antisemitischen Geschichte von Zerbst auseinanderzusetzen, in keiner Weise gerecht“. Eine Demontage lehnte auch der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts ab: „Die Vorstellung, dass man diese Schmähskulpturen demontiert und dann in die Museen steckt oder gar in den Kellern der Museen versteckt“ halte er für eine Methode des „Aus den Augen, aus dem Sinn“. So kam es dann auch in Zerbst zur Lösung des Problems, indem eine schon früher aufgestellte Erklärungstafel nunmehr durch ein Gegendenkmal ergänzt wurde, das ein Lesepult mit schräger Oberplatte, mahnenden Worten und Namen von Opfern der NS-Verfolgung darstellt.

Ein einziges Wort sagt mehr ...

Von dem klugen Hamburger Kultursenator Carsten Brosda stammt die im Zusammenhang mit Diskussionen um das Bismarck-Denkmal in der Hansestadt getroffenen Feststellung: „Die Geschichte der Gegendenkmäler ist lang und gewunden, voller Stolperfallen und Abstürze. Aber auch darin liegt eine Chance.“ Die Chance liegt in Diskussion, Erkenntnis und letztlich in Befriedung. Wie weit Befriedung jedoch entfernt sein kann, zeigen nicht zuletzt die juristischen Auseinandersetzungen über das jeweilige Vorgehen oder Unterlassen: Allein der Fall der Schmähkultur in Wittenberg hat bereits zu drei gegen eine Entfernung ergangenen Gerichtsentscheidungen (Landgericht Dessau, Oberlandesgericht Naumburg, Bundesgerichtshof) geführt; eine weitere Klage gegen die Nichtentfernung ist beim Europäischen Gerichtshof anhängig. Es bedeutet kein Misstrauen gegen den Rechtsstaat, wenn man die Entscheidung über den Umgang mit umstrittenen Denkmälern oder Skulpturen besser in die Hände von Kunsthistorikern legt als in Gerichtssäle. Kontroversen um einzelne spezielle Gegendenkmäler werden jedoch vermutlich die weitere Verbreitung dieses Konzeptes nicht stoppen. Kunst ist innovativ und kreativ. Ein Beispiel hierfür ist ein „Gegendenkmal“ in Bogota. Die Künstlerin Doris Salcedo hat, so wird berichtet, das eingeschmolzene Metall von 9.000 Waffen, welche die Guerillabewegung „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (FARC) aufgrund eines Friedensabkommens niedergelegt und der Organisation der Vereinten Nationen übergeben hatte, als Fußboden genutzt, den „eine Gruppe vergewaltigter Frauen symbolisch mit Hämmern bearbeitete“.

Frieden als Gegenteil von Krieg ist ein verständliches Motiv für Gegendenkmäler. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist das von Horst Hoheisel aus den Überresten eines alten 1929 errichteten Kriegerdenkmals in Kassel geschaffene Mahnmal für den Frieden. Die ursprüngliche Inschrift über den Namen der 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 Gefallenen „SIE STARBEN FÜR UNS“ wurde in nun großen Steinbuchstaben ersetzt durch das eine lapidare Wort „WARUM“.


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Kommentare

sitra achra am 22.05.26, 16:48 Uhr

Sehr lesenswerter Artikel. Der Umfang dieser Gedenksteinschändungen durch sogenannte "Gegendenkmäler" war mir bisher nicht bekannt.
Aber was soll man anderes von diesen wertlosen anarchistischen linken Narzissten, die kein Vaterland kennen, schon erwarten? Ich bin jedenfalls stolz auf unsere im ersten und zweiten Krieg gefallenen Helden.
Die Gegendenkmalerrichter geben vor, damit den Frieden zu fördern. Dann sollten sie so konsequent sein, den derzeit stattfindenden Militarismus zu bekämpfen. Es wäre daher nur konsequent, wenn sie vor dem Natohauptquartier und US_Stützpunkten Antikriegsdenkmäler präsentieren würden. Ein Austritt aus diesem teuflischen Natobündnis wäre ein weiterer Schritt zum Weltfrieden im Sinne Kants.

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